Pfisterer-Preis für Macher der Theaterspinnerei Im Geist des alten Dorfpfarrers

Karl Rein vom Geschichts- und Kulturverein Köngen, die Preisträger Jens Nüßle und Stefan Hänlein sowie Sonja Spohn (von links). Foto: /Kerstin Dannath

Jens Nüßle und Stephan Hänlein von der Theaterspinnerei in Frickenhausen sind in Köngen mit dem Pfisterer-Preis geehrt worden.

Seit dem Jahr 2000 vergibt der Köngener Geschichts- und Kulturverein den Daniel-Pfisterer-Preis. Der Namensgeber war von 1699 bis 1728 evangelischer Pfarrer im Ort. Mit Jens Nüßle und Stephan Hänlein von der Theaterspinnerei aus Frickenhausen sind in der proppevollen Zehntscheuer nun erstmals zwei leidenschaftliche Theaterleute ausgezeichnet worden. Zahlreiche ehemalige Preisträger wie etwa Köngens Alt-Bürgermeister Hans Weil, der Historiker Dieter Planck und die Kulturwissenschaftlerin Christel Köhle-Hezinger sowie Ehrengäste wie der Landrat Heinz Einiger und die Bürgermeister Steffen Weigel aus Wendlingen und Simon Blessing aus Frickenhausen nahmen an der Ehrung teil.

 

Hintergründiges und Philosophisches

Die Tatsache, dass die beiden Preisträger ihre Wurzeln in Köngen haben, sei nicht entscheidend gewesen, sagte Sonja Spohn, die Vorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins, in ihrer Begrüßungsrede: „Das ist eher noch ein willkommenes i-Tüpfelchen.“ Ausschlaggebend war vielmehr, dass Nüßle und Hänlein stets im Geiste Pfisterers unterwegs seien: „Sie zeigen auf, was Menschen beschäftigt und bewegt – wie Daniel Pfisterer. Sie beleuchten Hintergründiges und Philosophisches – wie Daniel Pfisterer. Sie sind interessiert an gesellschaftlichen Entwicklungen – wie Daniel Pfisterer – und sie haben Zukunftsvisionen.“ Und während es bei Daniel Pfisterer noch Pinsel und Farbe waren, mit denen er seine Beobachtungen detailgetreu visualisierte, sind es heute andere technische Möglichkeiten, die Nüßle und Hänlein auf einzigartige Weise mit ihrer künstlerischen Kreativität kombinieren.

Theater an ungewöhnlichen Orten

Auch Laudator Kai Holoch, Journalist der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten und langjähriger Wegbegleiter der beiden „Theaterspinner“, hob das außergewöhnliche kulturelle Schaffen der beiden Preisträger heraus – indes auch an ungewöhnlichen Orten. „Was haben wir schon für die Theaterspinnerei gefroren“, erinnerte Holoch etwa an Aufführungen in kalten Nächten auf einer Waldlichtung oberhalb von Frickenhausen („Das kalte Herz“/2007), im ehemaligen Steinbruch neben dem Schopflocher Naturschutzzentrum („Rulaman“/2012) oder auf dem Parkplatz des Köngener Einkaufszentrums Kö8 („Große Weihnachtsbaumgeschichte“/2014). „Immer wieder zieht es das Ensemble hinaus zu außergewöhnlichen Locations in der Region, bei denen man normalerweise nicht an Theater denkt“, so Holoch weiter.

Glücksmomente seien in unserer Zeit rar gesät. Aber das sei auch gut so, da sie das Leben lebenswert machten, so Holoch: „Die Theaterspinnerei hat mir einige davon beschert.“ Nicht nur im eigenen Theatersaal im ehemaligen Bahnhof von Frickenhausen, auch an vielen Stellen in der Region, hätten Nüßle und Hänlein eine ganz eigene Theaterform geschaffen, die mit ihrer multimedialen Umsetzung spannender, unterhaltsamer Themen aber auch in der Erörterung nachdenklicher und philosophischer Fragen ihrer Zeit weit voraus gewesen sei.

In der Schülerband kennengelernt

Obwohl beide in Köngen aufwuchsen, haben sich Nüßle und Hänlein erst in der Schülerband des Robert-Bosch-Gymnasiums im benachbarten Wendlingen kennengelernt. Neben der Musik und der Begeisterung fürs Theater vereinte sie von Anfang an die Faszination für die Möglichkeiten der modernen Technik – bis heute zeichnen sich ihre Aufführungen durch überraschende multimediale Akzente aus. Ihre gemeinsame Theaterarbeit begannen sie 1995 in der Theatergalerie Neckartailfingen.

Die Theaterspinnerei wurde im Jahr 2000 von den beiden gegründet. Seit 2004 haben sie im eigenhändig renovierten ehemaligen Bahnhof von Frickenhausen eine eigene Spielstätte mit 70 Plätzen. Zentrales Element ihrer Philosophie ist, Theater für Menschen zu machen, ohne dabei auf Tiefe und Anspruch zu verzichten oder sich anzubiedern. Ihre kompromisslose Art, Theater zu verwirklichen, sucht ihresgleichen – der Pfisterer-Preis kam aber doch etwas überraschend. „Eine Ehrung für unsere Art Theater zu machen hat es auch noch nie gegeben“, freute sich Nüßle. Obwohl beide schon lange nicht mehr in Köngen wohnen, sind die Beziehungen zu der Gemeinde nach wie vor eng. „Praktisch seit wir im Jahr 2000 das Köngener Schloss mit der Aufführung von ‚Auf der Suche nach dem heiligen Gral’ wachgeküsst haben“, bestätigte Nüßle. Das Stück sei damals die erste Außenproduktion für die beiden „Theaterspinner“ gewesen: „Und damit waren wir zeitgleich Wegbereiter für alles, was noch im Schloss gekommen ist.“

Der alte Meister höchstselbst würdigt die Preisträger

Eine Kostprobe ihres Könnens boten die beiden Theaterspinner auch bei Preisverleihung – denn da meldete sich überraschend per audiovisueller Einspielung der alte Meister Pfisterer höchstselbst zu Wort und ließ in grantig-humoriger Manier etwa verlauten: „Die Wahl (der Preisträger) ist gerade so in meinem Sinn – diese beiden Herrn schau’n dem Volke doch ganz gut aufs Maul.“

Wer war Daniel Pfisterer?

Leben
Magister Daniel Pfisterer war von 1699 bis 1728 Pfarrer in Köngen. Kurz vor seinem Tod vollendete er im September 1727 sein Bilder- und Gedichtbuch „Barockes Welttheater“ – ein buntes Sammelsurium von „Menschen, Tieren, Blumen, Gewächsen und allerlei Einfällen“ wie es im Untertitel heißt.

Ausnahmestellung
Einzigartig macht Pfisterers Werk, dass er sich mit durchaus kritischem, oft ironischem Blick dem Alltag der kleinen Leute widmete. Er zeichnete und kommentierte, was ihn beschäftigte und bewegte – seien es Pflanzen, Tiere, Gebäude, seine Kirche, Werkzeuge, Kleider, Szenen aus dem dörflichen Leben, von Bauern und Bürgern, von Kranken und Ausgestoßenen.

Veröffentlichung
Fast 280 Jahre blieb Pfisterers Werk unveröffentlicht, nur einzelne Bilder waren bekannt. Erst 1996 erschien das Buch als originalgetreuer Nachdruck, Herausgeber ist neben dem Württembergischen Landesmuseum der Köngener Geschichts- und Kulturverein.

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