Immer gut gelaunt, schnell von Begriff, wissbegierig, zupackend, einfühlsam, zuverlässig – so beschreibt Melanie Kollar ihren Mitarbeiter Machiavelli Hoa-Bhaob. „Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben“, sagt die Haus- und Pflegedienstleiterin des Gemeindepflegehauses Allmersbach im Tal. Nach seinem Engagement im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) fängt der junge Mann, der in einem kleinen Ort im Norden von Namibia geboren ist, in diesem Monat seine Ausbildung als Pflegefachkraft in dem Seniorenheim des Alexanders-Stifts im Rems-Murr-Kreis an. Der Weg dort hin war für ihn alles andere als einfach.
Hoch engagierte Deutschlehrerin
Dass er seinen Traum von einer Ausbildung in Deutschland nun leben kann, verdankt Machia, wie der 20-Jährige von Kollegen und Klienten in Allmersbach genannt wird, seiner engagierten Deutschlehrerin in Namibia sowie der André-Schneider-Stiftung für Afrika. Erstere hatte zunächst versucht, ihren sprachbegabten Schüler im Gymnasium von Otjiwarongo über einen Wettbewerb des Goethe-Instituts für einen Austausch nach Deutschland zu vermitteln, doch trotz sehr guter Deutschnoten hatte das nicht geklappt. Mehr Erfolg hatte sie schließlich bei ihrer Vermittlung mit der Fellbacher Stiftung.
Diese haben André Schneider und seine Frau Gaby Schröder vor fünfeinhalb Jahren mit dem Ziel gegründet, im südlichen Afrika Hilfsprojekte im Bereich der Bildung von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen. Der Anstoß dazu kam nach einem intensiven Urlaub in Namibia, bei dem das Ehepaar einerseits von dem Land und der großen Gastfreundschaft seiner Menschen begeistert war, andererseits aber auch deren Not und Armut wahrgenommen hatte.
Englischunterricht in der Vorschule
Unter anderem zwei namibische Vorschulen werden seither von der Fellbacher Stiftung mitfinanziert. In Otavi und Omaruru werden dort Kinder von umliegenden Farmen betreut und spielerisch in der englischen Sprache unterrichtet. Denn während in den Familien des Vielvölkerstaats meist regionale Stammessprachen gesprochen werden, wird an den staatlichen Schulen ab der siebten Klasse in Englisch gelehrt. Für nicht wenige Kinder stellt das eine hohe Hürde dar.
Über das Netzwerk pädagogischer Fachkräfte, die André Schneider und seine Frau im Rahmen ihrer Hilfsprojekte aufgebaut haben, erreichte sie zwischenzeitlich auch die Anfrage von Machiavelli Hoa-Bhaobs Lehrerin nach einer Ausbildung für ihren Schützling in Deutschland. Die berufliche Tätigkeit seiner Frau als Geschäftsführerin des Alexander-Stifts legte nahe, welche Ausbildung sich anböte. Aber, und das betonen André Schneider und Gaby Schröder ausdrücklich: „Wir betreiben mit unserer Stiftung keine Personalakquise, sondern engagieren uns, um die Bildung im Land zu verbessern.“
Zwei Jahre für Abbau bürokratischer Hürden
Und das war im Fall Machiavelli Hoa-Bhaobs ein höchst aufwendiges Unterfangen. Zwei Jahre lang musste sich der junge Mann in Geduld üben. Es sei ein einziges bürokratisches Theater gewesen, bis eine anbahnende Lösung in Form eines Freiwilligen Sozialen Jahres gefunden worden sei, sagt André Schneider. Zigmal habe die deutsche Botschaft eingeschaltet werden müssen. Letztlich habe ein von der EU nicht anerkannter chinesischer Corona-Impfstoff die Einreise noch einmal um drei Monate verzögert, und für den Flug wurde noch eine eigens abzuschließende private Krankenversicherung fällig.
Machiavelli Hoa-Bhaob aber gab nicht auf, bereitete sich mit einer Pflege-Kurzausbildung vor Ort vor, überbrückte die Zeit mit Gelegenheitsjobs in der Landwirtschaft und der Betreuung seiner Geschwister. „Meine Mutter hat mich bestärkt, durchzuhalten. Sie hat gesagt: Gott weiß, wann die richtige Zeit ist“, sagt der 20-Jährige. Dann endlich durfte er zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug besteigen und seine Heimat verlassen.
„Die Leute hier reden gar kein Deutsch“
Er sei hier, in Allmersbach, bestens aufgenommen worden, versichert „Machia“. Man habe sich toll um ihn gekümmert. Bis auf das Wetter sei nichts zu beanstanden. Nur eines habe er feststellen müssen: „Die Leute hier reden gar kein Deutsch.“ Doch auch in dieser Hinsicht hat er sich durchgebissen: „Ich schwätz jetzt selbst ein bissle Schwäbisch.“
Auch das Alexander-Stift hat von den Erfahrungen Machiavelli Hoa-Bhaobs lernen können. Bei einer Ausbildungsmesse in Windhuk war das Pflegeheim als einziges deutsches Unternehmen vertreten. Gleich am ersten Tag seien alle Flyer vergriffen gewesen. 185 Bewerbungen gingen ein. Letztlich sind sechs übrig geblieben, die jetzt nach Deutschland kommen sollen.
Mehrere Mitarbeiter für die Betreuung abgestellt
Der Weg dahin wird – auch wegen des zwischenzeitlich verabschiedeten Fachkräfteeinwanderungsgesetzes – möglicherweise ein bisschen einfacher werden. Aber nach wie vor, sagt Gaby Schröder, gebe es viele bürokratische Hemmnisse. Ein nicht anerkannter Waldorfschulabschluss trotz perfekter Deutschkenntnisse etwa. Die größte Hürde aber sei der Mangel an Wohnungen.
Im Alexander-Stift sind eigens mehrere Mitarbeiter freigestellt, um die Einreise für ausbildungswillige Menschen und Fachkräfte aus dem Ausland zu beschleunigen, um Wohnungen anzumieten, Zertifikate anerkennen und Gesetze übersetzen zu lassen, Schulplätze zu organisieren, die jungen Menschen abzuholen und ihnen beim Einleben zu helfen.
Nach der Ausbildung zurück in die Heimat?
Machiavelli Hoa-Bhaob hat das zum Glück hinter sich. Er lebt in einer Wohngemeinschaft mit einem Azubi-Kollegen aus Indien in unmittelbarer Nähe zu seiner Arbeitsstätte. Dort stehen jetzt erst einmal drei Lehrjahre an. Und danach? „Weiter machen in dem Bereich“, sagt er, „vielleicht studieren, Karriere machen wie Frau Kollar.“ Vielleicht werde er aber auch in seine Heimat zurückkehren und sich dort in der Ausbildung engagieren. Auch wenn dem Alexander-Stift dann eine gut ausgebildete Fachkraft fehlen würde – der Stiftung wäre das am liebsten. „Wir möchten, dass unsere Unterstützung der Bildung in den armen Ländern zugute kommt“, sagt André Schneider.
Hilfe für junge Afrikaner
Stiftung
Die André-Schneider-Stiftung für Afrika fördert in Zusammenarbeit mit Plan International und anderen gemeinnützigen Organisationen unter anderem den Kindergarten- und Schulbesuch von Mädchen und Jungen sowie die berufliche Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen in Namibia. Informationen erhält man direkt bei dem Gründer und Stiftungsvorstand per -Email an die Adresse aschneider3101@gmail.com.
Stift
Das Alexander-Stift ist eine Einrichtung der Altenhilfe mit insgesamt 22 Standorten in sechs Landkreisen. Träger ist die Diakonie Stetten. Information unter www.alexander-stift.diakonie-stetten.de.