Pflegenden Angehörigen macht die Corona-Krise zu schaffen Die große Last der Pflege

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Wegen der Ansteckungsgefahr konnten viele ehrenamtliche Helfer während der Corona-Pandemie nicht in die Wohnungen von Pflegefällen. Für die Angehörigen war das eine schwierige Zeit. Langsam kehrt wieder Normalität ein.

Die Beraterin Dorothea Bloching führt Angehörige durch den Paragrafen-Dschungel  von Pflegediensten, Sozialämtern und Krankenkassen. Foto: factum/Simon Granville
Die Beraterin Dorothea Bloching führt Angehörige durch den Paragrafen-Dschungel von Pflegediensten, Sozialämtern und Krankenkassen. Foto: factum/Simon Granville

Holzgerlingen - Die Angehörigen von Demenzkranken haben eine harte Zeit hinter sich. Über Monate konnten ehrenamtliche Helfer nicht mehr in ihre Haushalte kommen, um sie bei der Pflege ihrer demenzkranken Ehepartner oder Eltern zu unterstützen. Oft waren es zuvor nur ein paar Stunden in der Woche gewesen, aber das war der einzige Freiraum, den die pflegenden Angehörigen hatten. Sie hatten sich oft die ganze Woche darauf gefreut.

Robert Müller (Name geändert) macht eine resignierte Handbewegung: Er spreizt die Finger an beiden Händen ab. „Wie Wasser zerrinnt meine Lebenszeit“, sagt er „ich bekomme nichts mehr hin.“ Ähnlich wie bei Suchtkranken gibt es auch bei pflegenden Angehörigen eine Co-Abhängigkeit: „Hol mal, mach mal, bring mal!“, fordert der Angehörige, und das 24 Stunden am Tag. Die Demenzkranken sind gewöhnt, dass ihre Angehörigen ihnen die Arme und Beine ersetzen und ihr Gedächtnis. Verschärft wird das dadurch, dass sich viele Kranke die Demenz nicht eingestehen können. „Meine Frau stellte einen Topf mit Wasser und Kartoffeln auf den Tisch und glaubte, sie hätte ein Mittagessen gekocht.“

In einfachen Sätzen sprechen

Robert Müller macht eine zweite resignierte Handbewegung: Er streckt die beiden Zeigefinger aus, führt sie aufeinander zu, dann aneinander hoch. „Und so ging das jeden Tag. Wenn ich sagte, ,das geht so nicht, das kannst du nicht‘, dann gab es gleich Streit.“ Dorothea Bloching arbeitet in Holzgerlingen in der Informations-, Anlauf- und Vermittlungsstelle (IAV) Schönbuchlichtung, die auch spezielle Demenzberatung anbietet, und ist für den östlichen Teil des Landkreises Böblingen zuständig. Sie hat diese Geschichte schon oft gehört. Sie rät den Angehörigen, in einfachen Sätzen zu sprechen, bloß nicht schulmeisterlich zu werden, Lob und Wertschätzung zu verteilen – auch wenn es schwerfällt.

Nicht über die Kranken reden, sondern mit ihnen

Auf keinen Fall über die Demenzkranken reden, wenn sie im Zimmer sind. Denn oft sind die Kranken nicht mehr in der Lage, ihre Demenz zu verstehen. Sie glauben dann, ein Komplott gegen sie liege in der Luft, und reagieren oft aggressiv, wie fast jeder Mensch, wenn er überfordert ist – und Demente sind dauerüberfordert. Robert Müller war mit einem Arzt konfrontiert, der kein bisschen Gespür für die menschliche Dimension einer Demenz hatte und sich nicht vorstellen konnte, was es für die Angehörigen bedeutet. Erst als es Müller mit seiner Frau in die Gedächtnisklinik nach Tübingen geschafft hatte, sah sich Müller ernst genommen. Auf einem Zettel hatte er seine Fragen Punkt für Punkt notiert, und die Ärzte arbeiteten sie Punkt für Punkt ab.

Dorothea Bloching hilft den Angehörigen, die drückende Last der Pflege zu tragen. Sie vermittelt Pflegeplätze, sie kennt die psychische Ausnahmesituation in der Demenz und die rechtlichen Aspekte. Da geht es um Geschäftsfähigkeit, da geht es um Autoversicherungen und viele Dinge, an die man erst denkt, wenn man damit konfrontiert wird.

„Ich werde immer für meine Frau da sein“

Robert Müller, weit in den Siebzigern, ist ein Mann alter Schule. Für ihn ist es zurzeit noch unvorstellbar, seine Frau in ein Pflegeheim zu bringen. „Ich habe damals im Standesamt Ja gesagt, und ich werde immer für meine Frau da sein“, sagt er, „bis zuletzt.“

Doch Dorothea Bloching weiß, dass dieser Tag irgendwann kommen muss. Dann, wenn die Pflege für Robert Müller so schwer geworden sein wird, dass er seine eigene Gesundheit aufs Spiel setzt. Die Statistik gibt ihr dabei recht. Etwa 80 Prozent aller Patienten mit Demenz müssen in ein Heim. Blochings Stichwort ist: „rechtzeitig“. Rechtzeitig einen Platz suchen in einer Einrichtung, wo sich beide wohlfühlen, rechtzeitig die Generalvollmachten ausstellen lassen, rechtzeitig Pflegedienste beauftragen. Rechtzeitig das soziale Netz stärken, dafür sorgen, dass die Nachbarn, Freunde und Verwandte die Pflegenden unterstützen. Es reicht oft, wenn jemand eine Stunde mit dem Kranken spazieren gehen, für den pflegenden Angehörigen bedeutet das eine Stunde Ruhe, die Gold wert ist.

Robert Müller kommt mit der Last der Pflege im Augenblick noch zurecht. „Wissen Sie“, sagt er, „ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, auch noch unter ex­tremsten Schmerzen zu lachen.“ Vielleicht ist dieser unbeugsame Optimismus das, was die Pflege dementer Angehöriger braucht. So heißt auch der Treff der Demenzkranken, den Dorothea Bloching in Holzgerlingen organisiert, „Café Fröhlich“. Wegen der Pandemie musste das Café seit Februar pausieren, nächste ­Woche öffnet es wieder. Zumindest diese Krise ist überwunden.




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