Pilgern im Kreis Ludwigsburg Auf Wallfahrt vor der Haustür

Es muss nicht immer der Jakobsweg sein. Innere Erleuchtung kann Pilgern auch in der Heimat widerfahren. Foto: imago

Warum denn in die Ferne schweifen: Das Pilgern ist auch im Kreis Ludwigsburg möglich – und überaus gefragt. So sehr, dass die evangelische Kirche sogar Pilgerbegleiter ausbildet.

Region: Verena Mayer (ena)

Ludwigsburg - In der Nacht zum Karfreitag, ausgerüstet mit Taschenlampe und Vesper, einen Marsch zum Kernkraftwerk Neckarwestheim in Angriff zu nehmen. Bei Horrheim dem heiligen Martin nachzuspüren und zwischendurch in den Ruinen eines Nonnenklosters zu verweilen. Oder bei klirrender Kälte zwei Tage lang von Nürtingen bis Tübingen zu gehen, die winterliche Natur auf sich wirken zu lassen und eine tiefe Verbundenheit zu spüren. Das alles ist möglich und noch viel mehr: In einer neuen Broschüre haben die Bildungswerke der beiden Kirchen im Landkreis zwölf geführte Routen veröffentlicht, die man auf keinen Fall Wandertouren nennen sollte. Weil sie nämlich viel mehr sein sollen: Pilgerwege.

 

Seit wann pilgern Protestanten?

Das klingt jetzt wahrscheinlich erst mal seltsam: Protestanten, die pilgern! Wo gibt’s denn so was? Das ist doch Sache der Katholiken. Und, zum zweiten: Pilgern in der Heimat! Wie soll das denn funktionieren? Heilige Orte, Wallfahrtsstätten gar, sind für den Landkreis Ludwigsburg keine verbürgt. Aber, das erklären die Herausgeber der Broschüre, so eng dürfe man das alles nicht sehen.

Christoph Wiemann, der unter anderem die evangelische Seniorenarbeit im Kirchenbezirk Ludwigsburg gestaltet, sagt sinngemäß: „Durch Prominente wie Hape Kerkeling ist das Pilgern auch in der evangelischen Kirche angekommen.“ Als er vor zwei Jahren eine Pilgertour von Kleiningersheim nach Cleebronn anbot, hatten sich, kaum dass er sich’s versah, 25 Senioren angemeldet. Und dass diese Neu-Pilger besinnliche Momente erlebt haben, davon darf ausgehen, wer Birgitta Negwer vom Katholischen Dekanat hört, die sagt: „Heilige Orte finden sich auch hier.“

Auf der Suche nach Heiligen Orten

Pilger, gläubig Erzogene wissen das, werden auch Bittgänger oder Wallfahrer genannt. Und zwar deshalb, weil sie in die Fremde ziehen, um dort Buße zu tun oder ein Gelübde abzulegen. Das Ziel ist, zumindest beim traditionellen Pilgern, eine Wallfahrtskirche, ein Tempel oder ein anderer als heilig erachteter Ort.

Aber, wie man in Ludwigsburg lernen kann: Es muss nicht immer Rom sein, Lourdes oder Jerusalem. Ein Baum im Wald, ein Bild in der Kirche, ein Kinosaal im Dunkeln haben ebenso das Potenzial, große innere Erleuchtungen zu bewirken. Entscheidend, sagt Birgitta Negwer, seien die Anstöße, die der Pilger bekomme – der sonst wohl doch nur ein Wanderer oder Spaziergänger wäre. Beim nämlichen „Gang in die Nacht“, der am Karfreitag in Neckarwestheim endet, befassen sich die gehenden Männer denn auch mit der Suche nach ihrer ureigenen Kern-Kraft.

Im Falle der Ludwigsburger Neu-Pilger liefern diese Anstöße Profis, die die Touren begleiten. Mal sprechen sie ein Gebet, mal regen sie an, die Natur bewusst wahrzunehmen. Mal stimmen sie ein Lied an oder geben eine Phase des Schweigens vor. Wer je einer solchen Veranstaltung beigewohnt hat, weiß um die nachgerade mystische Wirkung, die sie entfalten können. Jörg Maihoff von der katholischen Erwachsenenbildung formuliert es so: „Es geht darum, die Spiritualität im Alltag zu entdecken.“

65 Männer wollten zum Kraftwerk pilgern

Vor zwei Jahren haben die Kirchen eine Broschüre über „Spirituelle Orte in Ludwigsburg“ herausgebracht. Vorgestellt wurden gewöhnliche Lokalitäten (unter anderem der erwähnte Kinosaal im Dunkeln), die durch kurze, nachdenkliche Texte zu ungewöhnlich inspirierenden Orten wurden. Kaum war das Heftchen erschienen, war es auch schon vergriffen.

Beim Gang zum Kraftwerk, der bereits zwei Mal stattgefunden hat, hatten sich zur Premiere 30 Männer angemeldet – beim nächsten Mal waren es schon 65. Und inzwischen hat sich sogar der Schwäbische Albverein bei den hiesigen Pilgern eingeklinkt. Bei zweien der zwölf Märsche, in Horrheim und in Besigheim, ist er Kooperationspartner. Und selbstverständlich steht dann nicht die sportliche Bewegung im Vordergrund.

Die Sehnsucht nach Spiritualität ist groß

Wie es aussieht, ist das Bedürfnis nach Spiritualität im Alltag sehr groß. Und, das suggeriert diese Nachfrage ja auch, es kann durch das traditionelle Angebot der Kirchen nicht gestillt werden. Sonst wären sie nicht so schlecht besucht und die Zahl der Mitglieder würde nicht sinken.

Frage also an die Erneuerer des Pilgerwesens in Ludwigsburg: Sind die ausgesuchten Routen womöglich versteckte Missionierungsversuche? Seichte Anbiederungen, um die Mitglieder bei der Stange zu halten? Weit gefehlt, versichern Wiemann, Negwer und Maihoff glaubhaft. Es gehe lediglich darum, Sinnsuchern ein niederschwelliges Angebot zu machen. Im Prinzip also das zu tun, was die Aufgabe einer Kirche der Nächstenliebe ist.

Und das, kann man konstatieren, wird in Ludwigsburg gleich konsequent weitergedacht: Im Routensortiment befindet sich auch das Angebot, eine Fortbildung zum Pilgerbegleiter zu machen.

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