Pilotprojekt Gerda in Stuttgart und Tuttlingen Arztrezepte direkt per App auf das Smartphone

Von Rebekka Groß 

Die Telemedizin geht einen Schritt weiter: Jetzt dürfen Ärzte für Patienten aus den Modellregionen Stuttgart und Tuttlingen nach der Beratung ein elektronisches Rezept ausstellen. Doch bis jetzt ist die Nachfrage verhalten.

Der Patient kann  per App  eine der teilnehmenden Apotheken auswählen und das E-Rezept an  diese senden. Per Statusmeldung sieht er dann, wie weit die Bearbeitung  ist. Foto: Landesapothekerkammer BW
Der Patient kann per App eine der teilnehmenden Apotheken auswählen und das E-Rezept an diese senden. Per Statusmeldung sieht er dann, wie weit die Bearbeitung ist. Foto: Landesapothekerkammer BW

Stuttgart - Rund 25 000 Papierrezepte kommen jedes Jahr in Peter Treus Apotheke in Stuttgart-Münster zusammen. Aber ab sofort können die Kassen-Patienten die Verordnungen auch in elektronischer Form bei ihm einlösen. Denn er ist einer von derzeit zehn Apothekern in der Region Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen, die am Pilotprojekt „Geschützter E-Rezept-Dienst der Apotheken“, kurz Gerda, teilnehmen.

Für das Projekt haben die Landesapothekerkammer und der Landesapothekerverband mit dem baden-württembergischen Sozialministerium vor Kurzem den Startschuss gegeben. Bei positivem Verlauf soll es ab 2020 auf Baden-Württemberg ausgeweitet werden. Das Land fördert das Projekt mit einer Million Euro. „Für uns Apotheker ist das E-Rezept eine spannende Sache und der nächste notwendige Schritt in Sachen Digitalisierung“, sagt der 62-jährige Peter Treu, der seit fast 30 Jahren die von seinem Vater im Jahr 1954 gegründete Apotheke in Münster betreibt.

Der geschützte E-Rezept-Dienst der Apotheken ist während der Pilotphase an die telemedizinische Plattform Docdirekt der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg gekoppelt. Dort können sich Patienten von einem der 40 teilnehmenden Ärzte online beraten lassen. Rund 200 Arztfälle verzeichnete Docdirekt im vergangenen Oktober im Land.

Auch elektronische Rezepte werden nicht leichtfertig ausgestellt

Eine aus dem Team der Tele-Ärzte ist Martina Hartmann, Allgemeinmedizinerin aus Mannheim. Zwischen zehn und 30 Patienten in der Woche behandelt sie digital. Vor allem Eltern nutzten das Angebot für ihre erkrankten Kinder, aber auch Patienten, die sich in medizinischen Fragen absichern wollen, ohne den Weg in eine Praxis samt Wartezeit vor Ort in Kauf zu nehmen, so die Ärztin.

Weil sie schon Fälle hatte, in denen sie die Patienten nach der Online-Beratung für ein Rezept wieder an den Hausarzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst verweisen musste, begrüßt die Ärztin den Start des Pilotprojekts. Sie habe zwar auch kritische Stimmen vernommen, aber „kein Arzt verschreibt ein Medikament leichtfertig. Das wird sich auch mit dem elektronischen Rezept nicht ändern“, so Hartmann.

Stellt der Arzt ein Rezept elektronisch aus, dann benötigt er neben einem speziellen Arztausweis auch ein Kartenlesegerät am Computer. Mit dieser digitalen Signatur versehen, legt er das Rezept verschlüsselt auf dem digitalen Speicher von Gerda ab. Der Patient kann dann per App auf seinem Smartphone das Rezept ansehen, eine der teilnehmenden Apotheken auswählen und an diese senden. Per Statusmeldung sieht er dann, wie weit die Bearbeitung seines Rezeptes ist. „Wie beim Papierrezept entscheidet allein der Patient, was mit seinem E-Rezept passiert“, sagt Günther Hanke, Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.

Bislang ist noch kein E-Rezept bei Peter Treu im Stuttgarter Norden eingegangen. Die technischen Voraussetzungen sind aber vorhanden. Auf allen Kassenplätzen der teilnehmenden Apotheken ist ein Internetanschluss vorhanden und das notwendige, kostenlose Softwareupdate vorgenommen, um den Eingang von E-Rezepten angezeigt zu bekommen.

Kontakt zwischen Apotheke und Patient möglich

Per Chatfunktion kann die Apotheke auch mit dem Patienten kommunizieren und mitteilen, ob das Medikament vorrätig ist und ob er eine Lieferung wünscht. Die Ärzte können den Patienten in Stuttgart und Tuttlingen per E-Rezept alle handelsüblichen Medikamente verschreiben, lediglich Betäubungsmittelrezepte sowie Verordnungen für Heil- und Hilfsmittel sind vorerst davon ausgenommen.

Einen größeren Aufwand durch die elektronischen Rezepte würde den Apothekern nicht entstehen, so Treu. Im Gegenteil: Statt das Rezept wie bislang zuerst einzuscannen und zusätzlich als monatliche Postsendung für das Abrechnungszentrum zu sammeln, könne er das elektronische Rezept mit wenigen Klicks direkt an die jeweiligen Stellen verschlüsselt über Gerda übermitteln.

Angst vor der Konkurrenz durch Online-Versandapotheken mit der Einführung des E-Rezepts hat Apotheker Peter Treu nicht. Er sieht hier eher einen Pluspunkt für die wohnortnahe Apotheken-Versorgung. „Der Patient kann entscheiden, ob er seine Medikamente abholen oder sie sich von unserem Botendienst kostenfrei liefern lassen möchte. Hierbei sind gerade die Vor-Ort-Apotheken schneller als die internationalen Versandhändler, und die Beratung des Patienten beim Empfang an der Haustüre ist durch uns ebenfalls gewährleistet“, so Treu.

Neben der Einsparung an Papier und dem Service für Patienten soll das E-Rezept weitere Vorteile bringen. So sollen durch die Digitalisierung der Rezepte künftig Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die der Patient bereits einnimmt, erkannt werden, und auch die Möglichkeit einer Medikamenten-Erinnerung sowie eines Plans soll es künftig geben.