Pilotprojekt im Rems-Murr-Kreis Für Waschbären wird es ungemütlich
Immer wieder töten Waschbären massenweise Gelbbauchunken, Kröten und Co. Ein Pilotprojekt im Landkreis soll helfen, wie man die Amphibien besser vor diesen Fressfeinden schützt.
Immer wieder töten Waschbären massenweise Gelbbauchunken, Kröten und Co. Ein Pilotprojekt im Landkreis soll helfen, wie man die Amphibien besser vor diesen Fressfeinden schützt.
Der Waschbär kennt keine Gnade: Als wären es Weißwürste, ziehen die pelzigen Räuber den Unken und Kröten die giftige Haut ab, um die Amphibien anschließend zu fressen. Immer häufiger gibt es im Rems-Murr-Kreis Meldungen über Kadaver von Erdkröten und anderen Lurcharten an den Laichgewässern. Dass es sich bei den Tätern um Waschbären handelt, daran lassen die Fachleute keinen Zweifel: Aufnahmen mit Wildtierkameras und Spuren, sogenannte „Trittsiegel“, im Gelände konnten die Waschbären dabei eindeutig als Beutegreifer identifizieren. „An einem Laichgewässer zwischen Aspach und Spiegelberg wurden in diesem Jahr allein mehr als 500 tote Erdkröten gezählt“, teilt das Landratsamt mit. Außerdem lägen auch Kadaverfunde von Feuersalamandern und den streng geschützten Gelbbauchunken vor.
Inwieweit Waschbären Einfluss auf Amphibienbestände haben, wird kontrovers diskutiert. Aufgrund der im Rems-Murr-Kreis gemachten Beobachtungen gehen die Fachleute der Unteren Naturschutzbehörde davon aus, dass der Waschbär durchaus einen negativen Einfluss auf die Bestände einzelner Amphibienarten haben kann. Wie viele dieser Tiere es im Kreis genau gibt, weiß keiner. Doch es werden immer mehr. Und wegen des ökologischen Schadenpotenzials wird der Waschbär seit 2016 auf der Unionsliste der invasiven gebietsfremden Arten geführt.
Um genauer zu untersuchen, wie die negativen Auswirkungen des Waschbären auf Unke, Kröte, Lurch und Co. minimiert werden können, läuft im Rems-Murr-Kreis aktuell das Pilotprojekt „Amphibienschutz und Waschbärmanagement“. Hauptziel des Pilotprojektes ist es, Konflikte in Bezug auf den Amphibienschutz zu erkennen, passende Maßnahmen zu erproben und so Musterlösungen zu entwickeln, die schließlich landesweit Verwendung finden können.
Das Projekt umfasst drei Gebiete, die sich jeweils an ausgewählten Laichgewässern in Aspach, Oppenweiler und Schorndorf befinden. Vor Ort wird einerseits untersucht und ausgewertet, wie oft sich Waschbären im Jahresverlauf an Amphibienlaichgewässern aufhalten. Andererseits wird dokumentiert, wie viele und welche Amphibien an diesen Stellen von Waschbären im Jahresverlauf erbeutet werden.
Um Amphibien vor Angriffen zu schützen, werden an den ausgewählten Gewässern verschiedene Maßnahmen in der Praxis getestet: So wurden an einzelnen größeren Laichgewässern Elektrozäune aufgebaut, die den Waschbären den Zugang versperren sollen. In einer anderen Versuchsanordnung wurde der Uferrandbereich an einem Amphibienlaichgewässer mit Tannen- beziehungsweise Fichtenreisig abgedeckt. Hintergrund ist, dass Waschbären ihre Beute im flachen Wasser ertasten. Die Abdeckung des Uferrandbereichs soll dies verhindern. Mit Fotofallen wird das Verhalten der Waschbären vor Ort aufgezeichnet und soll darüber Aufschluss geben, ob dies eine wirksame Schutzmaßnahme darstellt.
In einer weiteren Versuchsanordnung werden Kleinstgewässer, wie etwa tiefe Fahrrinnen, die Gelbbauchunken zur Laichablage bevorzugen, mit einer Baustahlmatte überdeckt. Auch hier wird das Verhalten der Waschbären über Fotofallen dokumentiert.
Den Waschbären selbst geht es dagegen an den Kragen – sofern sie an bestimmten Stellen erwischt werden: Gefangen werden die Tiere mit einer Lebendfalle, die mit einem speziellen Sender ausgestattet ist, der dem Jäger das Auslösen der Falle meldet. Beim Kontrollieren der Falle wird der Waschbär in einen speziellen Fangkorb entlassen und dann das Geschlecht des jeweiligen Tieres bestimmt. Weibchen werden während der Schonzeit freigelassen. Die männlichen Waschbären werden im Fangkorb vom Jäger mittels Schusswaffe erlegt.
Eine flächendeckende sowie intensive Bejagung im Rems-Murr-Kreis ist nicht Bestandteil des Pilotprojekts und stelle auch keine wirksame Methode der Bestandsregulierung dar, erklärt das Landratsamt. Vielmehr stehe im Vordergrund, die Amphibien vor den Waschbären durch eine gezielte Entnahme des Waschbären in Kombination mit Präventionsmaßnahmen an besonderen Biotopen zu schützen.
Das Pilotprojekt läuft unter der Federführung des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft. Beteiligt sind die Untere Naturschutzbehörde, das Kreisforstamt, der Wildtierbeauftragte des Rems-Murr-Kreises sowie Vertreterinnen und Vertreter von Forst BW und der Wildforschungsstelle Baden-Württemberg. Das Projekt wird voraussichtlich Ende 2024 abgeschlossen.
Nicht nur an Laichgewässern, sondern auch in urbanen Bereichen machen sich die Waschbären breit. Wenn sich die unliebsamen Gäste am Haus oder im Garten blicken lassen, sollte man sie beispielsweise mit einem Besen, einer Taschenlampe oder Lärm verscheuchen. „Wenden Sie sich an den Stadtjäger, sofern Ihre Kommune einen eingesetzt hat“, empfiehlt das Landratsamt. „Ansonsten können Sie sich an die Untere Forstbehörde des Landratsamtes wenden.“ Dort erhält man Infos über die Fallenfanggenehmigung und Kontakt zu örtlichen Jagdpächtern. Im Vorfeld sollten möglichst Präventivmaßnahmen ergriffen werden: keine aktive und passive Fütterung, Müllbehälter und Kompost unzugänglich für Waschbären machen sowie Haus, Hütte und Garage möglichst waschbärsicher gestalten.