Pisa-Chef im Interview Pisa-Chef übt harte Kritik an deutschen Lehrern

, aktualisiert am 19.01.2024 - 18:50 Uhr
Bei Pisa abgestürzt. Warum? Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Deutschland hat bei der Pisa-Studie so schlecht abgeschnitten wie noch nie. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher spricht im Interview über die Gründe – und übt dabei auch harte Kritik an den deutschen Lehrern.

Korrespondenten: Tobias Peter (pet)

Der Chef der Pisa-Studie, OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher, plädiert im Interview für längeres gemeinsames Lernen – und dafür, das Geld im deutschen Bildungssystem anders zu verteilen.

 

Herr Schleicher, die deutschen Schüler haben heute schlechtere Ergebnisse als beim großen Pisa-Schock im Jahr 2001. Hat Deutschland 20 Jahre verloren?

Deutschland hat nach der ersten Pisa-Studie viel verbessert. Es hat damals etwa bei der frühkindlichen Bildung aufgeholt. Doch dann hat die Reformdynamik nachgelassen. Die deutsche Bildungspolitik ist stehengeblieben – und das in einer Zeit, in der die Herausforderungen immer größer geworden sind, zum Beispiel, was die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund angeht.

Das klingt nicht so, als hätte sie der Absturz Deutschlands bei den Pisa-Ergebnissen überrascht.

Nein. Das ist ein Trend, der sich seit einem Jahrzehnt abgezeichnet hat. Dass in Deutschland die Schulen während der Corona-Pandemie besonders lang geschlossen waren, hat die Abwärtsentwicklung sicherlich beschleunigt. Aber generell hat Deutschland zu lange seine Hausaufgaben nicht gemacht.

Was ist der wichtigste Punkt, der sich an deutschen Schulen jetzt ändern müsste?

Ein zentraler Punkt ist: Deutschland ist beim Lehrerberuf noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Zu viele Lehrer sehen sich in erster Linie als Befehlsempfänger, die im Klassenzimmer statisch einen Lehrplan abarbeiten müssen. Dabei müssen Lehrkräfte viel mehr sein.

Was genau erwarten Sie von den Lehrerinnen und Lehrern denn?

Die Veränderung muss zuerst mit einer Erkenntnis beginnen: Deutsche Schülerinnen und Schüler sind relativ gut darin, auswendig gelerntes Wissen wiederzugeben. Aber es fällt vielen schwer, ihr Wissen auf neue Zusammenhänge zu übertragen. Viele können Texte reproduzieren, aber nicht ausreichend Fakten von Meinungen unterscheiden. Die Umstellung dahin, den Kindern und Jugendlichen vor allem selbstständiges Denken beizubringen, hat in deutschen Klassenzimmern noch nicht ausreichend stattgefunden.

Und nun?

Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Ich bin von Haus aus Naturwissenschaftler. Diese Fächer werden in Deutschland oft wie Religion unterrichtet: Die Schüler lernen Theorien auswendig und bekommen Aufgaben, die sie durchrechnen sollen. Bei den Naturwissenschaften geht es aber nie um die Reproduktion des Wissens unserer Zeit, sondern darum, dieses Wissen zu hinterfragen. Dazu müssen die Schüler selbst Experimente durchführen und sich das Wissen erarbeiten. Hier bietet auch die Digitalisierung neue Möglichkeiten, weil Experimente virtuell simuliert werden können.

Solche Programme hätte manch ein Lehrer erst mal gern.

Auch das ist ein wichtiger Punkt. Lehrer müssen Coaches für die Kinder und Jugendlichen sein, die ihnen bei ihren individuellen Lernprozessen helfen. Zugleich gilt: Lehrkräfte müssen Innovatoren des Bildungssystems sein. Sie müssen gemeinsam Konzepte entwickeln, wie sich der Unterricht verbessern lässt. Es müssen auch Lehrerinnen und Lehrer sein, die Lernsoftware entwickeln oder verbessern. Die Kollegen, die da schon mehr können, müssen ihr Wissen mit den anderen teilen. Das Einzelkämpfertum muss vorbei sein. Es geht um Teamarbeit.

Viele Lehrer werden entgegnen, dass es angesichts zu vieler Stunden und zu großer Klassen unmöglich sei, diesen Anforderungen auch noch nachzukommen.

Ich habe, ganz ehrlich, wenig Verständnis für Lehrer, die nur darauf pochen, dass sie überlastet seien. Die deutschen Lehrer sind im internationalen Vergleich sehr gut bezahlt. Lehrkräfte können sich nicht einfach darauf zurückziehen, dass sie viel zu tun haben – und dass sie sich deshalb nicht gemeinsam mit Kollegen treffen könnten, um bessere Unterrichtskonzepte zu entwickeln. Eine solche Haltung würde in keinem anderen Job akzeptiert. Ich bin allerdings dafür die Arbeitszeit von Lehrkräften anders zu organisieren und sie insbesondere von Verwaltungsaufgaben entlasten.

Was haben Sie selbst durch die Ergebnisse der Pisa-Studie dazugelernt?

Eines der größten Probleme in Deutschland ist bekanntermaßen nach wie vor, dass der Bildungserfolg der Kinder zu eng an ihre soziale Herkunft gekoppelt ist. Unsere Idee war bislang: Wir brauchen Schulen, die alle Defizite des Elternhauses ausgleichen. Das war naiv. Die neuen Daten zeigen uns: Wir können es ohne die Eltern nicht schaffen.

Was bedeutet das?

Ein guter Lehrer ist eine echte Bezugsperson für seine Schüler, aber auch für die Eltern. Er kennt die Eltern und besucht sie, wenn nötig, zu Hause. Er ist ein Ansprechpartner, wenn es etwa darum geht, über gute Regeln für den Umgang mit Tablets und Smartphones zu sprechen. Wenn die Schüler bis in die Nacht hinein Spiele zocken, können Lehrer tagsüber wenig erreichen. Der Erfolg vieler asiatischer Länder bei Pisa beruht auch darauf, dass die Eltern mitmachen. Es macht für den Bildungserfolg einen riesigen Unterschied, ob Eltern zu Hause fragen: „Wie war es in der Schule?“

Muss Deutschland mehr in Bildung investieren, um seine Schulen erfolgreicher zu machen?

Mehr Geld ist immer gut. Ich bin dennoch überzeugt: Im deutschen Bildungssystem lassen sich auch ohne zusätzliches Geld große Verbesserungen erreichen. Es geht darum, die Mittel dort zu konzentrieren, wo sie am meisten gebraucht werden. Das ist erstens in den Grundschulen und auch schon davor – und nicht so sehr in den Gymnasien. Und zweitens natürlich dort, wo die Herausforderungen durch Schüler aus armen Familien und mit Migrationshintergrund besonders groß sind.

Sollten die deutschen Schüler länger gemeinsam lernen?

Das deutsche Schulsystem schickt Kinder zu früh auf vorgefertigte Bahnen. Schwächere Schüler können davon profitieren, wenn sie vor und neben sich bessere Leistungen sehen – und auch die stärkeren können lernen, indem sie ihrem Sitznachbarn etwas erklären. Es gibt kaum ein Bildungssystem, das so früh so rigoros sortiert. Das sind die Strukturen der Industriegesellschaft des vergangenen Jahrhunderts, als man noch davon ausging, dass nicht so viele Wissensarbeiter gebraucht werden. Heute müssen wir jedes Talent fördern. Ich plädiere definitiv für ein Schulsystem, in dem länger gemeinsam gelernt wird. Davon würde Deutschland langfristig sehr profitieren.

Was ist Ihr wichtigster Appell an die Lehrer?

Meine Bitte an die Lehrer ist: Machen Sie sich auf den Weg! Schauen Sie nicht nach oben, sondern im Lehrerzimmer direkt zur Kollegin oder zum Kollegen neben sich. Lehrer können gemeinsam an Schulen viel zum Guten verändern. Dafür braucht es keinen Erlass aus dem Kultusministerium.

Eine besondere Bildungsgeschichte

Bildungsforscher
 Andreas Schleicher hat Physik und Mathematik studiert. Als Statistikexperte arbeitete er früh an Bildungsstudien mit. Seit fast 30 Jahren arbeitet er nun als Bildungsforscher für die OECD in Paris. Schleicher hat bei der OECD die Pisa-Studie entwickelt. In ihr geht es insbesondere um die Lesekompetenzen und mathematischen Fähigkeiten von 15-Jährigen. Der Schock über das schlechte Abschneiden bei der ersten Studie aus dem Jahr 2000 hat in Deutschland zu Reformen, etwa für mehr frühkindliche Bildung, mitausgelöst.

Kindheit
In der Grundschule wurde Schleicher von seinem Lehrer als „ungeeignet fürs Gymnasium“ eingestuft. Sein Vater, ein Professor für Erziehungswissenschaften, schickte ihn auf eine Waldorfschule. Dort legte Schleicher sein Abitur mit 1,0 ab.  

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