Pläne für Kulturmeile in Stuttgart Kampfansagen an die Asphaltschneise

Von Josef Schunder 

Die Automeile aus Beton und Asphalt zwischen Oper und Staatsgalerie, zwischen Landtag und Landesbibliothek muss gebändigt, die Kluft in der Stadt überwunden werden. Diese Haltung wird wieder zur Bewegung. Die Pläne sind aber noch vage.

Am Charlottenplatz (vorne) gibt es viel Verkehr von und zur B 14 (hinten) – eine Kulturmeile ohne Autos würde auch durch einen Tunnelbau nicht möglich werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Am Charlottenplatz (vorne) gibt es viel Verkehr von und zur B 14 (hinten) – eine Kulturmeile ohne Autos würde auch durch einen Tunnelbau nicht möglich werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Der Name verkündet die Absicht: „Aufbruch Stuttgart“. Der neue Verein um Fernsehmoderator Wieland Backes will der Stadtplanung Impulse geben. Ein Ziel: die Konrad-Adenauer-Straße für Menschen ohne Auto überwindbar zu machen. Aber viel ist offen.

Wie soll die Schneise umgestaltet werden? Mit Tunnelbau oder ohne? Wie sollte man die Fahrbahnen anlegen, die in jedem Fall oben gebraucht werden? Das waren seit den 1980er Jahren Debatten, die anlässlich von Architektenwettbewerben, Symposien und politischen Entscheidungsprozessen immer wieder hochkochten – und verebbten. Jetzt köcheln sie neu.

Das Tunnelmodell

Mehrfach peilten Stadt und Land einen Tunnel an. 2009 wurden die Kosten von 70 bis 90 Millionen Euro aber für nicht finanzierbar erklärt. OB Wolfgang Schuster (CDU) und der Gemeinderat stiegen aus. Manche hatten sich erhofft, der Tunnel würde oben eine „Kulturmeile“ nur für Flaneure und Radfahrer ermöglichen. Aber 40 000 bis 50 000 der fast 120 000 Fahrzeuge pro Tag würden weiter oben verkehren. Das sind jene, die nicht zwischen Neckartor und Wilhelmsplatz auf der B 14 bleiben, sondern am Gebhard-Müller-Platz oder am Charlottenplatz aus- oder einfahren. Dabei geht es auch um die Verknüpfung von B 14 und B 27 – und um die Erschließung der Parkhäuser. Die Zahl der Fahrzeuge auf der Kultur- und Politikmeile würde laut städtischen Verkehrsplanern um zehn Prozent steigen, wenn der von der CDU geforderte Ostheimer Tunnel zwischen Gaskessel, Gaisburg und Gebhard-Müller-Platz existiere. Und die geplante Verkehrsberuhigung der Schillerstraße könnte auch Zusatzverkehr bringen.

Die Gestaltung der Oberfläche

Die Stadtverwaltung schlug 2007, als sie gerade Tunnelpläne verfolgte, oberirdische Fahrspuren am Rand vor, dazwischen einen grünen Flanierstreifen über dem Tunnel. Der Ingenieur Werner Sobek hielt das für falsch und plädierte für gebündelte Fahrspuren über dem Tunnel. Dagegen orientierten sich die ersten Preisträger bei einem Wettbewerb 2009 eher an der städtischen Haltung: Sie schlugen viele Bäume im mittleren Bereich über einem Tunnel vor. Das war eine Debatte, die im Grundsatz auch beim Verzicht auf den Tunnel zu führen ist, wenn auch mit anderen Maßen für Straßen und Grün.

Die oberirdische Variante

City-Boulevard ist die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL). Sie untersuchte auch den Tunnel, plädierte aber für eine oberirdische Neugestaltung auf einer größeren B-14-Achse. Der Verschönerungsverein Stuttgart stimmte ein. Aber lässt die künftige Verkehrsmenge diese Pläne heute noch zu?

Die neue Debatte

„Von Tunnellösungen haben wir nie viel gehalten“, sagt Erhard Bruckmann vom Verschönerungsverein ungeachtet kleiner Versuchungen im Jahr 2007, als die Finanzierung gerade machbar schien. Der Charme des DASL-Konzepts sei die abschnittsweise Realisierbarkeit. Versteife man sich auf Maßnahmen mit riesigen Kosten, würde man gar nichts hinkriegen. Bruckmann: „Der Tunnelplan ist gestorben.“ Wegen der vorteilhafteren optischen Wirkung plädiert er für einen zentralen Grünstreifen mit Bäumen. Würde man innen Fahrbahnen konzentrieren, bekäme man am Ende gar keine Veränderung, weil an den Rändern wieder Parkplätze angelegt würden. Beseitige man unnötige Fahrspuren und Betoneinbauten, könne man der Schneise mit mäßigem Aufwand einiges abtrotzen, meint Bruckmann. Die Stadtverwaltung favorisiert inzwischen begrünte Ränder und Fahrbahnen in der Mitte. Doch sie will Ideen für die ganze Achse zwischen Österreichischem Platz und Gebhard-Müller-Platz einholen: durch einen neuenWettbewerb , der den Tunnel nicht ausschließt und die Entwicklungen seit 2009 berücksichtigt. Bis Jahresende soll die Jury entscheiden.

Bruckmann zollt Beifall: „Natürlich ist ein neuer Wettbewerb nötig, wenn man baulichen Veränderungen näherkommen will – und wir wollen weiter die Wunde der Stadt an der Kulturmeile heilen.“ Dagegen hat Alexander Wetzig, von Wieland Backes konsultierter Ex-Baubürgermeister von Ulm, Zweifel am Ertrag eines baldigen Wettbewerbs. Erst müssten die Ziele der Stadt klar sein. Ein Tunnel wäre für ihn „nicht die erste Lösung“, sagt Wetzig. Dagegen erscheint Backes auch diese Variante „noch nicht ausdiskutiert“. Zumindest um neue Fußgängerüberwege, etwa in Höhe der Eugenstraße, wird es bald vielen Diskutanten gehen. Sie sind ja Hauptzweck der Operation.

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