Plötzlicher Kindstod Die kleine Linda lebt nicht mehr

, aktualisiert am 03.01.2023 - 10:51 Uhr
Die kleine Linda mit ihrer Mutter Maria Foto: P/rivat

Jedes Jahr sterben Säuglinge am plötzlichen Kindstod. Eine betroffene Mutter erzählt, was dieser unbegreifliche Tod mit einer Familie macht. [Plus-Archiv]

Ein kleiner Blechsarg, der auf die Straße getragen wird. Notarzt. Polizei. Staatsanwalt. Krisenintervention. Seelsorge. Es sind die letzten Bilder, die Maria Lorinser von ihrer Tochter Linda im Kopf hat. Wenige Stunden zuvor hat sie das acht Monate alte Mädchen in seinem Zimmer im Kreis Konstanz noch gestillt und in den Schlaf gewiegt. Aufgewacht ist es nie wieder. Der von den Eltern gerufene Notarzt stellt schnell fest: plötzlicher Kindstod.

 

Die Definition dieser Todesursache ist ein Albtraum für alle Eltern: Vollkommen gesund und normal erscheinende Säuglinge sterben unerwartet, meist mitten im Schlaf, meist im ersten Lebensjahr, gehäuft zwischen dem zweiten und vierten Monat. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, um Fremdverschulden – auch durch die Eltern – auszuschließen.

Die Obduktion bleibt ergebnislos

Eine eindeutige medizinische Ursache lässt sich häufig nicht finden. „Das liegt auch daran, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, die sich teils gegenseitig bedingen“, sagt Harald Schönhofen, Kinderarzt und aktiv in der Gemeinsamen Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod (GEPS).

Für betroffene Eltern macht das den Tod noch unfassbarer. Wenn ein kleiner Mensch so plötzlich stirbt, dann muss sich dafür doch ein Grund finden lassen – da war sich auch Maria Lorinser sicher, als ihre Tochter in dem kleinen Blechsarg weggetragen wurde. Deshalb stimmte sie auch zu, dass Linda gerichtsmedizinisch untersucht wird. „Die Obduktion hat allerdings rein gar nichts ergeben.“

Rastlose Suche nach den Ursachen

Warum sie dann sterben musste? Und hätte ihr Tod verhindert werden können? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen reiste Maria Lorinser drei Jahre lang um die Welt und besuchte medizinische Vorträge zum Thema plötzlicher Kindstod. Sie erfährt, dass Überwärmung im Schlaf ein wesentlicher Punkt ist.

Und sonst: Bauchlage, Schlafen unter Daunendecken, auf einem Schaffell, mit Nestchen, im Elternbett, bei rauchenden Eltern, Atemwegsinfekte. „Bei Linda hat das alles nicht gepasst.“ Zwar sei auch sie in Bauchlage gefunden worden. „Aber in diesem Alter drehen sich Kinder nachts ja auch schon selbst um.“

Irgendwann schafft sie es zu akzeptieren, dass sie die Antwort auf das „Warum?“ nicht finden wird.

Als Maria Lorinser ihre Geschichte in einem Meersburger Café erzählt, hört sich das an, als wäre sie gestern passiert. Dabei ist der schreckliche Morgen mit dem Blechsarg schon 32 Jahre her und Maria Lorinser inzwischen 58 Jahre alt.

Deutlich weniger Fälle als noch vor 30 Jahren

Damals, Anfang der 90er Jahre, starben deutschlandweit jedes Jahr noch mehr als 1000 Kinder am plötzlichen Säuglingstod. Im Jahr 2020 waren es nur noch 84 der über 770 000 Kinder, die geboren wurden. Erstmals hat damit der Unfalltod den plötzlichen Säuglingstod als häufigste Todesursache im Babyalter abgelöst.

Dass die Zahlen so stark gesunken sind, hat mit Menschen wie Maria Lorinser zu tun, die mit der Gemeinsamen Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod Aufklärungsarbeit leisten.

Die Initiative sorgt dafür, dass frischgebackene Eltern über Krankenhäuser, Hebammen und Kinderärzte gleich nach der Geburt erfahren, wie eine sichere Schlafumgebung für ein Baby aussieht (Schlafsack, Rückenlage, eigenes Bett im Elternschlafzimmer). Sie informiert über bekannte Risikofaktoren wie Überwärmung oder Felle im Bettchen.

„Heute wird man bei einer Obduktion eines toten Säuglings kaum noch Haare vom Schaffell in den Lungen finden. Früher war das häufig der Fall“, sagt Kinderarzt Harald Schönhofen. Trotzdem: Ganz verhindern lässt sich der plötzliche Säuglingstod nicht. Weil man ihn nicht vollständig erklären kann.

Wie man danach weiterleben kann? Maria Lorinser ist ein Jahr lang jeden Tag ans Grab ihrer kleinen Tochter gegangen. Sie hat einen Motorradführerschein gemacht und ist herumgefahren. Hat musiziert. War viel allein. „Weil ich das wollte. Aber auch, weil Familie und viele Freunde ohnmächtig waren, wie sie helfen sollten, und sich deshalb zurückgezogen haben.“

Auch Lindas Vater kam aus seinem Schockzustand nicht heraus. „Wir konnten nicht gemeinsam trauern. Der Tod hat uns beide verändert, aber nicht zusammen.“ Irgendwann hielt die Beziehung das nicht mehr aus.

Das Leben aber ging trotzdem weiter. Und meinte es noch einmal gut mit Maria Lorinser. Nach Linda hat sie noch zwei weitere Kinder bekommen. Die Ärzte empfehlen in solchen Fällen eine Monitorüberwachung für Herz und Atmung im ersten Lebensjahr. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass auch genetische Ursachen zum plötzlichen Säuglingstod beitragen. Es gibt Familien, die dieses Schicksal mehr als einmal erleben müssen.

„Wir hatten nach all dem, was ich mir an Wissen angeeignet habe, ein gutes Gefühl, dass uns das nicht noch einmal passiert“, sagt Maria Lorinser. Einen Monitor, der vielen anderen Familien Sicherheit gibt, lehnte sie deshalb ab. Es gelingt ihr, die Babyzeiten zu genießen. Und ja, auch ruhig und ohne Ängste zu schlafen.

Heute betreut Mutter Maria andere Betroffene

Linda wäre heute 33 Jahre alt. Was sie wohl für einen Beruf ergriffen hätte? Ob sie selbst inzwischen Kinder hätte? Immer mal wieder kommen Maria Lorinser solche Gedanken. „Wir haben zwar nur wenige gemeinsame Monate erlebt, aber für die sind wir sehr dankbar. Ein eigenes Kind, das vergisst man einfach nicht, das bleibt für immer im Herzen und in den Erinnerungen.“

Deshalb ist Maria Lorinser seit vielen Jahren in Trauergruppen und in der Hospizarbeit aktiv. Und sie steht telefonisch als Ansprechpartnerin für Familien zur Verfügung, die ein Kind durch den plötzlichen Säuglingstod verloren haben. Denn auch sie hat damals, nur wenige Stunden nachdem Linda verstorben war, eine solche Nummer gewählt und einfach nur geredet. Worüber? Das weiß sie nicht mehr so genau. „Das war auch nicht so wichtig.“

Wichtig war, dass jemand zugehört und sie verstanden hat. Nach diesem schrecklichen Morgen. An dem Linda im Blechsarg abtransportiert wurde. An dem Maria Lorinser gegen ihren Willen mit Medikamenten ruhiggestellt wurde. An dem sie sich noch nicht einmal richtig von ihrer Tochter verabschieden konnte.

Info

Bauchlage
„Die meisten toten Babys werden in Bauchlage gefunden“, sagt Kinderarzt Harald Schönhofen, der in der Gemeinsamen Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod (GEPS) aktiv ist. Wer in Bauchlage schläft, atmet seine eigene, verbrauchte Luft wieder ein und liegt näher mit der Nase an der Matratze. Sobald Babys in der Lage sind, sich selbstständig umzudrehen, suchen sie sich nachts ihre Schlafposition aber selbst. Und drehen sich auch automatisch wieder auf den Rücken, wenn sie eben beispielsweise schlecht Luft bekommen. Es sei denn, sie schlafen zu warm eingepackt. Überhitzung
Die Statistik zeigt, dass es in den Wintermonaten gehäuft zum plötzlichen Säuglingstod kommt – eben weil Eltern dann dazu neigen, ihre Kinder schön warm einzupacken. Mehr als 19 Grad Raumtemperatur brauchen Babys auch dann nicht zum Schlafen, dazu einen für die Jahreszeit geeigneten und passenden Schlafsack. „Im Winter spielen sicherlich auch Infekte eine Rolle, die die Atmung beeinträchtigen können“, sagt Harald Schönhofen. Zu warm kann es Babys auch werden, wenn sie bei ihren Eltern im Bett schlafen. Vom Trend zum Familienbett hält Harald Schönhofen deshalb nichts. „Im ersten Lebensjahr gehören Babys zwar ins gleiche Zimmer wie die Eltern, aber in ihr eigenes Bett“, sagt Harald Schönhofen.

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