Pocher und der SWR Schund, für den wir alle zahlen

SWR-Festival auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: Lichtgut//Christoph Schmidt

Die Pocher-Affäre lenkt den Blick auf die Frage: Werden SWR & Co ihrer Rolle gerecht? Unser Autor Armin Käfer hält den Distanzierungsversuch des Senders für scheinheilig.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind keine Zensurbehörden. Dennoch darf man vom Südwestrundfunk (SWR) erwarten, dass er die Grenzen des guten Tons zu wahren weiß. Jedenfalls wurde der von uns allen obligatorisch einkassierte Rundfunkbeitrag nicht erfunden, um geschmacklosen Sexisten und komödiantischen Tieffliegern eine Bühne zu bieten. Das ist nun aber geschehen, in exklusivem Ambiente mitten in Stuttgart.

 

Für alle, die davon nichts mitbekommen haben sollten, in gebotener Kürze: Beim SWR-Sommerfestival hat Oliver Pocher, eine Art Hofnarr aus den seichtesten Zonen der Unterhaltungswelt, einer jüngeren Zuschauerin Details ihres Sexuallebens entlockt und damit vulgäre Späße getrieben. Nach tagelangen Protesten sah sich der Sender zu einer wachsweichen Distanzierung genötigt. Die ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten, weil jeder vorab wissen muss, was er sich mit einem wie Pocher einkauft.

Der mag seine Niveaulosigkeit ausleben, wo immer er eine Plattform dafür findet – aber nicht auf Kosten von uns allen. Wenn ihn der SWR engagiert, finanzieren wir das zwangsläufig mit – Stichwort: GEZ. Mit Kunstfreiheit hat das nicht das Geringste zu tun. Für die braucht es keine Gebühren – zudem wäre der Ausdruck „Kunst“ für Pochers Metier reichlich übertrieben. Der „Spiegel“ umschreibt den Distanzierungsversuch des SWR mit einer Fabel: „Geht ein Bauer los und kauft sich ein Schwein – und lamentiert am nächsten Tag darüber, dass das Tier arttypische Grunzlaute von sich gibt.“

Der Fall wäre so vieler Worte nicht wert, wenn es nicht um ein grundsätzliches Dilemma ginge, das nicht wenige aus dem Publikum des öffentlich-rechtlichen Rundfunks umtreibt: Was fangen die eigentlich mit dem Geld an, das wir allesamt ungefragt zu überweisen haben? Bei jedem anderen Medium würden auf eine Affäre wie diese unweigerlich Kündigungen erfolgen. Doch das Abonnement von SWR & Co. ist unkündbar.

SWR & Co sollten sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren

Zudem wirft das Ärgernis um den unflätigen Komödianten die Frage auf, was einer wie er zur Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beizutragen hat. Die gebührenfinanzierte Medienwelt habe „essenzielle Funktionen für die demokratische Ordnung ebenso wie für das kulturelle Leben in der Bundesrepublik“, sagt das Bundesverfassungsgericht. Daran ist nicht zu zweifeln. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk leistet einen wesentlichen Beitrag zur Informationsvielfalt und Meinungsbildung in Deutschland. Dort wären die Gebühren gut angelegt. Nur: Welche Rolle sollten da Figuren wie Pocher spielen?

Aber diese Frage stellt sich noch grundsätzlicher: Generell sind im Programm des öffentlich-rechtlichen Universums Tendenzen zur trivialsten Unterhaltung unverkennbar. Wie anders wäre das viele Geld erklärbar, das aus den angeblich unterfinanzierten Budgets in die Produktion ewig gleicher Serien und Quizformate fließt? Jedenfalls dient nur ein Bruchteil des GEZ-Aufkommens der Finanzierung informativer Programmbeiträge – mithin: dem höchstrichterlich geheiligten Kerngeschäft. Ein letztes Mal Pocher: Wenn solche Leute dem SWR und seinesgleichen künftige Zielgruppen erschließen sollen, dann wäre es allerhöchste Zeit, über die vermeintliche Unentbehrlichkeit öffentlich-rechtlicher Programme nachzudenken.

Wer das Privileg garantierter Einnahmen genießt, ist gegenüber seinem Publikum bei jedem Engagement rechenschaftspflichtig. Der scheidende WDR-Intendant Tom Buhrow hat das auf eine entscheidende Frage zugespitzt: Wollen die Beitragszahler das?

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