Für den Fußball-Bundestrainer Joachim Löw und den Angreifer Lukas Podolski ist das EM-Qualifikationsspiel in Warschau eine ganz besondere Sache. Und vor nicht allzu langer Zeit erlitt das DFB-Team hier eine seiner bittersten Niederlagen.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Warschau - Als Joachim Löw auf dem Warschauer Flughafen Frédéric Chopin die Gangway des DFB-Sonderfliegers hinabschritt, bedurfte es zwar seiner dunklen Pilotenbrille, der kunstvoll um den Hals geschwungene Schal war dagegen reichlich überflüssig. Denn die polnische Hauptstadt begrüßte ihre EM-Qualifikationsgäste an einem goldenen Oktobertag bei blauem Himmel und windstillen 24 Grad. Es ist also ein freundlicher Empfang gewesen für Löw an jener Stätte, mit der das dunkelste Kapitel seiner mittlerweile 115 Länderspiele anhaltenden Ära verknüpft ist.

Schließlich sind vom Abend des 28. Juni 2012 mit dem in Warschau 1:2 gegen Italien verlorenen EM-Halbfinale vor allem zwei Geschichten im Gedächtnis haften geblieben: Da ist zum einen die Erfolgsstory um den zweifachen Torschützen der Azzurri, Mario Balotelli, der damals auch seinen gestählten Oberkörper gekonnt in Szene setzte. Die Rolle des Vaters der Niederlage fiel dagegen Löw zu. Denn der Bundestrainer hatte sich gegen den Angstgegner mit seiner Aufstellung böse verzockt. So erwies sich vor allem die Hereinnahme von Toni Kroos als Sonderbewacher des italienischen Regisseurs Andrea Pirlo als klassisches Eigentor. Die Fußballnation war darüber derart stocksauer, das für kurze Zeit sogar die Ablösung des Südbadeners denkbar schien.

„Diese Niederlage hat lange nachgewirkt. Wir waren immens enttäuscht – vor allem über die Art und Weise, wie wir nach zuvor vier sehr guten Spielen ausgeschieden sind“, sagt Löw nun, nachdem er bereits am Flughafen reichlich Autogramme geschrieben und mit dem Team im Hotel „The Westin“ in der Warschauer Innenstadt Quartier bezogen hat. Dennoch sei man niemals vom eingeschlagenen Weg abgekommen, „weil wir ja wussten, dass er grundsätzlich richtig war“, erklärt der Bundestrainer, der sich inzwischen weltweiter Wertschätzung erfreut: „Der WM-Titel war daher eine tiefe Befriedigung und Bestätigung unserer Arbeit.“

Die WM-Feiern sind vorbei

Nun aber hat mit der Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich ein neues Kapitel begonnen. Löw will auch den kontinentalen Pokal holen – dabei ist der Gruppenstart mit dem 2:1 über Schottland geglückt. „Jetzt sind wir die Gejagten, denn auch die Polen werden gegen den Weltmeister noch ein paar Prozent mehr herauskitzeln“, findet Löw. Erst im Mai trennten sich beide Länder in Hamburg in einem Testspiel 0:0. In 18 Duellen stehen zwölf deutsche Siege zu Buche. Noch nie haben die Weiß-Roten um ihren Starstürmer Robert Lewandowski, die zum Quali-Auftakt Gibraltar mit 7:0 besiegten, die Oberhand behalten.

„Im Idealfall fahren beide Teams zur EM, wir als Gruppenerster und Polen als Zweiter“, sagt Lukas Podolski, der im polnischen Gliwice geboren wurde – und nach dem Gewinn des WM-Titels in Rio de Janeiro gleich mal Ferien bei der Familie in Oberschlesien gemacht hat. „In Polen fühle ich mich wohl“, erklärt Podolski, der mit 118 Länderspielen (47 Toren) nun der erfahrenste Akteur im DFB-Team ist: „Ich hatte meine WM-Medaille mitgebracht. Alle Verwandte waren stolz. Weltmeister wird man schließlich nicht alle Tage.“ Weil er unter seinem Clubtrainer Arsène Wenger beim FC Arsenal derzeit aber nur zu Teileinsätzen kommt, hat Podolski „gerade nicht den Spielrhythmus, um Ansprüche zu stellen.“ Seinen Einsatz von Beginn an will Löw aber nicht ausschließen: „Ich habe mich da noch nicht entschieden“, sagt der 54-Jährige.

Eine erfahrene Achse und Antonio Rüdiger

Klar ist, dass der Bundestrainer im mit 55 000 Fans vollgepackten Nawodornystadion trotz des Fehlens von sieben Weltmeistern (Per Mertesacker, Philipp Lahm und Miroslav Klose sind zurückgetreten; Sami Khedira, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger sind verletzt; Kevin Großkreutz wurde nicht nominiert) auf eine erfahrene Achse zurückgreifen kann, um die sich Junge wie Erik Durm und Antonio Rüdiger gruppieren.

Neben dem Torhüter Manuel Neuer, den Innenverteidigern Mats Hummels und Jérôme Boateng sowie der Spitze Mario Götze kommt dabei vor allem Toni Kroos eine besondere Aufgabe zu: „Er führt die Mannschaft verbal an. Das hat er zuletzt überragend gemacht“, sagt Löw über den Neuzugang von Real Madrid, der vor zwei Jahren beim EM-Aus noch das Sorgenkind gewesen ist. „Toni hat zuletzt eine enorme Entwicklung durchlebt“, ergänzt Löw, wohlwissend, dass für ihn dasselbe gilt.

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