Pois Portugal bietet Bauern faire Preise Flugobst ist in diesem Geschäft tabu

Matthias Kästner möchte, dass Bauern die Chance haben, ihre Waren zu fairen Preisen zu verkaufen. Er hat der Geiz-ist-geil-Mentalität den Kampf angesagt. Foto: Gottfried Stoppel

Es begann mit einem Freundschaftsdienst, doch nun sind Bauern in Portugal Matthias Kästners fair bezahlte Partner. Seit 2012 vertreibt der Inhaber von Pois – Natürlich Portugal nun Obst und Gemüse. Mit seinem Engagement will Kästner auch zum bewussten Konsum anregen.

Winnenden - Am Anfang war das Wort. So fangen gute Geschichten an. Nur die Story von Matthias Kästner nicht. „Am Anfang war die Orange“, sagt er und blickt ernst unter dem Rand seiner Schiebermütze hervor. „Damit hat wirklich alles angefangen“, stellt der Inhaber des Obst- und Gemüsehandels Pois – Natürlich Portugal klar. Acht Jahre ist es inzwischen her, dass Kästner wieder mal reif für die Sonne und das Land an der Atlantikküste war. „Schon als 18-Jähriger reiste ich nach Portugal“, sagt er, „so wollte ich auch 2012 eine vierwöchige Auszeit nehmen.“ Wie immer verging die Zeit an der Algarve viel zu schnell. Und als es wieder gen Heimat gehen sollte, fragte sich Kästner: „Was soll ich eigentlich meinen Freunden mitbringen?“ Seine Antwort: „Orangen. Denn die sind hier so lecker.“ Luis, der portugiesische Obstbauer packte mit an. Am Ende hatten Kästner und Luis sieben Kisten in seinem Citroën Berlingo verstaut.

 

Kein grenzenloses Wachstum

„Danach hatte ich ein Problem“, witzelt er, „die Leute wollten mehr.“ Und so war aus einem Freundschaftsdienst ein Auftrag geworden. Keine zwei Wochen später war Matthias Kästner schon wieder unterwegs nach Portugal. Dieses Mal mit einem spontan gekauften Mercedes-Sprinter und einem geliehenen Kühlanhänger. Aus der Orange war nicht nur eine Geschäftsidee entstanden, sondern eine Haltung. Eine Haltung zur Welt, der Natur, der Menschen und dem herrschenden Wirtschaftssystem.

Denn schnell sei ihm bei Gesprächen mit Bauern und Kleinerzeugern klar geworden, dass diese in dieser Art von Marktwirtschaft und einer Geiz-ist-geil-Mentalität kaum reelle Chancen haben, Ihre Waren zu fairen Preisen zu verkaufen. Das System ist bekannt: Großhändler und Lieferanten der Discounter drücken die Preise ins Bodenlose. Für die Bauern bleibt dabei kein oder nur noch sehr wenig Profit hängen. „Und so habe ich mir zum Ziel gesetzt, nicht nur qualitativ einwandfreie, ehrlich und nachhaltig produzierte Ware von Kleinerzeugern und Landwirten vorwiegend aus Portugal für die Endverbraucher zu liefern, sondern die Erzeuger für Ihre Arbeit und Ernte auch noch fair zu entlohnen“, sagt Kästner.

Es ist seine Art von Problemlösung in einer von grenzenlosem Wachstumsgedanken geprägten Welt, in der man sich an das Wumms eines fallenden Baumes längst gewöhnt hat. Einer Welt, in der sich das Artensterben beschleunigt und der Kampf gegen den Klimawandel oft aussichtslos erscheint. Dabei sei „fairer Handel“ ganz einfach, meint Kästner: „Meine Bauern bekommen von mir den bis zu vierfachen Preis dessen, was sie auf dem portugiesischen Markt erzielen würden. Ich mach bei dieser Marktwirtschaft nicht mit.“ Mehr noch: Bei ihm gibt es keine saisonalen Preisunterschiede. Das gibt nicht nur seinen 137 Bauern und Erzeugern Planungssicherheit.

Um bewusst zu konsumieren, muss man Bescheid wissen

Was ist aber die richtige Lebensführung? Wie kann man beim Konsum auf Menschenrechte, Umweltschutz und sozialen Frieden achten? Nicht jeder muss versuchen, wie Matthias Kästner, gleich die ganze Welt zu verbessern. Aber jeder könne bewusst konsumieren. Zum Bewusstsein gehört Wissen. Daher erzählt der Obsthändler mit seinen Läden in der Rotebühlstraße 90 und in Winnenden und (Karl-Krämer-Straße 23), der auch mit Weltläden zusammenarbeitet, die Geschichte der Ananas. Sie beginnt mit der Frage: „Wissen Sie, wie lange eine Ananas wächst, bis sie reif ist?“ Keiner, der nicht Fachmann ist, weiß so etwas. Daher löst Kästner das Rätsel auf: „Zwei Jahre.“ Zwei Jahre Pflege, Hege, Bewässerung. „Im Supermarkt kostet so eine Ananas 1,89 Euro inklusive Mehrwertsteuer und Transportkosten“, sagt er, „was soll nach Abzug von Profit für die Händler noch beim Bauern übrig bleiben?“ Die Antwort braucht wenig Fantasie: nichts. Und genau so verhalte es sich bei Orangen oder Clementinen.

Bei Pois kostet die Ananas, die nicht als Flugobst, sondern per Schiff von den Azoren nach Lissabon und schließlich im Lastwagen nach Deutschland kommt, knapp sieben Euro. „Es kostet halt, was es kostet“, sagt Kästner und fragt sich: „Wie können die Großhändler den Bauern in die Augen sehen?“

Faire Löhne und Arbeitsbedingungen

Faire und respektvolle Bezahlung gelte im Übrigen auch für die Arbeitskraft seiner 25 Mitarbeiter. Hilfskräfte entlohnt er mit zwölf Euro pro Stunde, verantwortungsvollere Tätigkeiten seien freilich angemessen bezahlt. Ebenso wie die portugiesischen Fernfahrer oder die Holzkistenbauer für das Obst. Das ethische Wirtschaftsmodell von Matthias Kästner hat sich das Wohl von Mensch und Umwelt zum obersten Ziel des Wirtschaftens gesetzt: „Das ist mein Beitrag für eine bessere Welt.“ Aber auch dabei gilt: Idealismus ist gut, eine Prise Realismus besser. „Anfangs hatte ich die Idee, dass jeder das bezahlen soll, was er für richtig hält“, sagt er, „aber das hat nicht funktioniert.“ Auch weil das Finanzamt nicht mitspielte. Und weil der Mensch ausgerechnet bei Lebensmitteln gerne zum Sparfuchs wird.

Nicht zuletzt deshalb gibt Matthias Kästner nicht auf. Alleine der Namen seines Ladens ist ein Zeugnis dafür. „Pois“ steht im portugiesischen Sprachgebrauch für die positive Bejahung von Ereignissen und Gegebenheiten. „Wir würden sagen: Auf geht’s!“, sagt er zum Abschied und versteht das auch als Aufforderung zu einem bewussten Konsumverhalten.

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