Poker ums Böblinger Krankenhausareal Kluger Schachzug
Die Stadt Böblingen ist im Poker um ihr Krankenhausareal in der Vorhand. Ein Technologiecampus nimmt erste Formen an.
Die Stadt Böblingen ist im Poker um ihr Krankenhausareal in der Vorhand. Ein Technologiecampus nimmt erste Formen an.
Es klang, als wäre es geschickt eingefädelt worden: In der letzten Sitzung des Jahres beschloss der Böblinger Gemeinderat, dass auf dem Areal des Kreiskrankenhauses in der Bunsenstraße ein Technologiecampus entstehen soll. Und – etwas versteckt, aber doch sehr entscheidend – dass die Stadt auch als Käuferin des Areals auftreten dürfe. Das ist eine markante Wende im Poker um das einst umstrittene Gelände, das noch dem Landkreis gehört. Dieser wollte dem Vernehmen nach einst einen stattlichen Preis dafür haben, um die ausufernden Kosten des Flugfeldklinikums wenigstens teilweise zu refinanzieren.
Doch die Stadt Böblingen war davon nicht zu überzeugen, konterte mit ihrer Planungshoheit und brachte provozierend Aufforstung ins Spiel. Bewegung kam in die Verhandlungen, als das Justizministerium die Gebäude als sehr geeignet für eine Landeserstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete (Lea) erachtete und es auf die ministerielle Liste setzte. Das wollte Böblingen tunlichst vermeiden, weswegen man mit dem Kreis an den Verhandlungstisch zurückkehrte.
Letztlich einigten sich Stadt und Kreis im Sommer auf einen gemeinsamen Investorenwettbewerb, der möglichst beide Interessen befriedigen sollte – immerhin hatte der Kreistag zuvor beschlossen, der Landkreis möge das Zehn-Hektar-Filetstück bitte baldmöglichst höchstbietend veräußern. Jetzt legte der Böblinger Gemeinderat den Grundstein dafür, was auf dem Gebiet überhaupt entstehen kann und darf: Gewerbe genauso wie Wohnbebauung, sofern sie mit den neuen Nutzungen in Zusammenhang steht. Das lässt Raum für Fantasie.
Denn in der Vorlage ist indirekt auch die maximal erlaubte Gebäudehöhe angegeben, allerdings in Metern über dem Meeresspiegel. Heißt konkret: Die Stadt kann sich vorstellen, dass Gebäude gebaut werden, die bis zu 524 Meter (südlich der Bunsenstraße) und 544 Meter (nördlich) über Normalnull hoch sind, was in etwa der derzeitigen Bebauung entspricht. Mit einer Ausnahme: Für eine sogenannte Landmarke sei es erlaubt, die maximale Gebäudehöhe zu überschreiten, es darf also ein Hochhaus gebaut werden.
Sollte ein Investor für die Flächen anbeißen, wird dieser freilich ein Interesse daran haben, sie möglichst wirtschaftlich zu entwickeln. Mit einem Hochhaus kommt die Stadt dem entgegen. Der zu gründende Beirat für die Entwicklung des Geländes gibt einen ersten Hinweis, wohin die Reise gehen könnte.
In einem Brief haben sich Unterstützer und Unternehmer wohlwollend an die Stadt gewandt. Unterzeichnet haben ihn unter anderem Harald Grumser, Hans-Ulrich Schmid und Wolfgang Vogt, die Initiatoren des Ai xpress, außerdem Alexander Rossmann vom Herman-Hollerith-Zentrum – und Richard Kriegbaum, der das Vermögen der Familie nach dem Verkauf des Multi-Markt-Imperiums verwaltet. Eine Reihe von Schwergewichten also, die großes Interesse an der zukunftsfähigen Entwicklung Böblingens an diesem Standort zu haben scheinen und dies auch bekunden. Gut so.
Denn was passieren kann, wenn so ein Areal in die falschen Hände gerät, lässt sich gerade bei der IBM in Ehningen beobachten: Hochtrabende Pläne, die in eine ähnliche Richtung gingen, liegen auf Eis. Der Grund: Der Investor Ajmal Rahmani hinter der Ozean Group wurde vorige Woche mit Sanktionen des US-Finanzministeriums belegt. Er soll im großen Stil Treibstoff von Nato-Truppen in Afghanistan abgezweigt haben. Für Ehningen ist der einst umworbene Großinvestor jetzt Persona non grata. Die Zukunft der Quantum Gardens, wie das Areal heißen sollte, ist ungewiss. Böblingen sollte alles daran setzen, dass sich so ein Szenario auf dem Krankenhaushügel nicht wiederholt.