Polizeirevier Zuffenhausen „Der Abschied fällt mir relativ leicht“

Von Bernd Zeyer 

Dieter Steinmann geht am 1. Mai in den Ruhestand.19 Jahre hat er das Zuffenhäuser Polizeirevier geleitet.

Als Polizist wird Dieter Steinmann das Zuffenhäuser Revier verlassen, als Ruheständler wird er dem Bezirk aber auch künftig treu bleiben. Foto: Bernd Zeyer
Als Polizist wird Dieter Steinmann das Zuffenhäuser Revier verlassen, als Ruheständler wird er dem Bezirk aber auch künftig treu bleiben. Foto: Bernd Zeyer
Stuttgart-Zuffenhausen - Nach 43 Dienstjahren bei der Polizei wird Dieter Steinmann die blaue Uniform an den Nagel hängen. Der 60-Jährige blickt auf eine bewegte Dienstzeit zurück und erzählt, wie er Ordnungshüter wurde.
Herr Steinmann, wird Ihnen künftig ein Dienstplan fehlen, der den Tagesablauf genau regelt?
Irgendwie schon. Ich brauche Plan und Ordnung, der Tag muss eine feste Struktur bekommen.

Wer wird im Ruhestand die Befehle erteilen?
Zuhause ist nur einer Chef, und das bin nicht ich, sondern meine Ehefrau Gisela.

Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?
Zunächst möchte ich tatsächlich erst einmal zur Ruhe kommen. Danach habe ich vor, ein Ehrenamt zu bekleiden. Angebote gibt es bereits einige. Auch sind bereits einige Städtereisen geplant. Und in Haus und Garten gibt es genug zu tun, langweilig wird es mir also bestimmt nicht.

Wie schwer fällt der Abschied von Zuffenhausen?
Den gibt es gar nicht. Zuffenhausen und dem Stuttgarter Norden werde ich treu bleiben, von meinem Wohnort Weilimdorf sind es ja nur ein paar Kilometer.

Und wie sehr werden sie den Polizeidienst vermissen?
Dieser Abschied fällt mir relativ leicht. Ich hatte ja lange Gelegenheit, mich darauf vorzubereiten. Irgendwie erkenne ich auch, dass meine Zeit vorbei ist. Jetzt sind andere an der Reihe.

Seit 1969 sind sie bei der Polizei. Nach den 68er-Unruhen war das kein Job, der in der Öffentlichkeit beliebt war. Warum sind sie trotzdem Polizist geworden?
Ich bin ja auf dem Land, in der Kleinstadt Stühlingen an der Schweizer Grenze, aufgewachsen. Dort waren wir Jugendliche komplett unpolitisch. Was ich werden wollte, wusste ich lange nicht. Die Spannweite meiner Ideen war sehr groß, sie reichte von Pfarrer bis Koch.

Was gab dann den eigentlichen Ausschlag?
Das war meine Großmutter. Die hat auf eine Nachwuchsanzeige der Polizei geschrieben, worauf ein Berater bei uns daheim auftauchte und mit mir sprach. Später habe ich dann eine Prüfung gemacht, sie bestanden und am 3. November 1969 mit der Ausbildung begonnen.

Haben Sie diese Entscheidung je bereut?
Nicht einen Tag. Es war die beste Berufswahl für mich. Ich durfte viel sehen und erleben und bekam viele Einblicke.

Welche Erlebnisse haben besonders tiefe Spuren im Gedächtnis hinterlassen?
Während meiner Zeit beim Stab war ich bei vielen Großereignissen dabei, beispielsweise der Rad-WM 1991, der Leichtathletik-WM 1993 oder dem Besuch von Michail Gorbatschow in Stuttgart im Jahr 1989. Solche Sicherheitsvorkehrungen wie bei Gorbatschow habe ich nie wieder erlebt, es wurde praktisch jeder Gullideckel zugeschweißt. Aber auch mit den Amerikanern hatte ich viel zu tun, beispielsweise bei der Blockade der Kommandozentrale der US-Armee während des Golfkrieges 1991.

Hatten Sie jemals richtig Angst um ihr Leben, mussten sie auf jemanden schießen?
Gleich zu Beginn meiner Stuttgarter Zeit rutschte mir bei einem Einsatz das Herz in die Hose. In einer Villa auf dem Killesberg gab es Alarm, wir umstellten das Gebäude. Im Garten stand direkt vor meiner Nase ein Einbrecher mit Sturmhaube. Der hatte sich Gott sei Dank genauso erschreckt wie ich. Meine Pistole hatte ich gezogen, der Verbrecher konnte aber ohne Gewaltanwendung festgenommen werden. Bei einem anderen Einsatz gab ich einmal einen Schuss in die Decke ab, als ein Vater sein kleines Kind gegen die Wand werfen wollte. Der Mann hat sich dann schnell beruhigt.

Wie stark hat sich die Polizeiarbeit in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert?
Die Werte unserer Gesellschaft sind nicht mehr die selben wie früher. Dinge wie Anstand, Achtung vor dem Alter oder Respekt vor der Polizei spielen kaum mehr eine Rolle. Der gesellschaftliche Wandel setzt Kriminalität frei. Das wirkt sich auch auf die Verbrechensarten aus. Heute ist die Gewaltkriminalität stärker im Fokus als früher. Vieles hat sich in der Innenstadt zentralisiert. Die Straßenkriminalität in Zuffenhausen hingegen ist sogar rückläufig. Dank moderner Techniken, wie beispielsweise des DNA-Abgleichs, ist die Aufklärungsquote heute um einige Prozent höher als früher.

Wie hat sich das Bild der Ordnungshüter in der Öffentlichkeit verändert?
Das hat sich leider verschlechtert, was nicht zuletzt mit Stuttgart 21 zusammenhängt. Allerdings muss man auch sagen, dass vor dem Hintergrund der ganzen S-21-Diskussionen vergessen wird, dass es die Polizei ist, die rund um die Uhr für den Bürger da ist. Wir kommen, wenn sich Menschen in besonders schwierigen oder hilflosen Situationen befinden. Und wir helfen gerne. Grundsätzlich war es immer so, dass die Erwartungen in der Stadt weitaus größer als auf dem Land sind. Nachbarschaftsstreitigkeiten werden dort von den Betroffenen meist selbst geregelt, während in großen Städten sehr schnell nach der Polizei gerufen wird.

Was hatten Sie sich vorgenommen, als Sie 1994 das Zuffenhäuser Revier übernahmen?
Ich wollte die Polizei öffnen, sie so gut wie möglich in die Gesellschaft integrieren und ein Netzwerk aufbauen. Die Menschen sollten sehen, was wir können und wo unsere Grenzen liegen.

Wie ist das gelungen?
Ein großer Schritt war die Kommunale Kriminalprävention, vor allem bei der Jugendarbeit. Es ist gelungen, ideologische Grenzen einzureißen. Eine Stellenbörse für Hauptschulabgänger ist ins Leben gerufen worden, um Heranwachsende von der Straße zu holen und ihnen einen Job zu geben. Außerdem ist zusammen mit dem damaligen Bezirksvorsteher Wolfgang Meyle eine Stadtteilrunde eingerichtet und ein regelmäßiger Sicherheits- und Sauberkeitsrundgang organisiert worden. Auch mit der islamischen Gemeinde ist die Zuffenhäuser Polizei schon sehr früh in Kontakt getreten.

2004 wurden die Reviere Zuffenhausen und Freiberg zusammengelegt. Hat sich diese Aktion bewährt?
Auf jeden Fall. Mühlhausen hat meines Erachtens davon ganz klar profitiert.

Am Freitag werden Sie Ihre Uniform zum letzten Mal offiziell tragen. Was passiert mit dem guten Stück?
Es wird in einen Schrank auf der Bühne gehängt. Wenn ich mich später einmal an die gute alte Polizeizeit erinnern möchte, hole ich die Uniform hervor.

Sonderthemen