Polizeiruf 110 wird 40 Der Tatort Ostdeutschland bleibt aktuell

Von Tilmann Gangloff 

Vor vierzig Jahren lief die erste Folge von „Polizeiruf 110“, eine Erfindung des DDR-Fernsehens. Nach der Wende überlebte die Sendung.

Wolfgang Winkler (links) und Jaecki Schwarz gehen in Deckung. Foto: MDR 2 Bilder
Wolfgang Winkler (links) und Jaecki Schwarz gehen in Deckung. Foto: MDR

Stuttgart - Am Anfang war der "Tatort". Als die Krimireihe im Herbst 1970 auf Sendung ging, wurde sie prompt zum Straßenfeger; im Westen wie im Osten. Erich Honecker persönlich, so wird überliefert, habe sich damals über die Langeweile im Fernsehen der DDR beschwert. Der Staatsratvorsitzende forderte mehr Spannung und Unterhaltung, und so geschah es: Am 27. Juni 1971 lief "Der Fall Lisa Murnau", der erste Film aus der neuen Reihe "Polizeiruf 110". Das ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält und alles andere als selbstverständlich ist: das Format ist als einziges DDR-Erbe ins Erste integriert worden.

Bereuen musste die ARD die Übernahme nie. Die "Polizeiruf"-Ermittler sind in der Quote meist nicht ganz so erfolgreich wie die "Tatort"-Kollegen, aber dafür sind die Geschichten oft komplexer und entsprechend anspruchsvoller. Das ist nicht zuletzt eine Frage der größeren inhaltlichen Freiheit. Während ein "Tatort" seit jeher mit einem Mord zu beginnen hat, kann ein "Polizeiruf" auch mal komplett ohne Kapitalverbrechen auskommen. Schon zu DDR-Zeiten waren Lebensnähe und sozialpsychologisch begründbare Tatmotive ausdrücklich erwünscht.

Mord und Totschlag waren die Ausnahme

Der "sozialistische Gegenwartskrimi" sollte zudem einen gewissen Gebrauchswert haben; "Die Kriminalpolizei rät" als Spielfilm gewissermaßen. Die Drehbücher entstanden daher in regem Austausch mit dem Ministerium des Inneren. Dort wurde nicht nur die fachliche Korrektheit überprüft, sondern auch die Nützlichkeit. Kein Wunder, dass die Ermittler mitunter recht oberlehrerhaft daherkamen. Aber sie sollten ausdrücklich keine überlebensgroßen Helden sein, sondern solide Repräsentanten des Arbeiter- und Bauernstaats. Konsequenterweise waren ihre Gegenspieler nicht Teil des Kollektivs, sondern Außenseiter. Und damit das heile Bild des real existierenden Sozialismus' keine Kratzer bekam, waren Mord und Totschlag die Ausnahme.

Erst in den Achtzigern öffnete sich die Reihe für gesellschaftliche Konflikte. Nach wie vor aber spielte Aufklärung eine wichtige Rolle, wenn beispielsweise die Volksdroge Alkohol als Ursache vielen Übels gegeißelt wurde. Ausgerechnet dieser aufklärerische Ansatz hat allerdings zu einem Vorgang geführt, der im Westen einen handfesten Skandal verursacht hätte: 1975 verschwand der kurz zuvor fertiggestellte "Polizeiruf"-Beitrag "Im Alter von..." auf Anordnung von "ganz oben" in der Versenkung. Nach stalinistischem Vorbild sollte die Produktion regelrecht ausgelöscht werden.