Esslingen - Der Wandel der Innenstädte ist unübersehbar – auch in Esslingen. Vertraute Geschäfte verschwinden, und längst nicht immer findet sich adäquater Ersatz. Kein Wunder, dass sich viele um die Attraktivität zentraler Stadtviertel sorgen. Die Esslinger CDU-Ratsfraktion hat deshalb gefordert, die Stadtverwaltung solle nach leer stehenden Ladenflächen Ausschau halten, die sich mit kurzer Kündigungsfrist zu günstigen Kosten anmieten lassen. Die könne man dann Kleinkünstlern, Musikern, Autoren und bildenden Künstlern für kleine Aufführungen, Lesungen oder Ausstellungen zur Verfügung stellen. Doch die Reaktionen waren eher verhalten. Citymanager Thomas Müller hielt den Ball flach: „Wir suchen nach Lösungen. Aber ich habe derzeit keine Flächen, die ich dafür anbieten kann.“
Gelungene Beispiele
Die CDU-Stadträte Tim Hauser und Aglaia Handler wollen dennoch dranbleiben. Denn sie wissen, dass man in Esslingen bereits gute Erfahrungen mit solchen Konzepten gemacht hat – allen voran die Künstlerin Ursula Schefter und der Lyriker Andreas Roos mit ihrer temporären Galerie URS, die sieben Mal jeweils für einige Wochen in leer stehenden Geschäften in der Pliensau, am Hafenmarkt, im Heppächer und in der Küferstraße gastiert hatte. Oder die Künstlerin Andrea Menze, die im Oberen Metzgerbach mehrfach ein ehemaliges Elektrogeschäft für Kunstausstellungen genutzt hat.
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Das jüngste Beispiel liefert die Holzdesignerin Anke Guhl, die in der Berkheimer Kronenstraße im Schaufenster des ehemaligen Schuhhauses Mauz ihre Arbeiten zeigt: „Die Eigentümer unterstützen mich sehr. Solche Möglichkeiten sind unschätzbar wichtig – gerade in der Coronazeit, wenn man nicht auf Märkte gehen kann.“ Anke Guhl durfte sogar schon die früheren Geschäftsräume für einige Tage zum Verkauf nutzen. Deshalb nutzt sie ihre Kontakte zu Gärtnereien, um ihre Arbeiten dort zu zeigen. Und auch beim kunst- und kultursinnigen Esslinger Friseur Peter Gress stellt sie Holzobjekte aus. „So kann ich auf mich aufmerksam machen. Und diejenigen, bei denen ich ausstellen darf, bekommen einen Hingucker. So profitieren beide von der Zusammenarbeit.“
Vorteile für alle Beteiligten
Ursula Schefter und ihr Sohn Andreas Roos haben 2013 das Konzept ihrer temporären Galerie URS aus der Taufe gehoben und seither in verschiedenen Leerständen erprobt. Sie haben Räumlichkeiten gesucht und dann weitere Künstlerinnen und Künstler ins Boot geholt – die Mietkosten wurden geteilt. „Es gibt geeignete Objekte“, weiß Schefter. „Doch es ist nicht leicht, Vermieter zu finden, die bezahlbare Mieten bieten. Manche rufen unerschwingliche Preise auf. Da sind oft viele Telefonate nötig, bis man am Ziel ist.“ Einfacher geworden ist die Suche in den letzten Jahren nicht. Dabei ist Andreas Roos überzeugt, dass sich solche Projekte für alle Beteiligten lohnen: „Die Stadt wird attraktiver, weil es beim Bummel etwas zu entdecken gibt, genutzte Räume sind immer besser als leer stehende, und für Künstler wird etwas getan – gerade für diejenigen, denen es an Präsentationsmöglichkeiten fehlt.“ Und auch für Vermieter könnte sich die Sache lohnen: „Wir haben es mehrfach erlebt, dass Interessenten für eine dauerhafte Miete einen Besuch in unserer Pop-up-Galerie genutzt haben, um die Räume unverbindlich anzuschauen. Mehrfach kamen hinterher dauerhafte Mietverhältnisse zustande.“
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Andreas Roos und Ursula Schefter wären dankbar für etwas Unterstützung durch Citymanagement und Rathaus. „Wenn Vermieter wissen, dass die Stadt hinter einer solchen Idee steht, tut man sich sicherlich leichter.“ Das sieht auch CDU-Stadtrat Tim Hauser so: „Wir wünschen uns, dass Vermieter und die Stadt die Möglichkeiten solcher Projekte besser nutzen. Das ist für die Zukunft der Innenstadt wichtig. Es muss nicht immer eine Miete der kompletten Räume sein – manchmal genügt es, Künstlern ein ungenutztes Schaufenster für eine Ausstellung zu bieten. Eine Plattform, die Interessenten und Anbieter für solche Projekte zusammenbringt, könnte hilfreich sein.“ Dass sich etwas bewegen lässt, ist für Stadträtin Aglaia Handler keine Frage: „Das Berkheimer Beispiel zeigt, dass vieles möglich ist. Was im Stadtteil gelingt, sollte doch auch in der Innenstadt machbar sein.“
Bewährtes Konzept
Pop-up-Galerien
Quer durch die Republik nutzen Künstlerinnen und Künstler vakante Räume für Ausstellungen auf Zeit. Mit Blick auf die Situation in Berlin, wo Pop-up-Galerien feste Größen im Stadtbild sind, erklärt das Goethe-Institut: „Zwischennutzung ist eine Form der Selbstvermarktung Kulturschaffender in temporär leer stehenden Räumen. Sie wird in der Regel mit staatlichen Mitteln gefördert und von der Stadt verwaltet. Dafür aktiviert man leere Gewerbeflächen, aber auch Wohnungen, die vor der Sanierung stehen und für wenig Geld an Künstler vergeben werden.“
Esslingen
Pop-up-Galerien haben sich auch vor Ort bewährt: Die Künstlerin Ursula Schefter und der Autor Andreas Roos haben schon sieben Mal ungenutzte Geschäftsräume jeweils für einige Wochen für Kunstpräsentation und Lesungen genutzt. Und die Künstlerin und Modehändlerin Andrea Menze hat dieses Konzept zusammen mit der Künstlervereinigung Arttra immerhin viermal erfolgreich in einem früheren Elektrogeschäft im Oberen Metzgerbach erprobt.