Herr Meschke, es ist sehr in Mode gekommen, Konzernteile an die Börse zu bringen. Siemens und Bayer haben es vorgemacht, Daimler folgt in diesem Jahr mit der Lastwagentochter Daimler Truck. Was halten Sie denn von einer Rückkehr der Porsche AG an die Börse?
Zunächst einmal können nur die Gremien von Volkswagen über einen Börsengang von Porsche entscheiden. Generell gilt: Der Kapitalmarkt liebt homogene Einheiten. Mit Gemischtwarenkonzernen können Investoren weniger anfangen. Im Moment spiegelt sich der wahre Wert der einzelnen Tochtergesellschaften in der Bewertung des Multi-Marken-Konzerns Volkswagen nicht wider. Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, darüber nachzudenken, einzelne Marken an die Börse zu bringen, um deren Wert auch klar sichtbar zu machen. Das hat auch für den abgebenden Konzern Vorteile. Dies hat man auch beim Fiat-Konzern gesehen, der Ferrari 2016 an die Börse gebracht hat. Das alles muss aber Volkswagen entscheiden.
Porsche will bis 2025 insgesamt zehn Milliarden Euro einsparen. Eine hohe Summe für ein Unternehmen mit knapp 30 Milliarden Euro Jahresumsatz. Wo soll gekürzt werden?
Wir machen kein reines Kostensenkungsprogramm, sondern ein Ergebnisprogramm. Das ist ein großer Unterschied. Wir haben mehr als 2500 Vorschläge eingesammelt und geprüft, wie Porsche über alle Bereiche hinweg effizienter werden kann. Dazu gehört, ob wir – ohne Umsatzeinbußen – Motor- und Getriebevarianten weglassen können. Oder ob wir in der Produktion andere Materialien verwenden und Abläufe in Produktion und Verwaltung straffen können. Das reicht bis hin zu den Entwicklungsmethoden: Wie können wir die Prozesse verkürzen? Wie können wir zum Beispiel mehr mit virtuellen Crash-Tests arbeiten und damit viele reale Tests ersetzen, die deutlich kostspieliger sind? Das alles hat nichts mit Kosten-Kleinkrämerei zu tun. Wir stellen uns immer wieder selbst infrage und haben – auch aufgrund der Coronakrise – das Tempo noch einmal angezogen.
Wie wollen Sie bei den Personalkosten sparen? Werden auch Stellen gestrichen wie bei Daimler?
Durch die Standortsicherungsvereinbarung hat unsere Stammbelegschaft bis 2030 eine absolute Jobgarantie. Aber die Zahl der Mitarbeiter wird nicht mehr so stark wachsen wie in den vergangenen Jahren. Wir haben mit der neuen Produktionslinie für den Taycan im Stammwerk Zuffenhausen verstärkt in die Elektrifizierung unserer Produktion investiert. Da haben wir massiv neue Arbeitsplätze geschaffen. Auch im Bereich Digitalisierung ist einiges hinzugekommen. Jetzt schauen wir genau hin, in welchen Bereichen wir noch zusätzliche Mitarbeiter benötigen.
Welche Bereiche sind das?
In den Zukunftsfeldern Elektrifizierung, Digitalisierung und vor allem Softwareentwicklung benötigen wir mehr Beschäftigte, als derzeit auf dem Markt frei verfügbar sind. Diese Spezialisten sind in der gesamten Autoindustrie sehr gefragt. IT ist ein entscheidender Faktor. Wer hier nicht entschlossen investiert, spielt in der Mobilität der Zukunft keine Rolle. Wir suchen Experten für Deutschland, aber auch für unsere Digital-Standorte in Rumänien, Kroatien und Spanien sowie in China und den USA. Zum Teil werden wir den Engpass bei diesen sehr gefragten Fachkräften auch über Partnerfirmen im In- und Ausland lösen. Ansonsten fahren wir die externen Einstellungen herunter und bilden rund 25 Prozent der bestehenden Mannschaft für neue Themen wie Elektromobilität, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz weiter. Diese Programme in Zusammenarbeit mit Hochschulen und künftig auch spezialisierten Coding-Unis – also Programmierschulen – dauern bis zu zwei Jahre. Experte für Künstliche Intelligenz wird man nicht über Nacht.
Wie viel investiert Porsche in die Weiterbildung?
Für die Aus- und Weiterbildung der Belegschaft in den Zukunftsthemen nehmen wir in den kommenden fünf Jahren insgesamt etwa 100 Millionen Euro in die Hand. Denn unsere Produktpalette wird sich deutlich verändern. Unsere Fahrzeuge sollen in 2025 zu 50 Prozent batterieelektrisch angetrieben werden. In 2030 gilt dies für mehr als 80 Prozent unserer Flotte. Am Ende wird nur noch der 911 einen Verbrennungsmotor haben. Unsere Mitarbeiter müssen sich entsprechend weiterentwickeln. Durch den Elektrosportwagen Taycan hat sich in der Produktion in Zuffenhausen schon einiges verändert; auch in Vertrieb und Verwaltung müssen wir jetzt noch schneller vorankommen. Mit den Mitarbeitern muss man offen reden: Transformation kann man nicht von oben verordnen, die Mannschaft muss dafür gewonnen werden.
Legen Sie für Mitarbeiter Abfindungsprogramme auf, die den Weg nicht mitgehen wollen oder sich dazu nicht in der Lage sehen?
Das hielte ich für den völlig falschen Weg. Das würde die Beschäftigten demotivieren. Wir wollen sie ja mitnehmen auf die Reise. Es wird keine Abfindungsprogramme geben. Gleichwohl halten wir für jemanden, der diese Transformation aus gesundheitlichen oder Altersgründen nicht mitgehen möchte, eine sozial verträgliche Lösung bereit. Dieser Verantwortung muss man als Unternehmen immer gerecht werden. Das hat nichts mit der Transformation im Besonderen zu tun.
Porsche hat das Geschäftsjahr 2020 doch noch überraschend gut abgeschlossen. Woran liegt das?
Porsche hatte ein unglaublich starkes viertes Quartal. Mit solch einer rasanten Erholung hatten wir nicht gerechnet. China lag bei den Auslieferungen sogar über dem Vorjahreswert. Aber auch andere Regionen haben sich sehr gut erholt. Bei der Umsatzrendite sind wir wieder in der Nähe von 15 Prozent gelandet. Darauf kann man richtig stolz sein.
Und wie geht es in diesem Jahr weiter?
Auch die Auftragseingänge haben Ende 2020 sowie in den ersten Monaten dieses Jahres deutlich zugelegt. Der Start ins neue Jahr war sehr gut. Wir sind optimistisch, dürfen wegen Corona aber auch nicht übermütig werden.
Die Auftragsbücher sind also voll. Ist eine Verlängerung der Wochenendarbeit geplant? 2020 hatte Porsche die sechswöchige coronabedingte Schließung der Produktion in Zuffenhausen auch mit Samstagsarbeit aufgeholt.
So ist es uns gelungen, das Absatzziel von mehr als 20 000 Taycan doch noch zu erreichen. Das war wichtig für die Rendite, auch weil bei unserem ersten Elektroauto besonders viele Sonderausstattungen bestellt werden. Wir stellen uns in der Produktion weiter flexibel auf, je nach Marktlage.
Wird auch samstags gearbeitet?
Die Nachfrage ist aktuell sehr stark, wir haben daher mit dem Betriebsrat im ersten Halbjahr auch vereinzelt ausgewählte Samstagsschichten vereinbart.
Neben dem Autogeschäft sollen digitale Geschäftsmodelle einen wachsenden Umsatzbeitrag leisten. Wie weit ist Porsche mit diesen Plänen?
Neue digitale Geschäftsmodelle sollen mittelfristig mindestens zehn Prozent zum Gesamtumsatz beitragen. Gerade sind bei einem internen Wettbewerb mehrere vielversprechende Start-up-Ideen ausgewählt worden; über deren Umsetzung entscheiden wir innerhalb der nächsten zwei Monate. Wie hoch der digitale Umsatzanteil sein wird, lässt sich irgendwann nicht mehr so genau beziffern. Denn die Fahrzeuge selbst sind mittlerweile zu einem wesentlichen Teil digitale Produkte. Die nach dem Fahrzeugkauf zusätzlich Over-the-Air zuschaltbaren Funktionen – also Software-Aktualisierungen via Funk – haben ein großes Potenzial.
Spielt die Fahrzeughülle irgendwann gar keine Rolle mehr? Spielt dann die Software die Hauptrolle im Wettbewerb?
Mit der Hardware alleine wird man in zehn Jahren kein großes Geschäft mehr machen. Deshalb müssen sich die traditionellen Autohersteller massiv und schnell weiterentwickeln. Ein neuer Wettbewerber wiederum muss sich fragen, ob er nur Softwarelieferant sein will, beispielsweise für autonomes Fahren, oder ob er ein komplettes Fahrzeug anbieten will. Selbst ein Tech-Gigant wie Apple weiß noch nicht genau, welche Richtung der Konzern einschlagen will. Aber Porsche hat auch noch ganz andere Projekte in Planung.
Welche sind das?
Wir haben zum Beispiel schon einen Prototypen eines batteriebetriebenen Flugtaxis gebaut. Diese Drohnen könnten etwa auf Kurzstrecken von der Innenstadt zum Flughafen, aber auch zwischen Großstädten unterwegs sein, in einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Spätestens in zehn Jahren wird es dafür einen ernst zu nehmenden Markt geben. Auch beim Thema Smart City, also effizient und nachhaltig gestalteten Städten, wollen wir uns engagieren. Hier geht es um die Orchestrierung des weitgehend autonomen Stadtverkehrs der Zukunft. Hierzu braucht es Plattformen und Abrechnungssysteme, da wollen wir die notwendige Kompetenz aufbauen, um auch zukünftig bei der Stadtmobilität eine signifikante Rolle zu spielen. Auch das Thema Co-Living finde ich spannend: Neue Wohnformen mit Premiumanspruch in Großstädten, wo Wohnraum selten und teuer ist. Aber natürlich muss immer auch eine realistische Chance bestehen, dass wir mit diesen Aktivitäten jenseits des Fahrzeugbaus Geld verdienen können.