Porsche-Renningenieur Norbert Singer Das Desaster vom 15. Juni 1997

Digital Unit : Dominika Jaschek (dja)
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Sonntag, 15. Juni 1997, gegen halb zwei am Nachmittag. Es herrscht ideales Rennwetter: bewölkt, trocken, angenehme Temperatur. Die Stimmung ist gelöst in der Box des Porsche-Werksteams. Mit zwei 911 GT1 ist man aus Stuttgart nach Nordfrankreich gereist, bereits beim Start war man der Favoritenrolle gerecht geworden, die beiden eingesetzten Fahrzeuge hatten sofort die Führung übernommen. Dass ausgerechnet dem erfahrenen Piloten Bob Wollek ein Fahrfehler unterläuft und er seinen GT1 hinter der Arnage-Kurve in die Leitplanken setzt, ist zwar ärgerlich, aber man liegt ja noch mit dem zweiten Wagen souverän vorne. Singer schaut auf die Monitore. „Wir haben keinen Positionskampf auf den vorderen Plätzen“, analysiert er. „Das müsste schon gut gehen.“ Doch zweieinhalb Stunden vor dem Ziel steht der Porsche 911 GT1 plötzlich in Flammen: Der Ölschlauch ist gerissen – und die Siegträume sind geplatzt.

„Es ist eben erst zu Ende, wenn es zu Ende ist“, sagt Norbert Singer heute. Ungeheuer bitter sei das Rennen von 1997 gewesen, bei dem kein Porsche-Werksfahrzeug ins Ziel kam. Seine Erfahrung jedoch habe ihn gelehrt: „In Le Mans gleicht sich alles aus.“ 1998, im Jahr nach dem Desaster, lag ein Toyota scheinbar uneinholbar vorne, bis er mit einem Motorschaden liegen blieb. Das Porsche-Werksteam landete auf den Plätzen eins und zwei, und Singer erklärte den Journalisten: „Das Pech vom vorigen Jahr haben wir heute als Glück zurückbekommen.“

Es gehört zu Singers Erfolgsrezept, dass er jeder Erfahrung etwas Positives abgewinnen kann. „Wenn man Misserfolge hatte“, sagt er, „dann weiß man die Erfolge besser zu schätzen.“ Diese geradezu buddhistische Gelassenheit hat er nicht erst mit dem Rentenalter entwickelt. Wenn er als Leiter Werksport seine taktischen Entscheidungen traf, war er kaum aus der Ruhe zu bringen. „Seine Devise war: Es kommt, wie es kommt“, sagt der Rennfahrer Jochen Mass über Singer. „Und wenn er dennoch mal sauer war, hat er am Ende seiner Worte schon wieder gelächelt.“

Ein Cocktail aus Emotionen

Das Telefon klingelt. Die Firma Porsche ruft an, sie möchte dem verdienten ehemaligen Mitarbeiter Eintrittskarten für den Circuit des 24 Heures schenken. Das Gespräch ist nach zwei Minuten beendet, Norbert Singer bedankt sich freundlich und erklärt der Dame am Telefon, dass er bereits mit Tickets versorgt sei.

An diesem Wochenende nimmt Porsche erstmals seit 16 Jahren wieder mit einer Werksmannschaft an dem Klassiker in Le Mans teil. Es ist ein besonderer Moment für das Unternehmen. Auch für Singer? „Klar, da werde ich schon ein bisschen genauer hinschauen“, sagt er. Am liebsten würde Norbert Singer wohl noch immer in der Porsche-Box stehen und die Sportwagen aus Zuffenhausen zum Sieg führen. Ihm fehlt der berauschende Cocktail aus Emotionen, wenn Männer am Rande ihrer Belastbarkeit für den sportlichen Erfolg kämpfen.

Sonntag, 14. Juni 1981, es geht auf Mitternacht zu. In Madame Peschards Café du Sport wird gefeiert. Das komplette Team hat sich eingefunden in der Gaststube, es lässt seiner Freude über den Sieg beim 24-Stunden-Rennen freien Lauf. Norbert Singer sitzt vor einem Glas Rotwein und dem von Madame Peschard persönlich zubereiteten Essen. Sein Tischnachbar redet auf ihn ein. Singer merkt, dass er nur noch Wortfetzen mitbekommt, ganze Sätze fehlen ihm. Er ist an diesem Abend nicht der einzige Porsche-Mann, der bei dieser Feier vor Erschöpfung einschläft.




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