Porträt: Der Esslinger Komponist Philipp Gras Die Stimme der Gleichgeschalteten
Sein Musical „Jugend ohne Gott“ wurde jetzt uraufgeführt. Der Esslinger Komponist Philipp Gras ist auch musikalischer Leiter des Musicals „Hamilton“ in Hamburg.
Sein Musical „Jugend ohne Gott“ wurde jetzt uraufgeführt. Der Esslinger Komponist Philipp Gras ist auch musikalischer Leiter des Musicals „Hamilton“ in Hamburg.
Ein riesiger Fisch mit blauen und grünen Schuppen schwebt über die Bühne. Das hatte für den Dramatiker Ödön von Horváth in seinem Stück „Jugend ohne Gott“ besondere Bedeutung. Das „Zeitalter Fisch“ brachte für ihn eine junge Generation von Mitläufern und Meinungslosen hervor. So, wie er sie im Jahr 1937 im Nationalsozialismus erlebt hat, als das Stück erschien. „Der Stoff ist für mich aktueller denn je“, findet der 33-jährige Komponist Philipp Gras. In Zeiten, da die AfD in der deutschen Gesellschaft wieder erstarke und da Donald Trump in den USA seine populistischen Hetzkampagnen verfolge, „trifft der Text den Nerv der Zeit“. Für das Theater Pforzheim hat er deshalb ein Musical aus dem Drama gemacht.
Dass sich Schauspieldirektor Andreas Frane an dem Drei-Sparten-Haus in Baden gleich für das Musicalprojekt begeistert hat, freut den Esslinger Komponisten. Zurzeit ist Philipp Gras Musikalischer Leiter beim Musical-Erfolg „Hamilton“ im Hamburger Operettenhaus. Philipp Gras hat an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zunächst Jazz und Pop bei Hubert Nuss studiert. Dann sattelte er den Masterstudiengang Arrangement und Komposition drauf. Bei seinem Professor Rainer Tempel habe er „die Freiräume genossen“. Der bekannte Pianist habe ihn inspiriert und ihm „so viele Möglichkeiten aufgezeigt“.
Wie kam der Esslinger zur Musik? „Meine Leidenschaft für die musischen Fächer habe ich im Esslinger Mörike-Gymnasium entdeckt.“ An die Lehrerinnen und Lehrer, die ihn gefördert haben, denkt der erfolgreiche Komponist gerne zurück. Da habe man sich ausprobieren können. In seiner Studienzeit hat Philipp Gras im Kultur- und Kommunikationszentrum Dieselstraße eine künstlerische Heimat gefunden. Wer den temperamentvollen Komponisten erlebt, spürt schnell, dass er alles andere als einen elitären Kulturbegriff hat. Dessen verstorbene Leiterin Sabine Bartsch habe ihn und seine Projekte „unterstützt und gefördert“. Als Autorin habe Bartsch ihn bei seinen Musiktheater-Projekten stets unterstützt.
„Ein breites Publikum für Musik und Kultur zu begeistern“, das reizt den jungen Künstler. Deshalb hat er schon während des Studiums in Stuttgart bei den Musicals „Tanz der Vampire“ und „Rocky“ korrepetiert, also am Klavier Solopartien mit den Musicalstars einstudiert. „Da habe ich viel fürs eigene Komponieren gelernt“, findet Philipp Gras. Immer mehr habe er sich in die Musik hineingehört, und dann seinen eigenen Weg gefunden. Seit den Studienjahren arbeitet er gerne mit der Stage Entertainment zusammen, die die großen Musicals in Deutschland produziert. So sehr ihm die Manstream-Musicals gefallen, seine Sache sind die musikalisch komplexeren Produktionen. Mit seinem verführerischen Lächeln findet Gras auch in der künstlerischen Praxis schnell einen Draht zu den Menschen.
Deshalb war er nach dem Studium in der Musical-Branche sehr gefragt. 2017 verpflichtete ihn Stage Entertainment als Musikalischen Leiter im Stage Werk 7 Theater in München. Er dirigierte die Welturaufführung des Musicals „Fack Ju Göhte“ und die Europapremiere von „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Brücken zwischen Film und Musical zu schlagen, das hat den innovativen Komponisten gereizt. Dass ihm die musikalische Leitung des Musicals „Hamilton“ angeboten wurde, das freut den kommunikativen Komponisten. Das Hip-Hop-Musical über den amerikanischen Gründervater und Staatstheoretiker Alexander Hamilton, der von den Karibischen Inseln auf den Kontinent kam. Die „komplexe Komposition“, die auch ein junges Publikum anspricht, findet Philipp Gras spannend. Um gut auf die Aufgabe vorbereitet zu sein, hat er bei der Broadway-Produktion in New York hospitiert: „Eine ganz neue Welt.“
Da habe er viel für seine eigenen Kompositionen gelernt, sagt der Künstler. „Den Gleichgeschalteten eine Stimme geben“, das schien ihm bei der Lektüre des dramatischen Textes von Ödön von Horváth besonders herausfordernd. Das Stück wird aus der Perspektive des 34-jährigen Lehrers erzählt, der mit ansehen muss, wie die jungen Menschen in den Fängen des Militärs zu Kampfmaschinen gedrillt werden. Mit der Musik lasse sich „die Gefühlswelt der Jugendlichen“ erkunden, ist der Komponist überzeugt.
In Horváths Text haben sie keine Namen, heißen N., Z. und T. „Zu ergründen, was in diesen jungen Menschen vorgeht“, hat Philipp Gras interessiert. Mit Sorge beobachtet er auch heute, wie junge Menschen in rechtsextreme Lager abdriften. Die Musik, die Gras geschrieben hat, setzt auf starke Gefühle. Das macht den Reiz des politischen Musicals aus. Der Ulmer Schauspieldirektor Jasper Brandis hat in Pforzheim eine Theatersprache gefunden, die tief berührt.
Tosenden Applaus gab es in Pforzheim bei der Uraufführung für das Musical. Über den Mut von Schauspielchef Alexander Frane, der auch die Dramaturgie übernommen hatte, freute sich Philipp Gras sehr. Obwohl der Künstler viel in den Kulturmetropolen arbeitet, ist er überzeugt, „dass jenseits der Zentren die spannenden künstlerischen Entwicklungen möglich sind“.
Vom Drama zum Musical
„Jugend ohne Gott“ ist der dritte Roman des österreich-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth. Er erschien im Jahr 1937 und wurde kurz danach, Anfang des Jahres 1938, in acht weitere Sprachen übersetzt. Der Esslinger Komponist Philipp Gras hat den Text nun in die Sprache des Musicals übersetzt.
Musikalischer Leiter
„Hamilton“ ist ein Musical von Lin-Manuel Miranda über das Leben des Gründervaters der Vereinigten Staaten, Alexander Hamilton. Philipp Gras dirigiert die Aufführungen am Operettenhaus in Hamburg, die noch bis zum 15. Oktober zu erleben sind. Das Musical verfolgt Hamiltons Aufstieg vom eingewanderten Waisenjungen zum ersten amerikanischen Finanzminister und Krisen bis zu seinem Tod im Duell mit Aaron Burr.