Porträt der Schriftstellerin Lily Brett „Warum essen Sie keine Schokolade?“

Von Sacha Verna 

Leben in New York zwischen Holocaust und Apfel-Banane-Eier-Diät: Lily Brett zeigt uns in ihren Bestsellern, wie nahe Tragik und Komik beieinanderliegen. Unsere Autorin Sacha Verna hat sie in Soho besucht.

Lily Brett schreibt Romane. Angefangen hat sie als Rockjournalistin Foto: StZ
Lily Brett schreibt Romane. Angefangen hat sie als Rockjournalistin Foto: StZ

New York - Lily Bretts Vater wohnt zehn Minuten von ihrem Loft in Soho entfernt an New Yorks Lower East Side. Jedes Mal, wenn Lily Brett den 96-jährigen Herrn besucht, bringt sie ihm Schokolade mit. Jedes Mal bietet er ihr davon an. Lily Brett lehnt jedes Mal ab, und ihr Vater isst die Schokolade zufrieden allein auf. „Und jedes Mal frage ich mich: Wie alt muss ich werden, bis ich so sorglos Schokolade essen kann?“

Lily Brett ist 66 Jahre alt. An diesem heißen Nachmittag sitzt sie in einem schwarz-weiß gemusterten Sommerkleid an dem langen Esstisch in dem ballsaalgroßen Teil ihres Lofts, der ihren Arbeits- und Wohnbereich vom Studio ihres Mannes trennt. David Rankin ist Maler. Er hat zuvor die Tür geöffnet und den Gast herzlich begrüßt, ihn an den Tisch neben der modernen offenen Küche geführt und zwei Gläser mit Wasser gefüllt, um dann geräuschlos zu verschwinden. Lily Bretts Auftritt gleicht dem einer Primadonna auf der Bühne.

Ihr Albtraum heißt Auschwitz

Von Schokolade träumt Lily Brett schon ihr Leben lang. Und davon, schlank zu sein. Die Heldinnen ihrer preisgekrönten Romane und Kurzgeschichten kämpfen allesamt mit den Pfunden. Dabei passt Lily Brett heute hervorragend zu den superdünnen Models, von denen es in ihrem schicken Quartier nur so wimmelt. Aber das war nicht immer so. Das war immer schon viel komplizierter.

Denn der andere Traum, der Lily Brett seit ihrer Kindheit begleitet, ist ein Albtraum: der Holocaust. Lily Bretts Eltern, polnische Juden aus Lodz, haben Auschwitz überlebt. Lily Brett kam in einem Lager für Displaced Persons in Bayern zur Welt. 1948 zogen die Brajsztajns nach Australien. Dort wurden sie zu den Bretts, und Luba wuchs als Lily in Melbourne auf.