Porträt Weltverbesserer

Von Wolfgang Messner 

Carl Fechner dokumentiert nicht nur Missstände, er sucht nach Lösungen. Seine Filme werden weltweit gefeiert. Doch mit seinem rastlosen Kampf gegen die Umweltzerstörung setzt sich auch dem Vorwurf des Aktionismus aus.

Fechner auf einem Mongolenpferd Foto: Fechner Media
Fechner auf einem Mongolenpferd Foto: Fechner Media

Immendingen - Da ist dieses große Foto an der Wand, das eine Szene aus seinem Berufs­leben zeigt. Carl-A. Fechner kniet, umgeben von einigen Männern, auf einem staubigen Wüstenboden. Das Bild ist in einem Zelt aufgenommen worden, irgendwo im Nahen Osten. Man erkennt das gleich, auch wenn die Männer neben Fechner keine Einheimischen sind, sondern der Erscheinung nach Westeuropäer. Was hat es mit diesem Bild für eine Bewandtnis? Warum hat Fechner ausgerechnet dieses Foto in seinem Büro aufgehängt? Er hätte so viele andere Bilder nehmen können. Von allen Ecken und Enden der Welt, wo er mitten im Geschehen war. Schon längst hätte er die alte Erinnerung durch eine andere ersetzen können. Fechner aber hängt offenbar daran.

Aufgenommen wurde das Foto Ende 1990, kurz nach dem Beginn des Ersten Irakkriegs. An der Grenze von Irak und Kuwait haben Friedensaktivisten ein Camp an der Frontlinie errichtet, um als lebendige Schutzschilde die Kämpfer aufzuhalten. Fechner hatte von diesen Verrückten gehört und besuchte sie. Er war der einzige Journalist, der über die Aktion der furchtlosen Pazifisten berichtete. Den Krieg verhindert haben sie nicht. Aber Fechner erregte mit seinem Exklusivbeitrag weltweit Aufsehen. Der freie Filmemacher wurde zum Auslandskorrespondenten der ARD befördert mit Sitz in Damaskus. Ein Job, der Abwechslung und üppige Bezüge in einem quasi beamteten System verspricht. Und später eine gute Pension. Er hätte es also fortan ruhiger angehen können.

Aber so tickt Carl-A. Fechner nicht. Als er in Damaskus ankommt, ist er 37 und noch keine drei Jahre als Filmemacher unterwegs. Er ist der Sohn eines Sägewerksbesitzers aus Ostpreußen, der der Wehrmacht und der Bundeswehr als Offizier gedient hat. Auch Carl-A. Fechner verpflichtet sich für zwölf Jahre dem Militär – in Immendingen, Kreis Tuttlingen. Mit 26 ist er Kompanieführer, mit 30 Hauptmann. Nebenher studiert er Medienpädagogik. Nach 14 Jahren quittiert er den Dienst an der Waffe. Da ist er schon längst kein Vorzeigesoldat mehr, sondern ein Rebell in der Bundeswehr. Fechner gehört der Friedensbewegung an. Offen hatte er Zweifel an der Nato-Politik geäußert, war dem Darmstädter Signal beigetreten, einer Gruppe von Offizieren und Unteroffizieren, die die Abschreckung mit Massenvernichtungswaffen ablehnen. Im Jahr 1983, als die Nato ihren Doppelbeschluss fasst, will er Tuttlingen zur atomwaffenfreien Zone erklären lassen.

1987 scheidet Fechner aus dem Wehrdienst aus

Die Medien beginnen, über ihn zu berichten. Zusammen mit anderen kritischen Soldaten gibt er dem „Spiegel“ ein viel beachtetes Interview, in dem er seine Haltung verdeutlicht und auf das Recht des Soldaten auf freie Meinungsäußerung besteht. Als kurz darauf 20 seiner Rekruten ihr Gelöbnis zur „persönlichen Gewissensentscheidung“ erklären und sich nur daran gebunden fühlen, wenn die Bundesrepublik und ihre Verbündeten auf den Einsatz atomarer, biologischer und chemischer Waffen verzichten, ist für die Vorgesetzten auf der Bonner Hardthöhe das Maß voll: Sie gehen davon aus, dass Fechner die Soldaten dazu angestachelt hat. Obwohl dem aufmüpfigen Offizier keine Mitwirkung an der Aktion nachgewiesen werden kann, wird er nach Ulm versetzt – auf höchsten Befehl, wie es damals heißt. Am 2. Juli 1987 scheidet Fechner schließlich aus dem Wehrdienst aus. Schon am Tag darauf lässt er sich mit anderen Blockierern an der Zufahrt zu dem Raketendepot der amerikanischen Armee in Mutlangen wegtragen.

Carl-A. Fechner will jetzt Filme machen. Mit kleinen Werbe- und Unterrichtsbeiträgen fängt er an. Das Foto an der Wand markiert den Punkt, als Fechner aufhört, nur ein Journalist zu sein. Es ist der Moment, in dem er damit beginnt, die Welt zu retten. So sieht er es zumindest selbst und meint das ganz ernst.

Ein Jahr arbeitet er noch für die ARD, dokumentiert den Golfkrieg im Irak und die Zeit danach. Dann schmeißt er den sicheren Job hin. Vor seinen Augen sind Menschen gestorben. Er fragt sich: Was hat es für einen Sinn, die Zustände lediglich zu beschreiben? Fechner will mehr, es geht ihm darum, Wege aus dem Dilemma aufzuzeigen. Mit einer engagierten Berichterstattung, einem Journalismus, der über die bloße Deskription hinausgeht. „Man muss die Menschen nicht mit ihrem Drama alleine lassen“, sagt er. Das Leben mag ein Jammertal sein – Fechner bleibt der ewige Optimist. So wie Voltaire, der beschlossen hat, glücklich zu sein, weil es der Gesundheit dient, hat er für sich entschieden, in der bösen Welt stets dem Guten seinen Platz einzuräumen.