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Portugal Ein Ausflug in Portos Buchhandlungen

Schöner schmökern in Óbidos, Portugal: Buchhandlung in der entweihten Kirche Igreja Santiago.  Foto: Schümann
Schöner schmökern in Óbidos, Portugal: Buchhandlung in der entweihten Kirche Igreja Santiago. Foto: Schümann

Die Buchhandlung Livraria Lello & Irmão in Porto zählt zu den schönsten der Welt - doch sie ist nicht der einzige sehenswerte Hort der Literatur in Portugal. Ein Streifzug.

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Schon morgens bilden sich Warteschlangen vor dem hohen, schmalen Gebäude, das Portuenser liebevoll 'Kathedrale der Bücher' nennen. Die Bücherstube Livraria Lello & Irmão im portugiesischen Porto, mehrfach zu den weltschönsten gekürt, hat sich zum Pilgerziel entwickelt. Hinter der weißen Jugendstil-Fassade, den zierlichen Türmchen, Pilastern, Bordüren, Allegorien von Kunst und Wissenschaft verbirgt sich ein verzauberndes Reich des Wissens und der Fantasie. Auf 230 Quadratmetern türmen sich 150 000 Bücher auf Präsentiertischen und in Regalen bis unter die Holzdecke, darunter die Bestseller Fernando Pessoa und Literaturnobelpreisträger José Saramago. Über der offenen Galerie lässt ein buntes Dachfenster gedämpftes Licht herein.

Die Buchhandlung ist immer sehr gut besucht

Auffälligstes Stück ist allerdings die Treppe mit den knallrot lackierten Stufen. Erst windet sie sich einfach, dann doppelseitig zur Empore hoch. Es kursiert das hübsche Gerücht, dass es womöglich diese faszinierende Treppe gewesen sein könnte, die die britische Schriftstellerin Joanne K. Rowling zu den schwingenden Aufgängen in Hogwarts Zauberinternat inspiriert hat. Immerhin hat die Harry-Potter-Schöpferin zwei Jahre in Porto gelebt und als Lehrerin auch die traditionellen, langen schwarzen Umhänge der Studenten kennengelernt. José Manuel Lello, der die Buchhandlung in der vierten Generation führt, schätzt es, wenn sie voller Menschen ist, als Ort der Kultur und Kommunikation. Dafür gibt es oben ein Café, in dem man bei Espresso oder Port schmökern kann. Doch etwas musste sich ändern, um den Laden zu retten, der täglich von Hundertschaften gestürmt wird. Die meisten kommen nur, um zu fotografieren. In der Hochsaison sind es um die 5000 Besucher am Tag. Darum führte er in diesem Sommer das Voucher-System ein. Besucher zahlen drei Euro Eintritt, die beim Kauf eines Buches angerechnet werden.

Porto liegt am Douro. Man braucht nur dem Flussverlauf zu folgen, um die nächste Bibliothek zu finden. Eine, wie man sie kaum erwartet, die aber das Wissen frühzeitlicher Menschen bewahrt. Sie befindet sich im canyonartigen Tal des Côa, einem linken Nebenfluss des Douro. Hier ritzten Steinzeitbewohner Auerochsen, Hirsche, Pferde, Ziegen, Fische von enormer Eleganz in die Felsen. 'Nirgendwo gibt es diese Dichte und Anhäufung paläolithischer Gravuren unter freiem Himmel', sagt die Archäologin Dalila Correia. Auf einer Strecke von 20 Kilometern fand man an 72 verschiedenen Stellen 1200 Steinritzbilder. 'Sie berichten uns von der Lebensweise der nomadischen Jäger und Sammler, die wir heute nur deuten können', sagt die Expertin. Die Magie der paläolithischen Kunst liege darin, dass vieles im Ungewissen bleibe. Ursprünglich sollte im Mündungsgebiet des Côa ein Staudamm entstehen, das Tal geflutet werden. Der Bau war weit fortgeschritten, als der Geologe Nelson Rebanda 1994 auf prähistorische Felsgravuren stieß. Die Fachwelt war sich einig: Er hatte mehr als 20 000 Jahre alte Rock-Art von unschätzbarem archäologischen Wert gefunden. 1998 war sie bereits im Unesco-Welterbe gelistet. 'Zum ersten Mal in Europa wird Kunst produziert', urteilt Correia. Nach Protesten stoppte die Lissabonner Regierung den Bau, um die Steinzeit-Bibliothek zu bewahren. 1996 wurde der Archäologische Freiluftpark eröffnet, vier Jahre später das Côa-Museum.

Zu Besuch in der Biblioteca Joanina

Die Universität von Coimbra ist nicht nur geografisch der Gipfel, weil sie den höchsten Punkt der Stadt besetzt, sondern auch wegen ihrer Tradition und ihrer Prunkbibliothek. Die Alma Mater ist die älteste des Landes und eine der ältesten Europas. Portugals bedeutendste Dichter und Denker haben ihre Doktorhüte in Coimbra erhalten, etwa Luís de Camões und Eça de Queirós oder die seit der Nelkenrevolution von 1974 bekannten Politiker Mário Soares und Álvaro Cunhal, aber auch der von ihnen gestürzte Diktator Manuel de Oliveira Salazar. Man studierte in Coimbra, und das ist bis heute so. Rund 30 000 Studenten sind immatrikuliert. Vom Campus aus betritt man eine der weltweit spektakulärsten Bibliotheken, die Biblioteca Joanina. Hier wird jetzt freilich nicht mehr gebüffelt, sondern nur noch gestaunt. Die barocke Dekorationslust springt einen förmlich an: verschnörkelte Triumphbögen für drei Abteilungen, kunstvolle Holzschnitzereien, überreich mit Blattgold verzierte Regale und Buchrücken über zwei Etagen. An der Stirnwand hängt das Gemälde des verschwenderischen Bauherren: König João V., der Anfang des 18. Jahrhunderts die ganze Pracht mit dem Gold aus seiner Kolonie Brasilien bezahlte, um zu zeigen, dass Portugal das reichste Land der Welt war. Zu den Kostbarkeiten der Bibliothek gehören rund 300 000 Bände, Handschriften und Drucke, von denen die wertvollsten aus Sicherheitsgründen in der Neuen Bibliothek lagern.

Zu den ältesten Werken werden eine Erstausgabe von Camões' Nationalepos 'Die Lusiaden' und der Gregorianische Kalender von 1612 des Bamberger Mathematikers Christophorus Clavius gezählt. Nördlich von Lissabon hat sich gleich ein ganzer Ort dem Buch verschrieben: Óbidos. Natürlich kommt der fremdsprachige Besucher nicht zum Lesen her, sondern vor allem, um das mittelalterliche 150-Seelen-Dorf mit seiner intakten Burgmauer und den blumengeschmückten Gassen zu erkunden. Es geht um Atmosphäre, auch beim 'Literarischen Städtchen', wie Óbidos sich seit 2013 nennt. 'Der Name ist eigentlich eine Utopie, weil wir so klein sind, ' sagt Celeste Afonso, die Stadträtin für Kultur. Literatur passe aber perfekt zu den Óbidos-Touristen. Seither öffnen ständig neue Buchläden, sogar Privatleute ihre Bibliotheken. Im Herbst findet das Literatur-Festival 'Folio' statt. Auf der Rua Direita, der Hauptgasse, gelangt man zu acht Buchläden. Zu den interessantesten zählt die Livraria de Adega, die in einem alten Weinkeller untergebracht ist und sich auf Bücher über Wein spezialisiert hat. Oder die Livraria do Mercado, ein Antiquariat, in dem man zugleich Biokost kaufen kann. Am aufregendsten ist die Livraria Igreja Santiago. Wer eintritt, ist versucht, ins Weihwasserbecken zu greifen. Doch es ist leer. Denn die Kirche dient nur noch der Literatur.

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