Posse im Forum Theater Der Schreck, vielleicht ein Mörder zu sein
Marcel Keller inszeniert im Stuttgarter Forum Theater „Die Affäre in der Rue de Lourcine“ von Eugéne Labiche.
Marcel Keller inszeniert im Stuttgarter Forum Theater „Die Affäre in der Rue de Lourcine“ von Eugéne Labiche.
Stuttgart - Für das Forum Theater Stuttgart hat die Rückkehr auf die Bühne nach der coronabedingten Zwangspause genau genommen in Hamburg begonnen. Und das sehr erfolgreich. Im Juni erhielt dort Dieter Nelles Inszenierung von Lee Blessings schwarzer Politkomödie „Ein Waldspaziergang“ den Publikumspreis bei den bundesweiten Privattheatertagen.
Seit Donnerstagabend wird nun auch wieder der heimische Theatersaal in Stuttgart bespielt, der passend zur Premiere der „Affäre in der Rue de Lourcine“ mit blühenden Zimmerpflanzen geschmückt ist. Mitten ins Publikum platziert, geben sie einen ersten Hinweis darauf, dass Regisseur Marcel Keller das Geschehen der 1857 in Paris uraufgeführten Eugéne-Labiche-Posse in die Mitte des 20. Jahrhunderts verlegt hat. Grafische Tapetenmuster und 50er-Jahre-Mobiliar bestimmen die vom Regisseur ausgestattete Bühne.
Nach einem zähen Beginn mit Michael Ransburg als widerwillig dienstbarem Diener Justin, der mit verzogener Miene zur Karikatur zu erstarren droht, wenn er nicht gerade den Zuschauern die Verhältnisse erklärt, nimmt der Einakter an Fahrt auf, sobald Monsieur Lenglumé (stark: Udo Rau) verkatert und ohne Erinnerung an die durchzechte Nacht, in der ein Mord geschehen sein soll, erwacht.
Seine anfangs trägen, dann vom Schrecken reiner Vermutungen durchzuckten Glieder erzählen detailreich, wie es ist, die Herrschaft über das Ich und sein Tun zu verlieren. Und wenn dann Andreas Petri als ehemaliger Schulkamerad und Zechbruder Mistinque aus dem Alkovenbett steigt und mühsam versucht, die Kontrolle wiederzuerlangen, haben sich zwei gefunden, die gemeinsam in der Klemme zu stecken scheinen und einander nicht über den Weg trauen. Ebenso sparsam wie wirkungsvoll von Klavier- und Akkordeonklängen begleitet (Musik: Böny Birk), entsteht aus dieser erzwungenen Nähe und angestrebten Distanz eine bizarre Choreografie, in der die Furcht vor dem eigenen Abgrund den Takt angibt. Ein Selbstmisstrauen, das durch Stefan Müller-Doriat als dem Cousin Potard und potenziellen Belastungszeugen noch genährt wird.
Den bodenständigen Kontrapunkt zu den Schicksalsgenossen, die völlig im Vagen tapsen und sich in diesem Vakuum selbst unter Mordverdacht stellen, bildet Schirin Brendel, die als resolute Gattin Madame Lenglumé unerschütterlich an ihrer Tagesordnung festhält und es stimmgewaltig mit dem brillant agierenden Duo aufnehmen kann. Gemeinsam mit ihr und in Zeitlupe gelingen die eindrücklichsten Szenen. Schade nur, dass so manche Wendung und Pointe im allzu gemächlichen Timing breitgetreten werden. Am Ende löst sich der privat geführte Indizien- und Selbstvergewisserungsprozess allzu beiläufig in Wohlgefallen auf.
Weitere Vorstellungen: 10., 15., 16. und 17. Juli 2021 um 20 Uhr sowie am 11. und 18. Juli 2021 um 18 Uhr. Karten über Telefon 0711-440 07 49 99 und an der Abendkasse.