Ute Isenberg-Rückold bittet die fünf Frauen zum vegetativen Movement. Vier von ihnen kommen zweimal die Woche, um sich in dem Reha- und Therapiezentrum in Stuttgart-Vaihingen von den Nachwirkungen ihrer Corona-Erkrankung zu befreien. In einem kleinen Sportraum mit Gymnastikbällen, Hanteln und Sprossen wird nicht Vollgas gegeben. Die Patientinnen fühlen sich mehrere Monate nach der Coronainfektion noch sehr erschöpft.
Post Covid oder Long Covid bezeichnet Beschwerden, die zwölf Wochen oder später nach der Coronainfektion nicht verschwunden sind. Wie bei diesen Frauen, sie können ihren Alltag nur schwer bewältigen. Auf dem Programm steht an diesem Tag das Training mit Blicksprüngen. Die Patientinnen halten dafür zwei Stäbe vor sich in den Händen und wenden ihren Blick abwechselnd auf einen von beiden. Isenberg-Rückold erinnert die Frauen, sich nicht zu überanstrengen. „Stressen Sie sich nicht“, sagt die Physiotherapeutin.
Kein sonderlich schwerer Krankheitsverlauf
„Ich war eigentlich immer fit“, berichtet die 38-jährige Johanna Grob. Bei der Übung mit den Stäben muss sie sich aber einmal hinsetzen; sowohl die psychische als auch physische Erschöpfung ist zu groß. „Man ist ganz schnell überfordert und kann die einfachsten Dinge nicht mehr bewältigen“, sagt sie. Die Sozialarbeiterin hatte sich vor gut einem Jahr in einer Kindertagesstätte angesteckt. Ihren Krankheitsverlauf würde sie als nicht so schwer bezeichnen, als die Arbeit aber wieder rief, erlitt sie einen Rückschlag. Seit April 2021 ist sie krankgeschrieben, „niemand weiß, wie es weitergeht“.
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In der Post-Covid-Gruppe fühlt sich Johanna Grob wohl, von den Ärzten sei sie ein wenig enttäuscht. Sie wolle niemandem einen Vorwurf machen, Post Covid sei schließlich für alle neu, aber „die Hausärzte schieben einen zur Seite“. Dasselbe Gefühl hat auch Mareike Görner: „Ich habe mich von den Ärzten alleine gelassen gefühlt.“ Die 24-Jährige infizierte sich im Januar 2021, wie viele andere hatte sie Schnupfen, starke Bauchschmerzen und Erschöpfung. Fieber, oft ein Symptom, blieb bei ihr aus. Sie habe eine Stunde gebraucht, um ein Stück Pizza zu essen. „Das Schälen einer Orange war mir zu anstrengend.“
Die Symptome verflogen, die Erschöpfung blieb
Die meisten Symptome verflogen, doch die Erschöpfung blieb. Es werde zwar besser, dennoch hatte sie Angst vor der Post-Covid-Gruppe – wegen der Anstrengung. Rückblickend sei es für sie aber die richtige Entscheidung gewesen, auch wenn die Korntalerin pro Strecke 50 Minuten mit Bus und Bahn unterwegs ist. Viele Übungen mache sie auch daheim, „man muss lernen, sich selbst als das Wichtigste zu nehmen“.
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Einen Tag nach ihrer letzten Uni-Prüfung infizierte sich Mareike Görner; sie schloss ihr Studium in Ludwigsburg ab und hätte als Sozialarbeiterin anfangen können – wäre da nicht die Corona-Erkrankung gewesen. Mareike Görner macht mittlerweile einen Bürojob, nebenher, nicht Vollzeit, das könne sie sich nicht vorstellen. Umso beeindruckter ist die junge Frau von Vilma Goebl. Die Filderstädterin, die ebenfalls zur Gruppe gehört, arbeitet 80 Prozent als Altenpflegerin, und das, obwohl sie klare Post-Covid-Symptome wie Knochen- oder Muskelschmerzen hat. „Außer arbeiten und schlafen kann ich nichts machen“, erzählt die 41-Jährige, die im Januar 2021 von Corona erwischt wurde. Zudem vergesse sie vieles, zum Beispiel, wo sie ihr Auto geparkt hat: „Da bekommt man Angst.“ Sie müsse den Job aber aus finanziellen Gründen machen.
Ausruhen im baldigen Urlaub
Sehnsüchtig freut sich Vilma Goebl auf ihren baldigen Urlaub, in dem sie einfach ausruhen möchte. Von ihren Kollegen bekomme sie wenig Unterstützung. „Im Geschäft muss ich mich immer rechtfertigen“, berichtet sie. „Niemand nimmt dich ernst.“ In Vaihingen bei der Post-Covid-Gruppe erfährt sie Zuspruch. Die Geschäftsführerin des Reha-Zentrums, Claudia Dose-Kraft, möchte positives Beispiel sein, sie selbst war Ende 2020 an Corona erkrankt. „Es ist wichtig, dass man hört, man ist nicht alleine mit dem Problem“, sagt sie.
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„Der Austausch ist sehr wichtig“, sagt Bettina Rath. Die Krankenschwester hatte sich im Dezember 2020 mit Corona angesteckt. Seit April ist sie im Reha-Zentrum bei diversen Kursen dabei. „Das hat mir wirklich gut getan“, blickt sie zurück. „Dieses Reguläre ist wichtig.“ Kaum ausgesprochen merkt die 55-Jährige, dass sie eigentlich Regelmäßigkeit sagen wollte – auch Wortfindungsprobleme sind ein Post-Covid-Symptom.
Auf die Übungen mit den Stäben folgt ein Training fürs Körpergefühl. Den Kopf auf die Brust oder in den Nacken legen, die Arme kreisen oder das Bein schwingen: Die Patientinnen sollen spüren, welche Bewegungen ihnen gut tun.