Post-Vac-Syndrom Wenn Impfen krank macht

Seit Beginn der Impfkampagne haben laut „Süddeutsche Zeitung“ insgesamt 6682 Menschen Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens gestellt. Foto: Sven Hoppe/dpa/dpa-tmn/Sven Hoppe

Langzeitfolgen von Corona-Impfungen sind selten. Doch Betroffene haben Probleme, bei Ärzten Gehör zu finden. Eine Stuttgarterin erzählt von ihrem Kampf – und wo ihr letztlich geholfen worden ist.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Es ist heute wieder kein guter Tag für Claudia aus Stuttgart: Es ist diese bleierne Müdigkeit, die den Körper der 39-Jährigen immer wieder so gefangen hält, dass sie kaum imstande ist, ihre Arme und Beine zu bewegen. „Ich fühle mich dann, als ob mir jemand den Stecker gezogen hat“, sagt Claudia, die hier nur mit Vornamen genannt werden möchte.

 

Die Beschwerden begannen zwei Wochen nach der Corona-Zweitimpfung

Seit eineinhalb Jahren kämpft die Stuttgarterin nun schon gegen diffuse Symptome – mal sind es Erschöpfungszustände, dann neurologische Beschwerden wie das unangenehme Kribbeln und Zucken der Muskeln. Es gab auch Zeiten, in denen die ansonsten sportliche junge Frau an so starken Verdauungsstörungen litt, dass sie kaum noch wusste, wie sie sich ernähren sollte.

An den Tag, der ihr Leben komplett verändert hat, erinnert sich Claudia genau: „Die Beschwerden begannen zwei Wochen nach meiner Corona-Zweitimpfung.“ Weshalb sie sich von Anfang an sicher wahr: Ihr Leiden ist eine Langzeitfolge der Immunisierung.

Anfangs hieß es, die Impfung sei praktisch nebenwirkungsfrei

Als Claudia vor einem Jahr gegenüber unserer Zeitung erstmals ihren Verdacht geäußert hat, stieß das Thema Nebenwirkungen bei vielen Gesundheitsexperten auf taube Ohren: Stattdessen hieß es, die Impfung sei praktisch nebenwirkungsfrei. Ähnlich äußerte sich seinerzeit auch der spätere deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach.

Seit Beginn der Impfkampagne melden 6682 Menschen Impfschäden

Doch nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts sind seit Beginn der Impfkampagne mit rund 65 Millionen mehrfach geimpften Bundesbürgern 50 000 Verdachtsfälle schwerer Nebenwirkungen infolge einer Corona-Impfung bekannt geworden. Das bedeutet, dass es bei 10 000 verabreichten Impfungen etwa drei Betroffene gibt, bei denen die auftretenden Beschwerden möglicherweise durch die Impfung verursacht wurden. Seit Beginn der Impfkampagne haben laut „Süddeutsche Zeitung“ insgesamt 6682 Menschen Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens gestellt.

Erwiesene Nebenwirkungen betreffen das Herz, die Gefäße und die Nerven

Bei drei Arten schwerwiegender Impfkomplikationen ist ein Zusammenhang mit dem Vakzin wissenschaftlich erwiesen. Zu ihnen zählen Herzmuskelentzündungen, die insbesondere junge Männer und Jungen treffen. Auch können sich infolge einer Impfung bestimmte Blutgerinnsel bilden – wie Sinusvenen- oder Hirnthrombosen, die vor allem bei Frauen festgestellt wurden, die jünger als 55 Jahre sind. Als Drittes wird eine bestimmte Nervenerkrankung, das Guillain-Barré-Syndrom, genannt, die ebenfalls durch eine Covid-19-Impfung ausgelöst werden kann.

Die Zahl der Post-Vac-Fälle kann nur geschätzt werden

Aber es gibt auch eine Gruppe weiterer Geschädigter mit weitaus unspezifischeren Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Blutdruckschwankungen, plötzlichem Herzrasen, Sehstörungen, lang anhaltenden Kopfschmerzen und chronischer Müdigkeit. Sie ähneln denen einer Long-Covid-Erkrankung.

Zu diesen sogenannten Post-Vac-Betroffenen zählt sich auch Claudia aus Stuttgart. Die Zahl der Fälle kann derzeit nur geschätzt werden und dürfte bei 0,02 Prozent der gegen Corona Geimpften oder ein bisschen höher liegen. So vermuten es zumindest Experten wie Bernhard Schieffer.

Spezialambulanzen gibt es in Marburg, Berlin und München

Der Professor für Kardiologie leitet eine Spezialambulanz am Universitätsklinikum Marburg, in der Menschen geholfen werden soll, die eigentlich an Post Covid erkrankt sind. Seit Januar 2022 bieten Schieffer und sein Team zudem eine Sprechstunde für Patienten an, die nach einer Corona-Impfung ähnliche Symptome wie Long-Covid-Patienten entwickeln.

Auch in Berlin und München gibt es solche spezialisierten Ambulanzen für Post-Vac-Patienten. Auf den Wartelisten stehen teils tausende Patienten, Termine werden Monate im Voraus vergeben.

Vor allem Frauen mit leichter Immunschwäche sind betroffen

Das Syndrom ist jedoch wissenschaftlich bislang nicht eindeutig definiert, weil die genauen Ursachen nicht gefunden worden sind. Experten beobachten bei den meisten Patienten ein sich hochschaukelndes Immunsystem. Dieses verselbstständigt sich dann wie bei einer Autoimmunerkrankung, lautet Schieffers Erklärung gegenüber verschiedenen Medien.

Der Körper schaffe es nicht, eine selbst verursachte Entzündungsreaktion aufzulösen. Dann laufe immer wieder eine Spirale ab, die am Ende zu einer Erschöpfung des Immunsystems führe. Vor allem Frauen mit leichter Immunschwäche seien betroffen. So wie Claudia.

Oft dem Vorwurf ausgesetzt, alles sei psychosomatisch

Auch die Stuttgarterin war in der Spezialambulanz in Marburg zur Behandlung und wird zudem von Ärzten an der Uniklinik in Ulm betreut. Bis dahin war es aber ein steiniger Weg: Häufig habe Claudia sich dem Verdacht ausgesetzt gefühlt, ihre Beschwerden seien psychosomatisch – sowohl seitens der Ärzte, die sie konsultiert hat, als auch in ihrem privaten Umfeld. „Das ist das eigentlich Frustrierende gewesen: Man ist krank, weiß nicht, was mit einem geschieht – und wird seitens der Medizin alleingelassen.“

Die Sorge, vergessen zu werden, treibt nicht nur Claudia um: Im Januar hat eine Aktionsgruppe vor dem Bundestag auf die Geschädigten der Coronapandemie aufmerksam gemacht – mit einer Installation von 400 Feldbetten.

Die Kritik der Gruppe: Zur Bewältigung der Coronakrise sei zwar viel Geld geflossen, und die Regierenden hätten getan, was möglich war. Doch mit den Langzeitfolgen wollten sich die Verantwortlichen nicht befassen. Dabei gehe es nicht nur um medizinische Therapien: Oft wurden die Betroffenen aus ihrem aktiven Leben herausgerissen. Viele haben Existenzängste und leiden unter einer finanziellen Belastung, weil sie nicht mehr fähig sind, ihrer Arbeit nachzugehen.

Bundesgesundheitsminister kündigt Hilfen an

Das soll sich nun ändern: Karl Lauterbach (SPD) unterstrich am Sonntag seine Forderung, dass Corona-Impfgeschädigten geholfen werden müsse. Er werde ein Programm auflegen, bei dem die Folgen von Long Covid und Post-Vac untersucht würden und die Versorgung verbessert werde, sagte der Bundesgesundheitsminister. „Das ist ein Programm, das ich so schnell wie möglich auflegen möchte. Ich bin quasi in den Haushaltsverhandlungen für dieses Geld.“ Auch sollten die Experten in diesem Bereich so vernetzt werden, dass die Wahrscheinlichkeit einer guten Therapie steige.

Bis dahin sei aber viel mehr Grundlagenforschung nötig, betonen Experten und Betroffene. Auch brauche es mehr medizinische Strukturen in den Bundesländern, um die speziellen Symptome zu behandeln und zu erforschen – etwa mit Schwerpunktpraxen bei den Hausärzten.

Post-Vac-Betroffene werden ähnlich behandelt wie Long-Covid-Patienten

Noch gibt es keine Leitlinien zur Behandlung eines Post-Vac-Syndroms. Dafür sind weitere Studien notwendig, die laut Paul-Ehrlich-Institut auch schon in Planung seien. Claudia beispielsweise erhält daher ähnliche Mittel wie Long-Covid-Patienten: Unter anderem Entzündungshemmer, aber auch Vitaminpräparate.

Viele dieser Medikamente muss sie aus eigener Tasche bezahlen. Eine Unterstützung seitens der Krankenkasse gibt es in ihrem Fall nicht. „Immerhin wurde mir im Sommer vergangenen Jahres eine Reha am Bodensee bewilligt“, sagt Claudia. Dort habe sie mit anderen Long-Covid-Patienten Techniken und Übungen erlernt, die ihr helfen sollen, ihre Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden zu verbessern. „Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich trotz meiner Beschwerden im Homeoffice meiner Arbeit nachgehen kann“, sagt Claudia. Auch wenn sie dabei viele Pausen einlegen müsse.

Klage gegen Impfstoffhersteller

Doch nicht alle Therapieansätze, die bei anderen Betroffenen angeschlagen haben, waren auch bei Claudia zielführend – etwa weil sie die Wirkung verfehlten oder das Risiko weiterer Nebenwirkungen erhöht haben. „Man fühlt sich teils als Versuchskaninchen“, sagt Claudia. Sie hat schon erwogen, den Impfstoffhersteller zu verklagen. Allzu große Hoffnungen auf Erfolg sieht sie jedoch nicht. „Ich werde wohl lernen müssen, bis auf Weiteres mit der Erkrankung zu leben.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Corona Impfung Therapie Hilfe Impfschaden