Power Duo: Wein-Couple Frederike Schmidt und Daniel Kurrle Aus Uhlbach nach Japan

Kleines Gut aus Uhlbach: Villa Kunterbunt für Wein. Foto: Björn Springorum

Stuttgarts neue Lieblinge der Naturweinszene kommen aus Uhlbach: Als Kleines Gut machen Frederike Schmidt und Daniel Kurrle derzeit regional und global von sich reden. Ein Besuch in ihrer Weinvilla Kunterbunt.

Es hat schon etwas von einem Astrid-Lindgren-Setting hier draußen vor den Toren Stuttgarts. Zumindest dann, wenn die Autorin in Uhlbach und nicht in Schwedens ländlicher Idylle gelebt hätte. Lauschig liegt das Weinbaudörfchen über den Dächern von Obertürkheim. Vor dem Weinbaumuseum gießt eine ältere Dame die Pflanzen, in der Wirtschaft stehen Henkelgläser auf dem Tisch. Fast schon schmerzhaft idyllisch, wenn man sich gerade aus Stuttgarts Verkehrschaos herausgeschält hat. Ein wenig fährt man dann noch durch Straßen mit klangvollen Namen wie Schlürfergasse oder Müller-Thurgau-Weg, dann erreicht man das Weingut von Frederike Schmidt (30) und Daniel Kurrle (28).

 

Bullerbü oder Uhlbach?

Es ist ein charmant kruschteliges Anwesen. Scheune, uralter kalter Keller voller Holzfässer, Wohnhaus, kleiner Garten, in dem alles mögliche grünt und blüht, kreucht und fleucht. Passt zu den beiden: Frederike und Daniel wirken irgendwie so, als würden sie hier hingehören. Tun sie auch, sie kommen ja von hier! Daniel direkt aus Uhlbach, Friederike muss einmal über den Berg nach Untertürkheim. Vor allem sind sie grandios sympathisch, offen, strahlen die ganze Zeit und stellen dem Besuch flott eine Flasche vom eigenen Wein auf den Tisch.

2020 fängt alles an mit dem gemeinsamen Gut. Ein Paar sind sie da schon lang: Sie lernen sich in der Schule kennen, verlieben sich, pünktlich zum Abitur kommen die beiden zusammen. „Seither sind wir nicht mehr auseinanderzukriegen“, lacht Daniel, als wir auf der Terrasse hinter dem Haus Platz nehmen. Die Sache mit dem Wein, die hat er angefangen; Frederike aber sehr schnell angesteckt. „Meine Familie hat eigentlich schon immer Weinbau betrieben“, sagt er. „Wir haben die Trauben zwar nur geerntet und dann an die Genossenschaft abgegeben, doch die Weinberge, die hatten wir ja trotzdem.“

Furchtlos und mit feinem Gaumen

Sein Weg zum Winzer passiert dann vor allem über den Gaumen, wie er sagt. „Danach kam die Faszination für die Branche. Was für gesellige Leute das sind, aber auch welche Tiefe dieses Thema hat.“ Urlaube in Frankreich vertiefen das Wissen, beide probieren sich durch die reiche Weinlandschaft im Nachbarland. „Irgendwann, vielleicht so 2013, kamen wir mal zurück nach Hause und standen hier vor der Weinlage Götzenberg, die ja wirklich sehr gut ist. Da wurde mir erst richtig bewusst, dass mein Opa dort noch Weinberge hat“, so Daniel.

Beide spüren, dass das ihr Weg ist. Während er im Mekka des akademischen Weinbaus in Geisenheim Weinwirtschaft studiert und bei renommierten Winzer:innen aus Deutschland, Frankreich oder Österreich arbeitet, schlägt sie in Freiburg einen anderen Weg ein: Eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und Yogalehrerin. „Den feineren Gaumen, den hat trotzdem sie“, grinst Daniel.

Nach seinem Studium übernehmen sie 2019 die alten Reben des Opas, pachten noch ein bisschen was aus spannenden Lagen dazu, treten aus der Genossenschaft aus und legen los. „Uns war klar, dass wir noch in aller Jugend und aller Kraft damit anfangen müssen, wenn wir es irgendwie schaffen wollen.“ Mit zwei kleinen Mädchen ist das natürlich auch nicht einfacher. Da sind kübelweise Teamwork, Geschick und Vertrauen gefragt. „Außerdem ist gut, dass Friederike vor nichts Angst hat“, betont Daniel. „Vor gar nichts.“

„Wir investieren in uns selbst“

Eine Menge Arbeit ist so ein Weingut dennoch. „Wir haben eigentlich für nichts Zeit“, nickt Frederike. Da ist es umso wichtiger, dass man sich entspannt. Und mal was liegenlässt. „Anders geht es nicht. Denn zu tun gibt es immer was. Wir wollen uns aber eben nicht zerreißen, also steht hier auch mal das Gras höher.“ Daniel ergänzt: „Die größte Schwierigkeit ist wohl, den Workload zu akzeptieren. Wir haben einen ordentlichen finanziellen Druck, das muss man erst mal stemmen.“ Deswegen sind beide froh, dass sie das Seite an Seite meistern. „Wir können uns alles teilen und haben immer jemanden für den Austausch. Wir stecken da zusammen drin und sind trotz des ganzen Stresses oft zusammen.“

Ihr letzter Urlaub mag vier Jahre her sein, ihr letzter freier Tag mal vor zwei Wochen, als sie auf einer Hochzeit eingeladen waren. Doch beide brennen für das, was sie tun. Beide wollen dasselbe. „Alles, was wir tun, ist sinnvoll“, betont Daniel. „Wir machen alles für uns, für unsere Zukunft. Und nicht für irgendjemand anderen. Wir investieren in uns selbst.“

So wenig Eingriff wie möglich

Ein festgestecktes Ziel haben die Jungwinzer:innen nicht. Alles soll sich Schritt für Schritt entwickeln. Ganz natürlich, wie ihre Weine. „Wir wollen gute Weine machen, die uns schmecken und hoffentlich auch andere begeistern, so beschreibt Frederike den Ansatz ihrer Produktion, die sich bei 20.000 Flaschen pro Jahr einpendelt. Alles andere als ein Big Player in der Weinwelt also.

Obwohl sie mit ihrem Kleinen Gut am ehesten in der Naturweinszene Anklang finden und in Stuttgart unter anderem in der Weinhandlung Offgrid zu haben sind oder in der Nova Bar ausgeschenkt werden, ist Daniel mit der Begrifflichkeit nicht ganz zufrieden. „ Wein entsteht ja nicht einfach, indem eine Traube auf den Boden fällt. Die wird eher Essig. Es braucht also durchaus kulturelle Techniken. Deswegen sprechen wir lieber von Low Intervention Wine, also so wenig menschlicher Eingriff wie möglich und so viel wie nötig. In allen Bereichen versuchen wir, mit der Natur, mit dem Strom des Lebens zu gehen.“ Selbst die hübschen Etiketten sind einfach nur Tropfen Tusche, die frei fließen dürfen.

Vom Dorf in die Romantica

Frei fließen, das ist auch ein gutes Stichwort für die wenige Entspannung, die sich die beiden nach einem langen Tag gönnen: Auf der Yogamatte machen sie zumindest „mentalen Urlaub“, wie sie sagen. Ansonsten haben sie mit Uhlbach aber immerhin ein Dörfchen mit Feriencharakter als Homebase. Und das ist nicht der einzige Vorzug, wie Frederike weiß: „Wir leben in einem Dorf und sind trotzdem schnell in der Romantica“, grinst sie. Klappt bestimmt bald mal wieder mit einem Ausflug.

Es tut sich was vor den Toren der Stadt. In Stuttgarts klassischer Weinszene bekommt man erst so langsam etwas davon mit. Außerhalb des Landes sieht das aber schon ganz anders aus: „Unser größter Abnehmer sitzt in Japan, außerdem gehen unsere Weine nach Los Angeles, nach Kopenhagen, nach Paris. Ohne dass wir uns verbiegen müssen, haben uns Menschen entdeckt. Das ist ein schönes Gefühl.“ Auch auf dem Weindorf wird man ihre Weine probieren können – am Samstag, den 2. September, in der Kulturlaube vor der Alten Kanzlei.

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