Präsident des Kinderschutzbundes „Die Kinderarmut wird deutlich zunehmen“

Der Deutsche Kinderschutzbund fürchtet wachsende Kinderarmut. Foto: dpa/Christian Hager

Die hohen Energie- und Lebensmittelpreise bringen viele Familien in Schwierigkeiten. Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, fordert im Interview zusätzliche Hilfen für Menschen in der Grundsicherung. Und einen höheren Mindestlohn.

Korrespondenten: Tobias Peter (pet)

Reichen die Regelsätze für Kinder im Bürgergeld aus? Wie ist die Situation von Familien, in denen zwar beide Eltern arbeiten, aber das Geld trotzdem kaum oder nicht ausreicht? Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, zeichnet ein düsteres Bild für das kommende Jahr. Er fordert eine Kindergrundsicherung, mehr Geld für Bildung und auch eine weitere Erhöhung des Mindestlohns.

 

Herr Hilgers, auf die Corona-Pandemie folgte direkt der Krieg in der Ukraine – mit ökonomischen Folgen auch für uns. Wie geht es den Kindern in Deutschland zum Ende des Jahres 2022?

Die Kinder sind von allen schlimmen Ereignissen der vergangenen Jahre besonders getroffen. Sie waren die ersten, deren Freiheit drastisch beschränkt wurde, und sie durften als letzte zurück ins normale Leben. Als Corona kam, durften sie nicht mal mehr auf den Spielplatz vor dem Wohnblock. Sie haben unter den langen Schulschließungen gelitten. Auch unter den Folgen der Wirtschaftskrise, die aus dem Krieg in der Ukraine und der Energieknappheit folgt, müssen insbesondere die Kinder leiden.

Wird sich die Kinderarmut in Deutschland verschärfen?

Ja. Das Schlimme ist, dass die Kinderarmut in Deutschland sich ohnehin schon seit Jahren verschärft hat. Das wird durch die ökonomischen Folgen des Krieges in der Ukraine noch einmal schlechter. Die Inflation trifft Familien, die nur wenig Geld zur Verfügung haben, besonders hart. Die Kinderarmut wird im kommenden Jahr also noch einmal deutlich zunehmen.

Aus Hartz IV wird zum 1. Januar 2023 das Bürgergeld. Reichen die neuen Regelsätze für Kinder und auch für ihre Eltern im kommenden Jahr aus?

Nein. Es ist absehbar, dass Familien mit Kindern im kommenden Jahr mit den Regelsätzen im Bürgergeld nicht hinkommen werden. Die Erhöhung kommt zu spät und sie wird von der Inflation direkt wieder aufgefressen. Wenn die Politik sich schon nicht zu höheren Regelsätzen durchringen kann, muss sie schnell zusätzliche Hilfen für Familien in der Grundsicherung und mit geringen Einkommen beschließen. Schon jetzt kommen viele nur mit Hilfe der Tafeln geradeso über die Runden. Das ist beschämend für ein so reiches Land.

Ist die Bürgergeldreform ein Etikettenschwindel?

Es gibt einige gute Punkte beim Bürgergeld. Dass Jugendliche künftig nebenbei etwas dazuverdienen können, ohne dass ihnen der Staat gleich wieder fast alles wegnimmt, ist ein Fortschritt. Aber an vielen anderen Punkten verbessert sich wenig bis nichts – wenn man etwa auf die Sanktionen schaut.

Kann der Staat nicht erwarten, dass derjenige, der Geld bekommt, Termine auch einhält? Warum soll es dann keine Sanktionen geben?

Die Sanktionen treffen nicht nur die Eltern. Auch die Kinder müssen darunter leiden. Das ist fürchterlich ungerecht. Im Übrigen gilt: In der öffentlichen Debatte zu dem Thema ist ein schiefes Bild entstanden. Es ist zum Beispiel viel zu wenig darüber gesprochen worden, dass in vielen Familien, die Geld über die Grundsicherung bekommen, die Eltern arbeiten. Das Geld reicht nur nicht.

Der Mindestlohn von zwölf Euro sollte helfen, die Zahl derjenigen, die arbeiten, und trotzdem zu wenig zum Leben haben – zu verringern. Macht die Inflation das alles zunichte?

Die Erhöhung des Mindestlohns sorgt in schwierigen Zeiten dafür, dass der finanzielle Absturz für Menschen mit geringen Einkommen nicht ganz so schlimm ist. Es gibt aber keinen Zweifel: Er muss angesichts der Inflation schnell wieder steigen – auf mindestens 13, besser auf 14 Euro. Das würde helfen, dass weniger Familien in Armut sind.

Die Bundesregierung arbeitet an einer Kindergrundsicherung, die noch in dieser Legislaturperiode kommen soll. Ist das schnell genug?

Es ist glasklar, dass wir im kommenden Jahr schnell noch einmal Sofortzuschläge für Kinder brauchen. Die Politik darf die Familien in der Not nicht hängen lassen. Die Kindergrundsicherung ist ein kompliziertes Projekt: Es müssen unterschiedliche Leistungen – vom Kindergeld bis hin zu Leistungen der Grundsicherung – zusammengeführt werden. Es sind sieben Ministerien beteiligt, zahlreiche Gesetze müssen geändert werden. Ich appelliere an die Politik, sich mit der Kindergrundsicherung zu beeilen. Ich habe aber auch Verständnis dafür, dass diese schwierige Operation etwas Zeit dauert.

Ändert sich denn überhaupt viel, wenn nur bestehende Familienleistungen zusammengeführt werden?

Das hängt jetzt vom politischen Willen und der Ausgestaltung ab. Klar ist: Die Kindergrundsicherung muss am Ende dazu führen, dass bei Kindern aus armen Familien, aber auch aus Familien mit überschaubaren mittleren Einkommen mehr Geld ankommt. Sonst verfehlt sie ihr Ziel, Kinder besser gegen Armut abzusichern. Für eine Kindergrundsicherung, die ihren Namen verdient, muss der Staat zusätzliche Milliardensummen in die Hand nehmen.

Das wird schwer durchzusetzen sein. Die Corona-Jahre und die Energiekrise kosten den Staat gigantische Summen. Irgendwann müssen die zusätzlichen Schulden zurückgefahren werden.

Als Gesellschaft können wir es uns nicht leisten, dieses Geld nicht in die Kinder zu investieren. Diejenigen, die in Armut aufwachsen, haben im Ergebnis oft auch die schlechteren Bildungschancen. Der Fachkräftemangel ist schon jetzt überall zu spüren. Wir müssen uns also sowohl das Geld für eine auskömmliche Kindergrundsicherung leisten als auch mehr in Bildung investieren, damit unser Land in Zukunft überhaupt noch funktioniert und wirtschaftlich erfolgreich bleiben kann. Schulen in Brennpunkten müssen gestärkt werden – mit Lehrern, mit Sozialpädagogen, mit Sozialarbeitern. Das alles müssten in erster Linie die Ökonomen fordern – und nicht nur so ein Gutmensch wie ich.

Es ist kurz vor Weihnachten. Was sind Ihre drei wichtigsten Wünsche an die Politik für 2023?

Erstens: Schulen und Kitas dürfen nicht noch mal in einen Lockdown gehen. Zweitens: Die Politik muss alles tun, um gegen die Kinderarmut durch die Inflation zu kämpfen. Drittens brauchen wir den Bewusstseinswandel, dass wir um die Bildungs- und Lebenschancen jedes einzelnen Kindes kämpfen müssen – für die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes.

Zur Person

Beruf und Ämter
Heinz Hilgers ist Diplom-Verwaltungswirt. Der heute 74-Jährige hat das Jugendamt der Stadt Frechen in der Nähe von Köln geleitet, bevor er für die SPD Abgeordneter im Landtag Nordrhein-Westfalen wurde. Hilgers war auch Bürgermeister der Stadt Dormagen. Seit 1993 ist er Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes.

Familie
Hilgers ist verheiratet und Vater von drei Söhnen. Er lebt im rheinländischen Dormagen, wo er auch geboren wurde.

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