Präsidentschaftsbewerber in Iowa Aufmarsch der Trump-Konkurrenten
Im Mittleren Westen der USA präsentieren sich acht Präsidentschaftsbewerber der Republikaner bei einem skurrilen Spektakel. Der Favorit Donald Trump grinst nur aus der Ferne.
Im Mittleren Westen der USA präsentieren sich acht Präsidentschaftsbewerber der Republikaner bei einem skurrilen Spektakel. Der Favorit Donald Trump grinst nur aus der Ferne.
Der Mann in blau kariertem Freizeithemd und Jeans wirkt genervt. „Wohin gehen wir“, fragt er, während er umzingelt von schrankbreiten Bodyguards und einem drängenden Fotografenpulk auf dem Parkplatz des Messegeländes minutenlang ohne erkennbares Ziel hin und her geschoben wird. „Eis-Stand!“, ruft endlich eine Stimme aus der Menge.
Doch bevor Ron DeSantis die Fabulicious Ice Cream von Over the Top probieren kann, stellt sich ihm ein Mann im roten Polohemd vor. „Ich komme von der Freedom Foundation“, sagt er. „Was ist das?“, erwidert der Gouverneur von Florida verdutzt. Offenbar hat er den Namen der lokalen Veteranenorganisation, für die hier heute gesammelt wird, noch nie gehört. „Nice!“, antwortet er schließlich grinsend, nachdem ihm der Mann die ehrenamtliche Arbeit zur Unterstützung Not leidender ehemaliger Militärangehöriger erläutert hat.
Dann scheint er das Gefühl zu haben, noch etwas sagen zu müssen. Also fragt er den Ex-Soldaten, wo er stationiert war.
„San Diego.“
„Oh, San Diego. Das ist wettermäßig der beste Platz für eine Stationierung. Obwohl: Inzwischen ziehen viele Leute von da nach Florida wegen der Politik.“
Die freundliche, lockere Plauderei mit normalen Menschen ist erkennbar nicht die Stärke des Yale-Absolventen DeSantis, der sich mit seinem Kreuzzug gegen den Aufklärungsunterricht in Schulen, kritische Bücher und den angeblich von radikalen Linken gekaperten Disney-Konzern gerade einen zweifelhaften Namen als Amerikas härtester rechter Kulturkämpfer macht. Es wird auch nicht besser, als er endlich ein Schokoladeneis für seinen Sohn Mason ergattert. „Ist das hier Ihr einziger Standort?“, fragt er den Händler. Seine Gedanken scheinen eher bei dem Plastiklöffel des Fünfjährigen auf seinem Arm zu sein, der bedrohlich über seinem Hemd kreist. „Also dieses Eis ist großartig. Das kann ich Ihnen sagen!“, schiebt er schließlich ausdruckslos hinterher.
Authentisch wirkt das alles nicht. Da hat es der ehemalige Vizepräsident Mike Pence deutlich einfacher. Schon eine Stunde zuvor ist er mit seiner Frau Karen ein paar Meilen nördlich beim Big Barn Harley-Davidson aufgeschlagen, wo 250 Motorradfahrer ihre blitzenden Maschinen für eine Parade durchs Umland von Des Moines in Reih und Glied aufgereiht hatten. Pence hat schnell sein blaues Sakko mit den Goldknöpfen abgelegt und gegen eine schwarze Lederweste mit einer US-Fahne und vielen Abzeichen eingetauscht. Dann schwang sich der 63-Jährige locker auf eine kobaltblaue Harley und knatterte vor den anderen Bikern an den Fernsehkameras vorbei hinaus ins endlos flache Land.
Willkommen in Iowa, dem Bundesstaat im Mittleren Westen, wo die Maisfelder bis zum Horizont reichen und siebenmal so viele Schweine wie Menschen leben. „Iowa – oh, da ist es!“ heißt es selbstironisch auf Kaffeebechern mit einer Amerika-Karte, die ein Souvenirshop in der Landeshauptstadt Des Moines verkauft. Doch alle paar Jahre zu den Vorwahlen mutiert die öde Prärie zum heißesten politischen Pflaster der USA. Im nächsten Januar wird in Iowa als erstem Bundesstaat über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten abgestimmt. Um rechtzeitig Punkte zu machen, fliegen schon jetzt die Kandidaten zum Schaulaufen ein.
Sieben Bewerber und eine Bewerberin sind an diesem Samstag nach Des Moines gekommen – und damit fast alle republikanischen Aspiranten für das Weiße Haus. Nur einer ist ferngeblieben: Favorit Donald Trump will sich nicht mit der Konkurrenz gemeinsam auf der Bühne zeigen. Der Attraktivität der skurrilen Veranstaltung mit dem Titel „Roast & Ride“ tut das keinen Abbruch: Erst gibt es eine Motorradparade. Dann Schweinebraten mit scharfer Barbecue-Soße auf Burger-Brötchen. Und schließlich den „Cattle Call“ (wörtlich: Vieh-Aufruf), das „Probesingen“ der Bewerber im Zehn-Minuten-Takt in einer Messehalle auf einer Bühne mit Heuballen und Traktoren. Zwischendurch fahren draußen die Kampagnenbusse vor. Dort gibt es T-Shirts, Aufkleber und reichlich Gelegenheit für Selfies mit dem Lieblingspolitiker. Das Ganze ist eine Mischung aus Volksfest, Picknick und politischem Speeddating. Amerikanischer kann Wahlkampf kaum sein.
Vor gar nicht so langer Zeit war Iowa ein echter Swing-State, der mal an die Demokraten und mal an die Republikaner ging. Doch die Gewichte haben sich verschoben. Bei der letzten Wahl holte Trump 53 Prozent der Stimmen. „Für die Demokraten ist Iowa nur ein Staat, über den man drüber fliegt“, stichelt die republikanische Senatorin Joni Ernst gleich zu Beginn der Veranstaltung. Das sieht Craig Wicks ähnlich. Seit acht Jahren ist der Motorradfan jedes Jahr bei dem republikanischen Biker-und-Burger-Spektakel dabei. Wegen der Harleys. Aber auch wegen der Reden. „Im Grunde gibt es in unserer Partei gar nicht so große Unterschiede“, behauptet der „Road Captain“ mit der schwarzen Lederjacke. Die Differenzen würden von linken Medien erfunden und böswillig aufgebauscht, um die Republikaner zu entzweien. Beim innerparteilichen Caucus wird er wohl für Donald Trump stimmen: „Dessen Persönlichkeit gefällt mir zwar nicht so gut, aber der kommt am besten mit den Attacken der Presse klar: Sie sind ihm einfach egal.“
Tatsächlich führt Trump derzeit mit weitem Abstand das republikanische Präsidentschaftsbewerberfeld an. In Umfragen liegt er 30 Punkte vor DeSantis. Der Vorsprung vor Pence und der früheren UN-Botschafterin Nikki Haley ist noch größer. Doch gewählt wird erst in anderthalb Jahren. Bis dahin kann noch viel passieren. Deshalb rangeln die Verfolger um die beste Ausgangsposition. Die Präsentation und Intonation der Bewerber unterscheiden sich deutlich. Ungewöhnlich lange redet die 51-jährige Ex-Botschafterin Nikki Haley über Außenpolitik, wohl nicht zuletzt, um ihre eigene Expertise herauszustreichen. Ex-Vizepräsident Pence deutet an, dass er am Mittwoch offiziell ins Präsidentschaftsrennen einsteigen werde, wobei er sich auf einen Höheren beruft: „Gott ist noch nicht fertig mit Amerika!“ Ein Bewerber nach dem anderen tritt auf das Podium.
Das größte Interesse zieht DeSantis auf sich, der seinen rechten Kulturkampf in Florida anpreist und zum „Krieg“ gegen den „woken“ Zeitgeist aufruft. Kurioserweise braucht er für seine Standardrede immer noch ein Manuskript. Kein persönliches Wort, nichts Joviales, nichts Empathisches findet sich in diesem Vortrag. Dafür umso mehr kalte Wut. Trotzdem bekommt der 44-Jährige kräftigen Beifall.
Unmittelbar nach dem Ende der Veranstaltung aber holt die Besucher draußen auf dem Parkplatz die Realität schlagartig wieder ein. Da klebt unter den Scheibenwischern ihrer Autos nämlich ein blaues Flugblatt. Es zeigt ein bekanntes Gesicht mit goldener Haartolle und grinsendem Lächeln. „Iowa Is Trump Country!“ steht daneben.