Präventionsprogramm gegen Mobbing Wie ein Gymnasium in Weil der Stadt Ausgrenzung verhindern will

Mobbing ist an deutschen Schulen keine Seltenheit: Jeder zehnte Schüler ist laut einer Studie davon betroffen. Foto: imago/photothek/Thomas Koehler

Mobbing erkennen und vorbeugen: Das Johannes-Kepler-Gymnasium in Weil der Stadt nimmt als eine von 41 Pilotschulen in Baden-Württemberg am Präventionsprogramm „Mobbing&Du“ teil.

Digital Desk: Annika Mayer (may)

Viktor will nicht mehr in die Schule gehen. Dort wird er von seinen Klassenkameraden regelmäßig beleidigt, geschubst und ausgegrenzt – er ist Opfer von Mobbing. Viktor ist allerdings kein echter Schüler, sondern der Protagonist eines Hörspiels des Präventionsprogramms „Mobbing&Du – schau hin und nicht zu“. An diesem nimmt das Johannes-Kepler-Gymnasium Weil der Stadt als eine von 41 Pilotschulen im Land teil.

 

Entwickelt wurde das Programm von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Baden-Württemberg Stiftung. Lehrer und Schüler der Klassen drei bis neun sollen geschult werden, Ausgrenzung zu erkennen und zu verhindern.

Jeder zehnte Schüler wird gemobbt

Denn die Erfahrungen, die der fiktive Viktor macht, stehen mittlerweile in vielen Klassenzimmern auf der Tagesordnung. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, die 2017 und 2018 an deutschen Schulen durchgeführt wurde, zeigt, dass jeder zehnte Schüler betroffen ist. Die Ressourcen an den Schulen – insbesondere die Zeit – seien sehr knapp, um dem zu begegnen, sagt Vanessa Jantzer. Sie ist Psychologin und Mitglied der Forschungsgruppe „Mobbing-Prävention“, die für das Programm verantwortlich ist. Gleichzeitig werde viel unternommen, ohne zu wissen, ob es überhaupt etwas bewirkt. Es fehlt an effektiven Strategien.

Das soll „Mobbing&Du“ ändern. Das Projekt basiert auf langjährigen Erfahrungen der Heidelberger Psychologen und wird von ihnen wissenschaftlich begleitet. Die Pilotschulen sind dafür in zwei Gruppen eingeteilt, erklärt Jantzer. Eine sogenannte Startgruppe, die sofort mit dem Programm beginnt und eine Wartegruppe, bei der es ein Jahr später losgeht. In beiden Gruppen werden Schülerbefragungen durchgeführt, um zu sehen, wie wirksam das Projekt ist. Dabei steht im Vordergrund, ob es weniger Betroffene und Täter an den Schulen gibt, sich mehr Schüler anderen anvertrauen und sich allgemein die psychische Situation verbessert. Die Befragungen sollen auch zeigen, wo genau es an den einzelnen Schulen Handlungsbedarf gibt. Rolf Bayer hat das überzeugt. Bei Mobbing sei es oft heikel, einzugreifen, erklärt der Schulleiter des Johannes-Kepler-Gymnasiums. „Um bewusst zu intervenieren braucht man mehr Hintergrundwissen. Der wissenschaftliche Ansatz ist hilfreich, um zu wissen, was wie wirkt.“ Das Präventionsprojekt ist im vergangenen Schuljahr am Gymnasium gestartet. „Jeder Mobbingfall ist einer zu viel. Wenn durch das Programm an unserer Schule auch nur einer verhindert wird, ist das schon ein Erfolg“, meint Bayer. Vor allem soll es die ganze Schule für das Thema sensibilisieren. Sodass ein Dritter, der mitbekommt, wie sich ein Mitschüler über einen anderen lustig macht, eingreift – und nicht stumm bleibt oder sogar mitlacht.

Das Programm soll für Mobbing sensibilisieren

Das Gymnasium ist Teil der Wartegruppe, an der Schule wurden im vergangenen Schuljahr also nur die Befragungen durchgeführt. Mit den Ergebnissen ist der Rektor zufrieden, bei der Zahl der Mobbingfälle liege die Schule unter dem Durchschnitt. Zurücklehnen will man sich nicht: Im Oktober hat nun die aktive Phase des Projekts begonnen.

Erklärvideos, Leitfäden und Übungen

„Mobbing&Du“ verwendet dabei verschiedene Bausteine, kombiniert Präsenzveranstaltungen mit digitalen Lerneinheiten. Aktuell werden am Johannes-Kepler-Gymnasium bereits die Lehrer geschult, so Bayer. Sie bekommen von der Forschungsgruppe Interventionskonzepte, wie etwa Gesprächsleitfäden an die Hand, die erläutern, wie man bei Mobbingfällen richtig eingreifen kann, schildert Jantzer. Mit digitalen Lerneinheiten eignen sich die Lehrkräfte außerdem selbstständig Wissen an, um dann an dem Gymnasium ab dem zweiten Halbjahr Trainings mit den eigenen Klassen durchzuführen.

Diese sollen in der Klassenlehrerstunde stattfinden. Dort schauen die Schüler dann Erklärvideos an oder machen praktische Übungen wie Rollenspiele, um sich in verschiedene Situationen hineinzuversetzen. So sollen sie Empathie entwickeln und Handlungsmöglichkeiten kennenlernen, erklärt Jantzer. Gleichzeitig stellt das Programm digitale Lerneinheiten mit Audio-, Bild- und Textdateien sowie kleinen Quizfragen für die Schüler bereit. Wer von Mobbing betroffen ist oder Vorfälle beobachtet, kann sich außerdem an eine E-Mail-Adresse wenden, die im Zuge von „Mobbing&Du“ eingeführt wird.

Die Koordination übernimmt am Johannes-Kepler-Gymnasium ein Kernteam aus vier Lehrkräften. Sie erhalten von der Heidelberger Forschungsgruppe eine besondere Schulung, um zum Beispiel regelmäßig mit dem Kollegium den richtigen Umgang mit Mobbing zu üben, erklärt Vanessa Jantzer. Rolf Bayer ist überzeugt, dass das Projekt Wirkung zeigen wird. „Dann haben wir ein System an der Schule, das funktioniert.“

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