Praktikum in Istanbuler Kita Einblicke in eine andere Kita-Welt

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Bernstein Köllner Stiftung vergibt Stipendien zu „Interkulturellem Lernen“ an angehende Erzieherinnen. Die ersten Stipendiatinnen berichteten in der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik über ihre sechs Wochen in Istanbuler Kitas.

Die angehenden Erzieherinnen Ana Maria Brinkmann und Gloria Schmid haben in Istanbul ein Praktkum gemacht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Die angehenden Erzieherinnen Ana Maria Brinkmann und Gloria Schmid haben in Istanbul ein Praktkum gemacht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Sie sind sich einig. „Es lohnt sich. Es war toll, eine andere Pädagogik kennenzulernen und zu reflektieren.“ Ana Maria Brinkmann und Gloria Schmid meinen damit das Stipendium „Interkulturelles Lernen“, finanziert von der Bernstein-Köllner-Stiftung, das ihnen sechs Wochen lang ein Praktikum in Istanbuler Kindertagesstätten ermöglichte.

An der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Botnang, wo sie im Sommer ihre Ausbildung zur Erzieherin abschlossen, berichteten die 26-Jährige und die 19-Jährige nun von ihren Erfahrungen. „Wir sind herzlich aufgenommen worden, die Menschen sind sehr gastfreundlich“, so Brinkmann. Schmid ergänzte: „Ich fühle mich den türkischen Mitbürgern verbundener, kann manches besser verstehen.“

Laternenfest in Istanbul organsiert

In Istanbul lernten sie zwei Kitas kennen, wochentags von acht bis 16 Uhr, eine private und eine staatliche. Erst assistierend, konzipierten sie dann selbst Angebote, etwa ein Laternenfest. „Das war in der privaten“, so Schmid. „Die Leiterin sprach Deutsch, wollte deutsche Kultur zeigen.“ In der staatlichen Kita sprach jeder Türkisch. Eine Herausforderung, trotz Sprachkurs.

Um eine Beziehung aufzubauen, brauche man Offenheit, Flexibilität und Mut, betonte Schmid. „Es geht körperlicher zu, Kinder werden geherzt und geküsst, auch die Eltern, das ist für uns ungewohnt.“ Während in der privaten Kita Religion kaum eine Rolle spielte, war sie in der staatlichen präsenter. Anders sei auch die Pädagogik gewesen: altershomogene Gruppen und Lehrer von außen, die Musik, Englisch, Tanz oder Theater gaben. „In der Freispielphase ließ man die Kinder allein, es folgten einzelne Angebote. Kinder werden gleich korrigiert“, so Brinkmann. Dass es in der Zeit einen Anschlag gab, bekamen die beiden Erzieherinnen von Bekannten aus Deutschland mit. „Man lebt dort damit, die Angst wird ignoriert“, so Schmid.

Brinkmann und Schmid sind die ersten Stipendiatinnen der Bernstein-Köllner-Stiftung, die von einem Feuerbacher Unternehmerehepaar gegründet wurde. Zweck: junge Mütter und Kinder in Feuerbach zu unterstützen. „Nach Sandkästenbau und Renovierungen in Feuerbacher Kitas wollten wir noch mehr Gutes tun, etwa kultursensiblen Umgang in Kitas fördern, das gelingt am besten mit pädagogisch begleiteter Praxiserfahrung“, so der Rechtsanwalt Philip C. Hansis, der Stiftungsvorstand.

Das Fazit: das Experiment hat geklappt

Mit der einstigen Kinderbeauftragten der Stadt Stuttgart, Roswitha Wenzl, sei die Idee des interkulturellen Erziehers aufgekommen. Wenzl vermittelte zu Einrichtungen in Istanbul, die Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik wurde Kooperationspartner. „Der Blick über den Tellerrand, das Interreligiöse sowie die Auseinandersetzung mit anderen Bildungssystemen gehört zu unserem Schulprofil“, so Fachschul-Direktorin Birgit Deiss-Niethammer. Alle hätten mit dem Stipendium Neuland betreten, es sei ein Experiment gewesen, betont sie.

Wegen der politischen Lage sei lange unsicher gewesen, ob es funktionieren würde. „Nun können wir sagen: Des Experiment hat geklappt“, so Deiss-Niethammer. „Wir können das Stipendium nochmals ausschreiben für das kommende Jahr.“ Oberkirchenrat Werner Baur bezeichnete dies als Lichtblick. „Das Projekt wirbt angesichts der momentanen politischen Lage für interkulturelle Offenheit, Toleranz und Vielfalt.“

Sonderthemen