Als herausragendes Beispiel nannte er Francis Kéré, der den Architektur-Oscar, den Pritzker-Preis, unter anderem für einen Schulbau in Afrika erhalten hat – und eben nicht für ein Hightech-Hochhaus oder ein Museumsjuwel. Aufs Hier und Jetzt in Deutschland übertragen bedeutet soziale Verantwortung der Architektur auch das Bauen von dringend benötigtem bezahlbaren Wohnraum, Bauen im Bestand, ökologisches Bauen.
Krankenhaus in Myanmar
Die Architekten A + R, 1985 von Gerd Ackermann und Hellmut Raff gegründet, dürften sich bestätigt gefühlt haben. Das Büro mit Sitz in Stuttgart und Tübingen engagiert sich seit längerer Zeit auch sozial, hat Bauten in Myanmar entworfen, zuletzt ein Hospital aus Ziegel. Ein rot leuchtender Bau, beeindruckend warme Ästhetik, Licht- und Schattenspiele – all das demonstriert, wie mit einfachen Mitteln hochwertige Bauten entstehen.
Wer die A+R-Architekturchefs Florian Gruner, Alexander Lange, Oliver Braun und Walter Fritz in ihrem Büro im Stuttgarter Westen besucht – sie arbeiten auf mehreren Stockwerken verteilt in einem alten Backsteinbau –, der erfährt erstaunlich Unprätenziöses. Und viel über die soziale, die gesellschaftliche Verantwortung des Architekturberufs.
Dass der Bau des Hospitals in Myanmar, der über Firmengründer Helmut Raff und eine Privatinitiative zustande kam, international wertgeschätzt wird, darüber freue man sich in der Tat. Oliver Braun: „Es gab dort keine Baufirma, wir haben mit den Leuten vor Ort gearbeitet. Mitten im Dschungel arbeitet man mit dem, was es gibt, ein Betonskelett lässt sich einfach bauen, und die Ziegel wurden dort von Hand hergestellt.“
Sowohl diese Arbeit als auch der vielfach ausgezeichnete Umbau eines alten Eisenbahn-Reparaturbahnhofes in Aalen in ein Kulturzentrum (KUBAA) seien spannende Herausforderungen. Derlei Projekte und Prämierungen bringen dem Büro Renommée. „Aber“, sagt Oliver Braun, „ein großer Teil unserer Arbeit besteht im Entwerfen von städtischen Quartieren, in denen Wohnen und Arbeiten wieder zusammengehören. Kitas, Schulen, Pflegeheime und Gewerbe liegen in direkter Nachbarschaft, die Menschen sollen sich begegnen. Ein weiterer großer Schwerpunkt sind unsere öffentlichen Bauten, also Schulen, Museen, Rathäuser, Landratsämter oder Räume für Kultur.“ Und jüngst ist auch noch gemeinsam mit Architekten aus den Niederlanden ein Wohnbauprojekt „Wohnen am Fluss“ im Rahmen der in Stuttgart-Untertürkheim gewonnen worden, das die Internationalen Bauausstellung IBA 27 bereichern soll.
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nun-offizielles-iba-27-projekt-wohnen-am-fluss-in-untertuerkheim.d1879df0-45e0-4958-a469-275a97755081.html
Die Architekten berichten von Möglichkeiten, in der Planungsphase kreative Vorschläge zu machen, aber auch von „herausfordernden“ Bauvorgaben seitens der Stadt, die sich zuweilen widersprechen. Einerseits ist beispielsweise auf dem Dach aus Klimagründen Photovoltaik vorgeschrieben, und gleichzeitig wünscht man sich unbedingt einen ökologisch wertvollen Dachgarten. „Da stehen sich dann zwei Ämter gegenüber“, so Braun, „und wir stehen dazwischen. Häufig wird dann lange nicht entschieden, das reibt uns auf.“
Kritik an überfrachteten Vorschriften
Wohnungsbau beinhaltet auch, auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Architektur reagiert im besten Fall auf sich veränderte Lebensweisen. Und sei es, um auch die Quadratmeter maximal zu nutzen. „Für heutige Bedürfnisse entwickeln wir preiswerte neue Grundrisse“, sagt Alexander Lange, „ zum Beispiel verzichten wir komplett auf den Flur und schaffen dafür eine gemütliche, große, zentrale Wohnküche, in der das Leben spielt. Wenn man gut und kostengünstig baut, braucht man neue Grundrisse – dann kann man zehn Quadratmeter Flur sparen und einen Wohnküchen-Allraum schaffen.“
Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gilt es auch, einfacher zu bauen. Florian Gruner: „Weniger Technik mit geringerem Aufwand für die Wartung. Doch dem stehen tausende von Vorschriften zu Luftzirkulation, Brand- und Schallschutz entgegen, das ist alles komplett überfrachtet.“ Gestiegene Anforderungen der Nutzer kämen hinzu: „In einem Neubau gelegentlich den Nachbarn zu hören, wird nicht mehr akzeptiert. In einem schönen Altbau dagegen stört das niemanden. Vielleicht sollte man daraus wieder Schlüsse ziehen.“
Möglichst funktional, einfach und flexibel nutzbar zu bauen ist das eine, Nachhaltigkeit durch Langlebigkeit das andere. „Unser Ziel ist es, Gebäude zu entwerfen, die die Gesellschaft voranbringen und Vorbildcharakter haben“, sagt Walter Fritz. „Wir wählen Material und Formen so aus, dass ein Haus robust ist und möglichst lange genutzt werden kann. Beton sollte heute wegen seiner klimaschädlichen Produktion nur noch reduziert, als das Skelett von Holzbauten, eingesetzt werden.“
Dann relativiere sich auch die Klimaschädlichkeit etwa von Beton beim Bauen: „Doch nur mit Holz wird der Wohnbau nicht funktionieren, vor allem, wenn das Holz regional bezogen werden will.“
Beispielhafter Bau in der Nordbahnhofstraße
Städtebaulich relevant sind nicht nur Bauten, es sind auch die Gebäude, an denen Menschen Tag für Tag vorbeigehen. Hochwertige Halbhöhe-Wohnbauten auf dem Killesberg haben A+R entworfen, aktuell aber planen sie fürs Siedlungswerk einen Teilabschnitts-Bau in dem Viertel zwischen Wagenhallen und dem ehemaligen Ufa-Kino.
Schon fertig für denselben Bauträger ist eine Wohnanlage mit ökologischem Vorbildcharakter in der Nordbahnhofstraße, Ecke Eckartstraße. Ins Eckhaus mit Café ist der Körperbehindertenverein mit Menschen mit Beeinträchtigungen eingezogen, Photovoltaik auf dem Gelände versorgt die E-Ladestationen für Carsharing Autos und Pedelecs.
Die HPL Schichtstoffplatten im Eingangsbereich in einem erdig braungrünen schimmernden Naturton ebenso wie die beschichteten Alufenster passen zur hellbraunen Ziegelplättchen-Fassade – diese wiederum ist eine Reverenz vor den Backsteinbauten in der Nachbarschaft.
„Backstein wäre natürlich noch schöner gewesen“, sagt Alexander Lange, „aber da wären die Kosten explodiert“. Balkons mit Milchglas ergeben ein harmonisches Bild. Zwischen den Bauten an der Straße führen Treppen hinauf zu den Häusern in zweiter Reihe. Der Innenhof ist begrünt, Lüftungsschächte von der natürlich belüfteten Tiefgarage verstecken sich hinter Holz-Sitzbänken.
Auszeichnungen gab es auch für die Energieeffizienz. Besonders für Eisspeicher, PV-Anlage und Wärmepumpe für die Heizung und Kühlung der Gebäude. Auch in Freiburg und in Stuttgart-Bad Cannstatt haben die Architekten einladende und energetisch innovative Wohnbauten geplant.
Arbeit zieht Arbeit nach sich. Demnächst wird ein Wohnquartier (mit Kirchenneubau!) in Stuttgart-Mönchfeld fertig. Und jüngst konnte sich das Büro, das eines der wettbewerbsstärksten Deutschlands ist, wieder freuen – neben der katholischen Kirche auf dem Fasanenhof sollen etwa 70 neue Wohnungen entstehen, der Siegerentwurf kommt von A+R Architekten.
Info
Das Büro
a+r Architekten wurde 1985 von Gerd Ackermann und Hellmut Raff als Ackermann+Raff GbR in Tübingen gegründet und hat seit 2007 auch eine Niederlassung in Stuttgart. Heute wird das Büro von den Geschäftsführern Hellmut Raff, Oliver Braun, Florian Gruner, Walter Fritz und Alexander Lange geleitet. An den Standorten Tübingen und Stuttgart arbeiten rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.