Servus, grüßt der Mann in Jeans, Shirt und lässiger Jacke das Premierenpublikum. Applaus! Everybody’s Darling ist quicklebendig zurück auf der Bühne, wo er nach eigener Aussage schon 100 Mal (als Tänzer des Mercutio in „Romeo und Julia“) gestorben ist. „Ich bin Eric Gauthier, Tänzer, Choreograf, Vater von drei Kindern und ab heute auch Opernregisseur“: Dass sich ein Regisseur vor der Premiere persönlich vorstellt, ist ungewöhnlich; dass sich Gauthier in Stuttgart vorstellt, wo ihn fast jeder kennt, ohnehin.
Aber was ist schon gewöhnlich an diesem denkwürdigen Sonntagabend im Opernhaus? Zu erleben ist ein Stück mit dem Titel „La Fest“, das Musiktheater bietet, aber keine bestehende Oper reproduziert; ein hybrides Kunstwerk aus Barockmusik, Gesang und Tanz unterschiedlichster stilistischer Verortung. Ein turbulentes Pasticcio mit einer launigen integrierten Einführungsveranstaltung als erstem Akt und einem packenden Auf und Ab der Gefühle im zweiten (also im tatsächlichen Stück). Verwirrend, amüsant, tief berührend.
„Servus!“, grüßt Eric Gauthier
Dann also noch mal von vorne. Servus, grüßt Eric Gauthier. Neben ihm dehnen sich ein paar Sänger, und das Orchester, das hinten auf der Bühne sitzt, wagt schon mal ein leises Tänzchen. Das Publikum sei viel zu früh gekommen, behauptet Gauthier, aber wie wär’s: Noch ein wenig der Probe beiwohnen? Klar Eric, wer könnte diesem smarten Entertainer widerstehen?
Also gibt der Tenor Alberto Robert dem Publikum einen Crashkurs im Singen. Diana Haller singt sich ein bisschen warm. Zur Aria aus Bachs „Goldberg-Variationen“ füllen acht Tänzerinnen und Tänzer die Bühne mit Bewegungen von klassischen Hebefiguren bis Breakdance. Die Sopranistin Claudia Muschio begleitet ihr Singen mit Gebärdensprache (bei der das Publikum auch ein bisschen sekundieren darf). Der Regieassistent rollt einen sinnlos herumstehenden übergroßen Bären von der Bühne, der später im Foyer zum Selfie-Hotspot werden wird. Und der Staatsopernchor singt einen Vivaldi-Chor, den man gemeinhin nur instrumental (aus dem „Frühling“ der „Vier Jahreszeiten“) kennt. Das Publikum darf auch dabei ein bisschen mittun.
Eine Rahmenhandlung hält den Abend zusammen
So viel zum Warm-up. In der Pause blitzen auf den Gängen zwischen konventionellen Gewandungen barocke Kostüme auf. Und im ersten Rang darf, wer will, an einer langen Tafel Platz nehmen, die mit allerlei Kulinarischem aus Plastik dekoriert ist. Aber dann! In „La Fest“ werden starke Gefühle abgefeiert, und damit für Liebe, Wut, Eifersucht, Rache, Freude und Trauer Platz ist, hat der Dirigent Benjamin Bayl barocke Arien und Instrumentalstücke von Dowland, Purcell, Rameau, Marais, Biber, Telemann, Händel, Bach, Reinhard Keiser so zusammengestellt, dass sie einen zwingenden Bogen formen. Das Staatsorchester, dem eine (manchmal auch allein agierende) Continuogruppe auf historischen Instrumenten zur Seite steht, füllt die Collage sehr lebendig mit feinen Schattierungen von Farben und Dynamik.
Die Bühnenerzählung selbst ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll: Eine alte Frau blickt auf ihr Leben zurück, vor allem auf dessen Höhepunkte: die Feste. Da wird geheiratet und gezecht, die Tänzer wirbeln als Gäste in wechselnden Kombinationen über die Bühne, der Breakdancer Louis Buß wird zur sich drehenden Flasche. Gauthier bewegt auch den Chor, Sänger tanzen Can-Can. Spürbare Freude ist im Spiel. Und viel Ironie – zum Beispiel bei einer sehr lustigen „Reise nach Jerusalem“ oder beim Tanz der Gäste mit grünen Gummifröschen (wer sehnt sich nicht nach einem Herzensprinzen?). Dazu singt der Countertenor Yuriy Mynenko: zauberhaft. Poetische Momente gibt es auch andernorts, zum Beispiel bei Telemanns „Rimenbranza crudel“, wo neben der sehr klar, genau und hochempathisch singenden Claudia Muschio der Bariton Yannis François stumm an der Liebe verzweifelt.
Zum Schluss tanzt das ganze Opernhaus: „Sing Hallelujah!“
Da ist die Welt plötzlich ganz weit weg. Und kommt doch wenig später mit Schrecken zurück. Der Tanz wird elektrisch. Aus Bachs „Air“ wird eine laute Albtraumsequenz, sekundiert vom Chaos in Jean-Féry Rebels „Les Éléments“. Plötzlich denkt man an den Angriff der Hamas auf das israelische Rave-Festival. Und dann verwandelt sich auch noch Diana Haller, während sie mit Glut und präzisem Strahl Nicola Porporas „Alto giove“ singt, zurück in die alte Frau des Beginns. Zitternd umarmt sie das Mädchen, das sie selbst einmal war (Lia Grizelj aus dem Kinderchor – was für eine Persönlichkeit!).
Die berührende Versöhnung mit dem, was man heute inneres Kind nennen würde, beendet die Sängerin mit einem Schlusston, dessen ersterbendes Pianissimo keinen kaltlassen kann. Schade, dass das Publikum schon in das Nachspiel hinein applaudiert. Aber vielleicht wird man nur so die Trauergeister wieder los. Und nach „La Fest“ geht ja La Party los: Eine DJane kommt auf die Bühne, und zu „Sing Hallelujah!“ wird in den Reihen ausgelassen getanzt. Schließlich will der Abend auch ein Statement sein: Lasst uns Kraft tanken, indem wir das Leben feiern – trotz allem.
Eric Gauthier und „La Fest“ in Stuttgart
Regisseur
1977 in Montréal (Kanada) geboren, wurde Eric Gauthier in Montréal und Toronto zum Tänzer ausgebildet. 1996 wechselte er zur Kompanie seines Landsmanns Reid Anderson an das Stuttgarter Ballett, wo er ab 2002 als Solist tanzte. 2007 gründete er in Stuttgart seine eigene Kompanie Gauthier Dance, 2017 das Internationale Tanzfestival Colours. Nebenbei tritt Gauthier auch mit seiner Band als Musiker auf. „La Fest“ ist Gauthiers erste Arbeit als Opernregisseur.
Vorstellungen
Das Barock-Pasticcio „La Fest“ ist nochmals am 6., 16., 23., 25., 28. und 31. Dezember im Stuttgarter Opernhaus zu erleben, außerdem am 19. und 25. Januar. Karten gibt es unter 07 11 / 20 20 90 oder unter www.staatsoper-stuttgart.de.