Auf dem Stuttgarter Wasen fehlt gleichwohl im Prinzip fast alles, was den gewöhnlichen Opernabend atmosphärisch ausmacht. Wo sonst im Littmann-Bau der Kronleuchter unter die Decke entschwebt und selbst in reduziertem Ambiente die Opulenz wohnt, ist hier – fast nichts. Oder eben alles anders. Schwere Wolken ziehen vorüber, in der Ferne sieht man aus dem Autofenster den Pragsattel.
Verlässlich zischt in regelmäßigen Abständen die Stadtbahn an der Firma Farben Marquardt vorbei, manchmal mitten in einen Walzer hinein. Und doch regiert das Theater diese Flächenwüste, auf der Minimalstufe, aber – eben deshalb vielleicht – ganz groß.
Stuttgart hat international eine Ausnahmeposition inne
Vergegenwärtigt man sich die allgemeine bühnenpraktische Lage in der Welt und im Land, haben die Stuttgarter Staatstheater im Augenblick wohl eine Ausnahmeposition inne, auch international gesehen: Ehemals als kulturelle Leuchttürme apostrophierte Quartiere wie die Elbphilharmonie stehen leer. Die großen Opern in Paris, London und New York haben geschlossen, teilweise noch auf lange Zeit hinaus. Etliche deutsche Häuser hingegen haben sich auf den Liederabend als kleinsten möglichen musiktheatralischen Nenner geeinigt oder sind wie zum Beispiel in Leipzig auf Gartenkonzerte für Abonnenten ausgewichen, was Exklusivität eher fördert als verringert.
Stuttgart hingegen hat mit einer guten, gemeinsamen Planung der Sparten und namentlich zwischen Schauspiel und Oper von Anfang der Corona-Krise an tatsächlich einen neuen Saisonausklang erarbeitet. Beginnend mit den 1:1-Konzerten, die der „New York Times“ eine Geschichte wert waren, wurde dabei mit einfachen, aber originellen und zumindest teilweise sogar zukunftweisenden Mitteln gearbeitet: Orchestermitglieder haben mit viel Einsatz die Kammerkonzerte konzipiert, und die Dramaturgien begannen zeitig, Spielarten eines „ärmeren Theaters“ ins Auge zu fassen, das ja keinesfalls substanzlos sein muss. Auf Dauer wird das selbstverständlich keine Lösung sein können für einen Apparat, der 1400 Angestellte hat, aber für das veränderte Ende der jetzigen Spielzeit wie den modifizierten Beginn der kommenden Saison ist der Notfallplan weitaus mehr als eine Ansammlung von Beliebigkeiten, sondern richtiggehend erfinderisch.
Igor Strawinskys Stück vom Soldaten, der dem Teufel seine Geige verkauft, dadurch reich wird, sich aber auch seiner alten Welt entfremdet, später eine depressive Prinzessin heilt und dennoch zu Tode kommt, lag natürlich einigermaßen auf der Hand: Strawinsky schrieb es im Schweizer Exil zu Zeiten der Spanischen Grippe, als die Theater 1918 geschlossen hatten. Auf der Uraufführung ruhte kein Segen: Ensemble, Musiker und Management wurden von der Epidemie teils massiv geschädigt.
Rozic ist am besten, wenn er in die Persiflage geht
Der Regisseur Maurice Lenhard und vor allem der Hauptdarsteller Robert Rozic, der nicht nur den Teufel und den Vorleser spielt, sondern auch noch den Soldaten mimt, drehen das Stück auf dem Kulturwasen entschieden und hochunterhaltsam in Richtung One-Man-Show mit selbstironischen bis dadaistischen Zügen. Prinzessin (Miriam Markl) und der Soldat (Alexandra Mahnke) agieren nur am Rande der abschüssigen, ausgeklappten Bühne, während Rozic sich einerseits in den Text stürzt, ihn andererseits aber als Kommentator auf Distanz hält, wenn er in die Persiflage geht: Von Anklängen an den Neorealismus (diktatorisches Gehabe à la Zampanò in Fellinis „La strada“) bis hin zu surrealistischen Scherzen und Rockmusikerattitüden („Hallo Stuttgart!“) inklusive Herbert-Grönemeyer-Parodie und Rio-Reiser-Zitat („Es ist vorbei, bye-bye, Junimond . . .“) ist alles dabei.
Im Übrigen merkt man dem immens wandelbaren, in der Schweiz geborenen Schauspieler Rozic an, dass er drei Monate lang keine Vorstellung mehr hatte. Wenn er sich und seiner überbordenden Spielfreude nicht selber abrupt ins Wort gefallen wäre beim Karikieren eines Schwyzerdütsch sprechenden Marktschreiers, dauerte dieser Exkurs wohl noch an . . . Aber lachen musste man allemal, wie überhaupt in einem fort den Hut ziehen vor so viel aufwendigem, intensivem Schauspielertum.
Interessanter Schlussapplaus – den man verkrümmt und halb aus dem Fenster hängend aber sehr gerne ablieferte. Das Publikum in den Pkw gab sein Bestes. Auch, wenn man jetzt nicht durchweg derart ins Musiktheater gehen wollte – Autooper kann eine Alternative sein.
Die Tour geht weiter:
Strawinsky: Auch mit einer Alternativbesetzung reist der Operntruck weiter durch die Stadt, zum Beispiel auf den Parkplatz am Kickers-Stadion am Fernsehturm, diesmal ohne Videowand, am 13. und 14. Juni – und auf den Vorplatz der Phönixhalle im Römerkastell am 20. und 21. Juni. 50 Menschen (ohne Auto) sind zugelassen. Der Preis ist fair: 12 beziehungsweise 7 Euro.
Mozart: Noch einmal Autooper steht mit einer Premiere am 27. Juni auf dem Cannstatter Kulturwasen an, wenn Thomas Guggeis vom Klavier aus eine Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ (Regie: Rebecca Bienek) am 27. Juni leitet. Josefin Feiler ist die Pamina. Für zwei Personen, die hier wieder im Auto, kommen müssen, werden 30 Euro fällig.