Weltweihnachtscircus in Stuttgart Neue Show bietet noch mehr Superlative

Ein Freestyle-Biker (ganz oben) fliegt quer über die Manege über die Flammen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Zwischen Poesie und Adrenalinkicks feiert der 29. Weltweihnachtscircus Premiere auf dem Wasen. Erstmals fliegen Motorräder quer über die Manege. Das Publikum staunt und fragt sich: Wie schafft man es nur, die Show jedes Jahr noch weiter zu steigern?

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

So dicht unterm Zeltdach haben die elf Mitglieder des Zirkusorchesters noch nie gespielt. Ihr Musikbalkon musste um einige Meter höher gesetzt werden, damit röhrende Flugobjekte genügend Luft nach oben haben. Wer die 29. Show des Weltweihnachtscircus besucht, die auf dem Wasen vor einem euphorisch jubelnden Publikum gestartet ist, sollte auf keinen Fall früher gehen. Denn die letzte Nummer vor dem Finale aller Manegenkünstler ist ein lauter, waghalsiger Knaller, der zum Stadtgespräch werden dürfte.

 

Mit hohem Tempo rasen vier Biker aus der Gruppe des 1985 geborenen Franzosen Fred Wasner über eine Schanze, fliegen über die Manege, in der Flammen zischen, damit das Unglaubliche noch unglaublicher aussieht. Die Freestyle Moto Riders, so der Name, feiern ihre Deutschland-Premiere in Stuttgart, in der Stadt, in der Zirkusenthusiasten schon viel gesehen haben, aber so etwas noch nie.

Treue Gäste des Weltweihnachtscircus sind im höchsten Maß von Weltsensationen der vergangenen Jahre so sehr verwöhnt, dass sie nach jeder Saison eine Steigung kaum für möglich halten. Doch der Anspruch von Zirkuschef Henk van der Meijden, seiner Frau Monika Strotmann, seiner Tochter Elisa van der Meijden und seines Schwiegersohns Dalien Cohen (die nächste Generation tritt offiziell das Erbe im nächsten Jahr an) ist so hoch – die gesamte Familie aus Holland will aus dem klassischen Zirkusrepertoire immer neue Überraschungen herausholen, was in diesem Jahr traumhaft gelingt.

Chapeau im Chapiteau! In dem dreistündigen Programm (mit halbstündiger Pause) langweilt man sich keine Minute.

Ein Fest für die Familie

Die Familie des 86-jährigen Patronen aus Den Haag (es gibt bereits eine dritte Generation) zieht an einem Strang, um Tausenden von Familien in Stuttgart eine Weihnachtsfreude zu bereiten. „Für viele Kinder ist der Zirkus die erste Begegnung mit Live-Entertainment“, sagt Henk van der Meijden, „da sollte die Qualität möglichst hoch sein, damit sie bis ins hohe Alter immer wieder kommen wollen.“

Die spannungsgeladene Show von 2023/2024 (Regie: Joseph Bouglione, der von Roncalli kommt, Moderation: Björn Gehrmann) ist eine Hommage an Fürst Rainier von Monaco, der 100 Jahre alt geworden wäre und für den klassischen Zirkus stand. Diese Show ist eine Verneigung vor der Tradition und gleichzeitig ein Blick in die Zukunft, ohne Brimborium, ohne billige Effekthascherei. Die stürmisch gefeierten Nummern zeigen auf überzeugende Weise, was die Stärken der Manegenkunst bis heute ausmachen.

Zählen wir diese Stärken auf: Dazu gehören Adrenalinkicks wie bei den Ayalas, der Hochseiltruppe aus Kolumbien oder wie bei der Mustafa Danger-Gruppe, die mit dem „doppelten Rad des Todes“ im Frühjahr den Silbernen Löwen in Monte Carlo gewonnen hat. Eine weitere Stärke sind Schönheit und Poesie wie bei Laura Miller, die als „Meerjungfrau“ die Elemente Wasser, Luft und Feuer vermischt – mit Sturzflug ins Becken. Ein guter Zirkus sollte obendrein lustig sein, was Clown Henry als roter Faden der Show gelingt, aber auch dem Comedian Steve Elkey mit perfektem Timing. Dessen Eigenlob lautet: „Ich kann nix, aber das am besten!“

Weltklasse bietet außerdem der Jongleur Kris Kremo, der in Monaco für sein Lebenswerk in 50 Jahren geehrt wurde. Schon sein Vater hat jongliert, sein Sohn Harrison beherrscht die hohe Kunst ebenso, wie er beweist. Parterre-Akrobatik führen die italienischen Kolev-Sisters vor, die ebenfalls nach Monaco dürfen und die beweisen, dass man die Kraft von Frauen niemals unterschätzen sollte. Das Duo Vitalys begeistert mit kraftstrotzender Kopf-an-Kopf-Akrobatik.

Im Netz hat der Zirkusdirektor die chinesische Artistin entdeckt

Hervorzuheben sind schließlich die Rollschuh-Nummer der Tribertis, die Luftakrobatin Adéle Fame und die Pferde-Darbietung der Familie Richter unter anderem mit der Ungarischen Post (mit 19 Pferden, präsentiert von der 18-jährige Angelina Richter).

Besonders stolz ist Henk van der Meijden auf die 17-jährige Wang Mengchen vom Großen Chinesischen Staatscircus Jiangu, die er im Netz entdeckt hat und „nach 180 Mails“ engagieren konnte – auch für Monte Carlo, wo sie Anwärterin auf Gold ist. „Allein der Transport ihrer Plattform aus Zahnrädern hat 45 000 Euro gekostet“, berichtet der Zirkuschef, „die Summe teilen wir uns mit Monaco.“ Schon jetzt heißt es: Ihre Balance-Nummer schreibt Zirkusgeschichte.

TikTok kann diese Magie nicht vermitteln

Der Zirkus ist ein Sehnsuchtsort aus Kindertagen, an dem Ältere wieder jung werden und an dem die Begeisterung bei den Kleinen für die Kunst erwächst. TikTok kann diese Magie nicht vermitteln, das geht nur mit analogen Mitteln. Beim gemeinsamen Besuch rücken Familien und Freunde enger zusammen. Die Live-Performance hat ihren eigenen Charme und weckt Glücksgefühle.

Stuttgart ist dank der Meijdens zur deutschen Zirkushauptstadt geworden. Und wieder spüren alle: Stuttgart liebt den Weltweihnachtscircus und tankt im Zelt der Überraschungen Kraft für schwere Zeiten!

Karten. Für die Auftritte bis zum 7. Januar auf dem Wasen gibt es weitere Infos und Tickets unter: https://weltweihnachtscircus.de/.

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