Premiere im Stuttgarter Kammertheater So war die Uraufführung von „Zeit wie im Fieber. Büchner-Schrapnell“

„Zeit wie im Fieber“ im Kammertheater Stuttgart: Szene mit Marco Massafra als „Talentiertes Pferd“, im Hintergrund liegt die ermattete Lena (Sylvana Krappatsch) Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

Regisseur Zino Wey bringt im Stuttgarter Kammertheater „Zeit wie im Fieber. Büchner-Schrapnell“ von Björn SC Deigner zur Uraufführung. Schafft es der Abend über eine revolutionsmüde Gegenwart auf mehr als nur erhöhte Temperatur?

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Ein Schrapnell sei ein Geschoss, welches für den Einsatz gegen Menschen, Pferde und ungepanzerte Fahrzeuge entwickelt wurde – sogenannte Weichziele. So beantwortet die Homepage des Deutschen Panzermuseums die Frage, was das sei, ein Schrapnell.

 

Es gibt, das weiß nun seit Samstagabend zumindest das Uraufführungspublikum von „Zeit wie im Fieber“ im Stuttgarter Kammertheater, noch ein Ziel für derlei Geschosse: Dramen der Weltliteratur, solche von Georg Büchner zum Beispiel.

Julie aus „Dantons Tod“, Lena aus „Leonce und Lena“ bevölkern die Bühne in Björn SC Deigners neuem Stück mit dem Untertitel „Büchner-Schrapnell“. Spielerisch verwirbelt er Motive aus diversen Werken des stets mit Obrigkeiten hadernden Autors Georg Büchner (1813–1837). Sein Stück hangelt sich an der Frage entlang, wie Menschen in der heutigen Zeit auf ungerechte Verhältnisse reagieren, protestieren, revoltieren – oder eben nicht.

Poetische Warnung ohne Folgen

Der Dramatiker mit dem nach einem DJ klingenden Namen Björn SC Deigner, ein in Heidelberg geborener Musiker und Autor, sampelt und kombiniert Figuren und Themen auch anderer Autoren. Ein riesiges Banner, auf einem Gerüst aufgespannt, ist mit Zeilen aus einem expressionistischen Gedicht von Alfred Lichtenstein beschriftet: „Im Wind-Brand steht die Welt. Die Städte knistern“ (die Klimaerwärmung – Stürme, Hitze – wird der Dichter mit „Wind-Brand“ womöglich noch nicht gemeint haben, passt aber als Anspielung aufs Hier und Heute auch gut).

Nur so viel sei schon verraten, auch diese poetische Warnung wird keine Folgen haben; mehr als dass in malerisch heroischer Pose vor einer Windmaschine die Arme in die Höhe gereckt werden, wird an Revolution nicht passieren. Gegen die „Diktatur der Angepassten“, wie ein Liedtitel der Band Blumfeld schon 2001 beklagte, kommen sie nicht an. Umso ausgiebiger lamentieren Lena (Sylvana Krappatsch) und Julie (Paula Skorupa) darüber, dass die Weltordnung schlecht ist und die Menschen sich aus ihrer Untätigkeit nicht befreien. „Die Straßen mit Menschenkörpern fluten“, davon träumt Lena und fragt verwundert: „Wo seid ihr denn alle, wo denn überhaupt? Gefangene und Sklaven: auf die Straße.“ Woraufhin Julie spöttisch fragt: „Was für Gefangene? Was für Sklaven denn? Wer soll das denn sein, Lena?“

Träumen vom Aufstand der Massen: Sylvana Krappatsch (li.) als Lena, Paula Skorupa als Sophie Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

Geradezu vorbildhaft fürs postdramatische Theater geschieht überhaupt wenig in Deigners Werk, dafür finden sich Frontalansprachen ans Publikum, Assoziatives und – im Titel ist ja von Fieber die Rede – surreale, fiebrige Traumszenen.

Mehr als erhöhte Temperatur erreicht die Uraufführungsinszenierung von Zino Wey dann aber selten. Auch wenn sich Sylvana Krappatsch großartig in die Klagerede eingroovt, sich mit Kunstpausen über die maue Lust der Leute, gegen die da oben aufzustehen, wundert und eine spannungsreiche Distanz zum Text aufbaut. Einfache Antworten, so der an sich kluge Gedanke Deigners, kann es auf die Probleme der Gegenwart und auch auf die Frage des wenig bis nicht revoltierenden Volkes nicht geben; doch dieser eine Gedanke hat es schwer, einen 90-minütigen Theaterabend zu tragen.

Da helfen auch die wie Kirschen auf eine Torte gestreuten Stuttgart-Anspielungen wenig. „Zeit wie im Fieber“ ist ein eigens fürs hiesige Staatsschauspiel geschriebener Text und wartet entsprechend mit Lokalkolorit auf, hat auch keine Furcht vor Klischees. Talentierte Pferde (Wappentier!), Schwarzwalduhren, Armut im Kessel, Wohlstand auf den Höhen dieser Stadt, Villen und Weinberghäuschen, Brezeln (wie vom Azubi geschlungen mit etwas dicklichen Ärmchen). Scherze über die Kehrwoche werden dankbar goutiert. Auch Julies Ausbruch „Jetzt halt halt die Schnauze, du Sau“, als der Bäckermeister (David Müller) eine Ordnung-muss-sein-Rede hält, statt der Hungrigen seine Brezel zu reichen.

Mäanderndes Gedankenspiel

Häufig aber wirkt das mäandernde Gedankenspiel, als wäre es lieber ein Hörspiel denn ein Theaterabend. Andererseits, die Glitterhosen und Puschel an den Beinen, die orangeroten Mähnen, die Vollbärte und rot-weißen Mützen, die blumenumkränzten, zuckerwatteartigen Perücken der Nebenfiguren (Kostüme: Pascale Martin) sind durchaus effektvoll. Dergestalt aufgebrezelt wirbeln König, Kleinbürger, Bäcker, esoterische Blumenkinder – für mehr Effekt auch stets zu dritt – in Gestalt von Gabriele Hintermaier, Marco Massafra und David Müller durch den Raum.

Von den zwei Philosophierenden Julie und Lena, beide im schwarzen Existenzialismus-Rollkragenpulli, werden sie mal ironisch lächelnd, mal angsterfüllt oder auch sehr wütend beäugt. Vor allem, wenn der König seinen Untertaninnen einen Tritt geben will, damit wieder klar wird, wer herrscht und wer gehorcht. Doch auch das hilft nicht gegen die träge Masse, allein das Klavier spielt fröhlich vor sich hin, auch ohne dass jemand die Tasten anschlägt. Es wird viel heiße Luft und Rauch in die Luft geblasen, Furor aber stellt sich weder im Text ein noch in der Inszenierung.

Manchmal zündet ein Schrapnell vorzeitig, dann verfehlt es sein „Weichziel“, kann aber doch einigen Schaden anrichten, wissen Waffenkundige zu berichten. Im Kammertheater hat Georg Büchner, der Unverwüstliche, den Angriff von Autor Björn SC Deigner und Regisseur Zino Wey gut überstanden.

Büchner im Staatsschauspiel

Zeit wie im Fieber. Büchner-Schrapnell
Das Stück von Björn SC Deigner wird am 14.,15., 28., 30. November, 3. Dezember, 28. und 31. Januar im Kammertheater gespielt.

Woyzeck
Das Büchner-Drama wurde ebenso wie das „Büchner-Schrapnell“ von Zino Wey inszeniert (Premiere war im Januar 2020). Auch hier sind Sylvana Krappatsch, Paula Skorupa sowie Gabriele Hintermaier zu erleben. Das Stück steht im Schauspielhaus am 17. und 27. November sowie am 12. Dezember auf dem Spielplan.

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