Premiere Komödie im Marquardt Endlich mal eine echt katholische Hochzeit!

Volles Haus: die Bühne im Marquardt ist gut bevölkert Foto: Martin Sigmund
Volles Haus: die Bühne im Marquardt ist gut bevölkert Foto: Martin Sigmund

Hier kommt ein Film auf die Bühne: Die Komödie im Marquardt in Stuttgart zeigt „Monsieur Claude und seine Töchter“. Herrlich, wie hier jeder gegen jeden ätzt! Man fühlt sich beinahe wie in Wirklichkeit...

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Stuttgart - Vier Töchter hat Monsieur Claude Verneuil, ein gutsituierter, rechtschaffener, zutiefst bürgerlicher Franzose aus der Provinz. Drei davon sind schon glücklich verheiratet. Allerdings gibt es in den Augen der Eltern bei den Schwiegersöhnen deutliche Abstriche in der B-Note: Der eine ist ein französischer Muslim, der zweite ein Jude, und der dritte stammt aus China. Was darum gerade Madame Verneuil schmerzlich vermisst, ist eine echt katholische Hochzeit, weswegen sich nun alle Hoffnungen auf Laura richten, die jüngste.

Und hurra, tatsächlich kündigt diese am Weihnachtsfest an, demnächst einen waschechten Katholiken ehelichen zu wollen, was Vater und Mutter in größte Vorfreude stürzt. Doch der Absturz folgt jäh, als sie einige Tage später beim persönlichen Kennenlernen realisieren, was Laura zuvor ängstlich verschwiegen hatte, dass es sich bei Charles nämlich um einen jungen Mann von der Elfenbeinküste handelt. „Wer ist der schwarze Typ neben Laura“, flüstert Monsieur Claude entsetzt zu seiner Frau. „Ist das ein Taxifahrer?“ – „Nein“, stöhnt sie zurück, „das ist ER!“

Der Abend hält sich eng an die Filmvorlage

Viele werden die Geschichte von „Monsieur Claude und seinen Töchtern“ kennen, denn die wunderbare französische Kinokomödie von Philippe de Chauveron aus dem Jahr 2014 hat auch in Deutschland großen Erfolg gehabt. Nun ist der Stoff auf der Stuttgarter Theaterbühne angekommen und hat am Freitag in der Komödie im Marquardt Premiere gefeiert. Die Bühnenfassung von Stefan Zimmermann hält sich sehr eng an die Filmvorlage. Aber obwohl viele Zuschauer deswegen wissen werden, was da alles im Folgenden passiert, obwohl sie sogar die meisten Witze und Pointen schon kennen dürften – dieser Abend entwickelt rasch viel Charme und unterhält sein Publikum auf bestem Niveau.

Das geht zuallererst auf das Konto eines großen und wirklich vorzüglichen Ensembles, das auch in Stuttgart alle für diesen Stoff nötige Multikulturalität aufweist. Dabei ragen vor allem Hartmut Volle und Andrea Wolf in den Rollen des Ehepaars Verneuil heraus. Man merkt, dass die beiden Darsteller (die übrigens auch im echten Leben verheiratet sind) Theaterschauspieler mit langjähriger Erfahrung in allen Fächern sind; diese Darsteller-Qualität kommt eben auch der ja nur scheinbar so leichten Form der Komödie zugute. Aber auch das Quartett der schmucken Schwiegersöhne – Damon Zolfaghari, Jörg Pauly, Jan Liem und Anthony Curtis Kirby – weiß an diesem Abend sehr zu überzeugen.

Hier ätzt jeder gegen jeden

Erstaunlich, wie es letztlich mit wenig Ausstattung, aber vielen Videoprojektionen gelingt, auf der nun wirklich äußerst begrenzten Bühne im Marquardt die zahlreichen Stationen der Geschichte, die vielen Irrungen und Wirrungen bis hin zum Happy End ebenso schlüssig wie flüssig aufzuperlen. Mit angelsächsischem Sinn für Humor schafft es der sonst am Heidelberger Theater tätige Regisseur Robin Telfer, die Figuren zu pointierten und enorme Situationskomik herauszukitzeln, ohne ins Clowneske oder Überdrehte zu verfallen.

Der Trick dieser formidablen Parabel über die kaum vermeidbaren Reibereien vieler Kulturen in direkter Nachbarschaft ist ja gerade, dass sie die vielen Personen auf der Bühne nicht in Gute und Böse unterteilt. Hier stecken wirklich alle tief in ihren Vorurteilen, Ressentiments und verbale Hiebe gibt es hier von allen gegen alle. Und weil wirklich jeder gegen jeden stänkert, der Blutsfranzose gegen den Araber, der Jude gegen den Chinesen, der Afrikaner gegen die Europäer, prangert „Monsieur Claude und seine Töchter“ den Alltags-Chauvinismus nicht einfach an, sondern entblößt ihn in seiner ganzen himmelschreienden Unlogik. Was übrig bleibt, ist reine Lächerlichkeit.

Dass dies so leichtfüßig und witzig gelingt, im großen Finale sogar mitreißend, das ist ein schöner Startschuss für die Komödie im Marquardt unter der neuen Leitung von Axel Preuß. „Unterhaltung mit Haltung“ soll das Motto im Marquardt künftig sein. Wenn das öfter so gut gelingt wie jetzt bei „Monsieur Claude“, werden sicher bald auch Zuschauer vorbeischauen, die bisher nicht zum Stammpublikum dieser Bühne zählten.




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