Premiere von „Heilig Abend“ in Stuttgart Neunzig Minuten, bis die Bombe explodiert
Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“ hat im Alten Schauspielhaus Premiere gefeiert – ein spannendes Krimi-Kammerspiel zu philosophischen Fragen.
Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“ hat im Alten Schauspielhaus Premiere gefeiert – ein spannendes Krimi-Kammerspiel zu philosophischen Fragen.
Heiligabend, in einer unbestimmten Gegenwart, ein Verhörzimmer, 22 Uhr 30. In anderthalb Stunden wird eine Bombe explodieren. Irgendwo. Möglicherweise. Die Polizei hat entsprechende Indizien; Judith, eine Professorin für Philosophie, und deren Ex-Mann sind den Behörden aufgefallen. Beide sind radikale Theoretiker, Judith hat noch dazu auf ihrem Laptop einen Text getippt, der sich wie ein Bekennerschreiben liest.
Jetzt sitzt Judith vor Thomas, einem der Ermittler, und soll gestehen, damit der die Explosion verhindern kann. Doch so einfach ist das nicht, Judith behauptet steif und fest, nichts von einer Bombe zu wissen. Radikales Denken sei nicht gegen das Gesetz, sagt sie. Und Thomas sitzt in der Klemme, weil er bloß neunzig Minuten hat, die Wahrheit herauszufinden.
Neunzig Minuten sind verdammt knapp, wenn es um komplexe Themen geht. Mehr gibt Daniel Kehlmann seinen Figuren im Kriminaldrama „Heilig Abend“ nicht, um allgemeingültige Fragen zu Freiheit und Sicherheit, zu staatlichem Machtmonopol und politisch motivierter Gewalt zu verhandeln. Die Gefahr ist groß, dass es in solch stark komprimierten Geschichten entweder zu phrasenhaft verkopft oder zu banal zugeht, doch das ist nicht der Fall – weder in Kehlmanns Drama noch in Eva Hosemanns geradliniger, auf Text und Psychologie konzentrierter Inszenierung, die am Freitagabend im Alten SchauspielhausPremiere gefeiert hat.
Wie Dialog und Regie ist auch Tom Grasshofs Bühnenbild aufs Wesentliche reduziert: Zwei Wände in Gitternetzoptik mit Spiegel-Waschbecken-Kombination deuten einen Verhörraum an, dazu ein Resopaltisch, zwei Stühle. Hoch über dem Waschbecken schwebt die vergrößerte Anzeige einer Digitaluhr, die gnadenlos auf den Zeitpunkt der befürchteten Bombenexplosion hinzählt.
Unterm Diktat der Uhr arbeiten sich Lisa Wildmann als Judith und Sebastian Volk als Thomas stellvertretend für zwei Sphären aneinander ab: Staat gegen Individuum, juristisch formuliertes Recht gegen moralisch begründetes Unrechtsempfinden, institutionelle Gewalt gegen terroristische Aktion. Was trocken klingt, wird im Konflikt der Philosophin und des Kriminalers nachvollziehbar und spannend. Beide stehen mit dem Rücken zur Wand; obwohl Thomas formale Macht beansprucht, hat Judith ihn durch ihre Aussageverweigerung oder ihr tatsächliches Nichtwissen in der Hand. Thomas bestimmt wiederum, wie weit er gehen will, um Judith zur Aussage zu zwingen: „Wahrheitsdrogen, Elektroschocks, Waterboarding!“, führt er ihr beinahe stolz sein Waffenarsenal vor Augen. „Es gibt keine Bombe“, beharrt Judith, und lässt Thomas’ Drohungen wie reine Willkür aussehen.
Bei der Premiere müssen sich Lisa Wildmann und Sebastian Volk erst in ihre Rollen hineinspielen, müssen Kehlmanns klug gesetzte Thesen und Argumente, das philosophisch anspruchsvolle Gedankenexperiment vom Papier lösen. Je weiter aber der Dialog voranschreitet, desto stärker verschmelzen die beiden mit den Positionen ihrer Figuren. Der Druck der knappen Handlungszeit verdichtet Spiel und Emotion; ein unterhaltsames, nachdenklich stimmendes Kammerspiel!
Heilig Abend:Altes Schauspielhaus. Nächste Vorstellungen 7. bis 11. Februar, jeweils 20 Uhr. Infos unter: https://schauspielbuehnen.de/