Premiere von „Kabale und Liebe“ Gezähmter Sturm und Drang
Ulrich Wiggers Inszenierung von Schillers „Kabale und Liebe“ am Alten Schauspielhaus verweigert sich aktuellen Regietrends, macht aber auch das Museale sichtbar.
Ulrich Wiggers Inszenierung von Schillers „Kabale und Liebe“ am Alten Schauspielhaus verweigert sich aktuellen Regietrends, macht aber auch das Museale sichtbar.
Luise liebt Ferdinand, und Ferdinand liebt Luise. Doch vor 240 Jahren ist eine innige Beziehung zwischen einer Bürgerstochter und einem jungen Adeligen praktisch unmöglich. Ferdinand soll nach dem Willen seines Vaters, des Präsidenten von Walter, Lady Milford, die Mätresse des Fürsten heiraten, um den Einfluss des Alten am Hof zu stärken. Und auch Luises Vater, der Musiker Miller, hält nichts von der Schwärmerei seiner Tochter. Die Liebenden selbst könnten mit ihren Gefühlen die Welt aus den Angeln heben, gegen die politischen Interessen und Intrigen ihrer Zeitgenossen kommen sie aber nicht an.
Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“ gibt einen anschaulichen Eindruck davon, wie rigoros zum Ende des 18. Jahrhunderts Standesgrenzen und Moralvorstellungen das Sozialleben einhegten, während Dichter des Sturm und Drang das Bedürfnis nach freier, individueller Lebensgestaltung formulierten. Trotzdem erscheint die Gesellschaft, wie sie Schiller in seinem 1784 uraufgeführten Drama beschreibt, fremd für ein heutiges Publikum, zumindest, wenn es sich nicht näher mit den Bedingungen der Textentstehung und mit dem sozialen Hintergrund des Autors beschäftigt hat.
Ulrich Wiggers hat das inhaltlich vielschichtige Stück nun zum Auftakt der neuen Spielzeit am Alten Schauspielhaus auf die Bühne gebracht, in historischen Kostümen und in einem reduziert möblierten, gut durchdachten Szenenaufbau mit fahrbaren Elementen und pyramidal verzerrter Perspektive. Die Inszenierung setzt auf den Text, ohne krampfhaft Bezüge zur Gegenwart herzuleiten, und fokussiert inhaltlich auf die tragische Liebesgeschichte von Ferdinand (Benedikt Haefner) und Luise (Farina Violetta Giesmann). Schillers politische Kritik an fürstlicher Verschwendungssucht und Willkür tritt in den Hintergrund, Wiggers betont dafür zentrale Aspekte des bürgerlichen Trauerspiels wie die zärtliche Verbindung zwischen Tochter und Vater (Peter Kaghanovitch), den Widerstreit von Vernunft und Gefühl und die moralische Verkommenheit des Hofstaats.
Entgegen Schillers Konzeption, Wurm, den Haussekretär des Präsidenten, auch äußerlich als typischen Intriganten zu kennzeichnen, agiert der Schauspieler Marcus Abdel-Messih betont ruhig und seriös, während Gideon Rapp seinen Hofmarschall von Kalb als albern überdrehten, hektisch mit einem Fächer fuchtelnden Operettenhöfling gibt, mehr Karikatur als ernst zu nehmender Charakter. Damit erntet er zwar viele Lacher, der bewusste Einsatz der Komik führt jedoch zur Entspannung, der zunehmende Druck innerhalb der Handlung fällt in solchen Momenten in sich zusammen.
Dennoch: Ulrich Wiggers will mit seinem Ensemble Schillers schönem und historisch bedeutsamem Text gerecht werden und macht dabei vieles gut und richtig. Nur liegt genau da die Krux: Im Bemühen, „Kabale und Liebe“ nicht gegenwärtigen Trends des Regietheaters zu unterwerfen, verweist Wiggers ausgerechnet auf den musealen Charakter des Stückes. Was 1784 revolutionär war, wirkt an diesem Abend brav konventionell.
Nächste Vorstellungen: 19. bis 23.09., 20 Uhr. https://schauspielbuehnen.de/spielplan/spielzeit-2023-2024/kabale-und-liebe/