Premiere „Zertretung“ im Nord in Stuttgart Duell mit der Sprache
Glen Hawkins inszeniert „Zertretung“ am Schauspiel Nord – ein Verbalboxkampf in vierzehn Runden für zwei Spielende. Es wird viel gekämpft und gewütet. Warum, bleibt unklar.
Glen Hawkins inszeniert „Zertretung“ am Schauspiel Nord – ein Verbalboxkampf in vierzehn Runden für zwei Spielende. Es wird viel gekämpft und gewütet. Warum, bleibt unklar.
Harten Tobak gibt es zu hören zu Beginn von Lydia Haiders 80-minütiger Redekaskade „Zertretung“ für zwei Spielende in Glen Hawkins’ Inszenierung in der Spielstätte Nord der Staatstheater Stuttgart. „Herbert Kickl wird gepfählt. Heinz Christian Strache wird mit Schlachtschussapparat betäubt, ausgeblutet und dann rasch ausgeweidet. Jan Marsalek wird das Gesicht abgezogen, liegen gelassen zu verbluten.“
Zu Beginn stehen Saba Hosseini und Marie Schwanitz in knallroten Ritualanzügen mit übergroßer Kapuze aus Lkw-Plane im weiß gekachelten Bühnenportal, während ein Soundteppich aus Kirchenglocken Ungutes verheißt. Mit einer Urne in den Händen fantasieren Hosseini und Schwanitz als unbestimmte Figuren A und B über die grausamsten Tode für die unangenehmsten Männer, meist Österreicher, dieser Tage. Neben Kickl, Strache und Marsalek werden auch noch der sogenannte „Volks-Rock-’n’-Roller“ Andreas Gabalier, Jugendbuchautor Thomas Brezina, Showmaster Thomas Gottschalk und auch der Literat Thomas Bernhard zumindest verbal genüsslich abgeschlachtet.
Im Verlauf der Hassrede befreien sich die beiden ihrer Anzüge und sprühen mit schwarzer Farbe halb gare Graffitislogans auf die weißen Papierbahnen, die das Portal verschließen, bis A und B die Bahnen niederreißen und die dahinter liegende Spielfläche entern. „Zertretung“ ist angelegt als Verbalboxkampf in vierzehn Runden, die A und B über einen Buzzer an der Bühnenwand selbst einläuten. Später kommen noch eine riesige Hüpfburg sowie lustige Helme in Form überdimensionierter Lippen ins Spiel, die sich A und B überstülpen. Die szenische Einrichtung und Spielfreude überzeugen, nur Haiders Text ist tückisch, er mäandert in Schleifen, Slogans, Kaskaden und Ausbrüchen um ein großes Nichts.
Einmal brüllt A – oder war es B? – „Inhalt, du blöde Drecksau!“, eine zupackende Beschreibung des Abends. Auch wenn im Programmblatt die US-Philosophin Judith Butler mit einem Auszug aus deren Werk „Zur Politik des Performativen“ zum Thema „Wie Sprache verletzen kann“ zitiert wird, ist man schlussendlich nicht schlauer, was Lydia Haider und Glen Hawkins mit „Zertretung“ sagen wollen. Saba Hosseini und Marie Schwanitz spielen sich tapfer die Seele aus dem Leib, Schwanitz muss allerdings härter kämpfen, erfragt mehrfach bei der Soufflage den Text. Ohne Inhalt, die blöde Drecksau, ist alles nur Schall und Rauch.
Zertretung: 16., 17., 19., 20. April sowie 4., 8.,10.,12. Mai im Nord