Privates Fahrradmuseum in Ebersbach Als Radfahrer zur Pistole griffen

Von Philipp Braitinger 

Der Rennsport ist Siegfried Stahls Leidenschaft. Früher fuhr der Fahrlehrer Autorallyes, später Rennrad. Dem Radsport hat er ein eigenes Museum gewidmet.

Der Sammler Siegfried Stahl zeigt seine Lieblingsstücke in Ebersbach. Foto: Ines  Rudel
Der Sammler Siegfried Stahl zeigt seine Lieblingsstücke in Ebersbach. Foto: Ines Rudel

Ebersbach - Es ist wie eine kleine Zeitreise, wenn der Fahrradenthusiast Siegfried Stahl in seinem kleinen Museum in Ebersbach von der Geschichte des Zweirads erzählt. Und es dauert nicht lang, bis die Begeisterung überspringt. „Man entdeckt immer neue Sachen“, erklärt der 81-Jährige seine Sammelleidenschaft. Neben den Fahrrädern selbst gibt es viele Einzelteile wie Lampen, Plaketten oder eine Schreckschusspistole zu sehen, die in den 30er Jahren speziell für Radfahrer zur Hundeabwehr verkauft wurde.

Von Rechberghausen nach Ebersbach

34 Fahrräder sind derzeit zu bestaunen – nur ein Bruchteil der ursprünglichen Sammlung. In seinen ehemaligen Räumen in Rechberghausen zeigte Stahl fast 100 Fahrräder mehr. Er habe seine gemieteten Ausstellungsräume nach sieben Jahren aber verlassen und viele Fahrräder verkaufen müssen. Die Stadt wollte das Gebäude für die Neugestaltung der Ortsmitte abreißen. Einen Ersatz hat der Fahrradsammler in Rechberghausen aber nicht gefunden. Und so landeten seine liebsten Schmuckstücke im Untergeschoss seines Wohnhauses in Ebersbach.

Die Sammlung sprengte seine Privaträume

Um die Sammlung zu verkleinern, verkaufte Stahl einen Großteil seiner Räder an einen Sammler aus Seoul, der auf der Suche nach einem bestimmten Modell gewesen­ sei, das in Stahls Besitz war. Als der südkoreanische Gast von der Auf­lösung des Museums in Rechberghausen erfuhr, habe er die Gelegenheit genutzt und großzügig eingekauft. Weitere Räder übergab Stahl dem Deutschen Fahrradmuseum in Bad Brückenau.

Zu den verbliebenen Schmuckstücken seiner Sammlung zählt der Nachbau des ersten Fahrrads, das im Jahr 1817 von Karl Drais in Mannheim gebaut wurde und noch Laufmaschine oder Draisine hieß. Ähnlich wie bei einem Kinderroller musste dieses Urrad zum Fortkommen mit den Beinen vom Boden abgestoßen werden. Was heute vielleicht umständlich anmutet, war eine technische Revolution. Drais legte die 15 Kilometer lange Strecke von Mannheim zum Relaishaus Schwetzingen in weniger als einer Stunde zurück. Damit war er schneller als die Postkutsche. Diese Fahrt schaffte es europaweit in die Zeitungen. Der Grundstein für eine neue Art der Fortbewegung war gelegt.

Das Hochrad war eine Fehlkonstruktion

Die Menschen hätten schnell erkannt, dass sich mit dem neuen Gefährt Rennen fahren ließen, erklärt Stahl, der auch die heute eigenwillig anmutende Form des Hochrads mit dem Wunsch nach einer höheren Geschwindigkeit begründet. Stahls Exponat wurde 1884 gebaut. Durchgesetzt habe sich das Hochrad aber nicht. „Es war eine Fehlkonstruktion“, sagt der Fahrradfachmann, der den exotischen Drahtesel allerdings fahren kann. Um überhaupt auf den Sattel in etwa 1,5 Metern Höhe zu gelangen, muss über kleine Sprossen am Rahmen nach oben geklettert werden. Durch die Übersetzung der Pedale zum Vorderrad sei es fast unmöglich, Hügel hinaufzufahren. Gleichzeitig drohe der Fahrer bei einer Abfahrt nach vorne zu kippen. Und der Abstieg vom Rad gelinge schließlich nur mit einem beherzten Sprung.

„Die Entwicklung ist schnell weitergegangen. Es hat sich viel getan“, beschreibt Stahl die Zeit im Deutschen Kaiserreich vor der Jahrhundertwende. Allein zwischen 1865 bis 1900 seien rund 1600 Patente zum Fahrrad in Deutschland eingereicht worden. „Es gab hier die größten Fahrradwerke der Welt“, sagt Stahl. Bei Opel in Rüsselsheim seien täglich 4000 Räder hergestellt worden.

In jedem Dorf gab es einen Fahrradverein

„Durch die Massenproduktion wurden die Räder sehr billig. Alle Leute wollten ein Fahrrad haben. Es gab in jedem Dorf einen Fahrradverein.“ Stahls persönliche Leidenschaft ist das Rennradfahren. „Zusammen mit Freunden war ich in Sizilien, über Alpenpässe, auf Korsika und in Amerika unterwegs“, berichtet der Sammler. An sehr guten Tagen seien bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34 Kilometern­ pro Stunde stolze 400 Kilometer gefahren worden.

Der Rennsport ist seine Leidenschaft

Besonders bei den neueren Exponaten in den Ausstellungsräumen wird der Fokus auf den Rennsport deutlich. Unter anderem ist ein rotes Pinarello-Rennrad zu sehen, mit dem Stahl 60 000 Kilometer zwischen 1993 und 2005 gefahren ist. Anzusehen sind dem Rad die vielen gefahrenen Kilometer nicht. „Es wurde immer gut gepflegt“, sagt Stahl, der in seiner Garage seine Sammelstücke restauriert.

90 Kilometer sind für Stahl nichts Großes

Der besondere Reiz des Rades liegt für Stahl im Sportlichen, und ein wenig wohl auch in der Geschwindigkeit. Der Fahrlehrer war bis zu seinem 40. Lebensjahr begeisterter­ Rallyefahrer. Danach wurde das Fahrrad für ihn immer wichtiger. Ein E-Bike komme für ihn nicht in Frage, aber gerade für ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr so sportlich seien, sei das E-Bike eine tolle Entwicklung. „Es wird fast nichts anderes mehr verkauft“, berichtet Stahl aus seinen Gesprächen mit Fahrradhändlern. Nicht nachvollziehbar findet er aber, dass auch junge Leute ein E-Bike nutzten. Die sportliche Herausforderung sei mit dieser Art von Rad schließlich kaum noch gegeben. Dann muss Stahl aber los. Am Nachmittag steht noch eine Tour auf die Schwäbische Alb an: „90 Kilometer, nichts Großes.“