Stadtkind Stuttgart

Pro/Contra: Poetry Slam Alles nur Gelaber?

Von Björn Springorum 

Hochgeistige und wertvolle Kunstform oder nur Phrasendrescherei unter dem Deckmantel der Intellektualität? An Poetry Slam scheiden sich die Geister. Wir haben zwei dieser Geister eingeladen, um mal darüber zu debattieren: Rapper Alexander "Sickless" Föll und Slammer Nikita Gorbunov. Ring frei!

Ring frei, gleich setzt es hiebfeste Argumente: Rapper Alexander Sickless Föll (links) und Slammer Nikita Gorbunov. Foto: Björn Springorum
Ring frei, gleich setzt es hiebfeste Argumente: Rapper Alexander "Sickless" Föll (links) und Slammer Nikita Gorbunov. Foto: Björn Springorum

Stuttgart - Man muss nur mal einen Blick in den Stuttgarter Dezember werfen, um festzustellen, wie erfolgreich Poetry Slam immer noch ist. Zurückliegendes Wochenende war ein Slam in der Rosenau, am kommenden Mittwoch, den 6. Dezember, ist der Grandmaster Poetry Slam im Universum, am selben Abend die Slam-Gala „Poesie hilft“ im Stuttgarter Rathaus zugunsten der Sprachförderung.

Hinzu kommt: Die meisten Poetry Slams sind knallvoll, gefangen hängen die Zuschauer den Nachwuchsdichtern an den Lippen, feuern sie an, leiden, lachen oder fühlen mit. Jetzt ist es natürlich nicht so, dass großer Erfolg automatisch auch große Kunstfertigkeit bedeutet, denn wenn das so wäre, dann wäre Helene Fischer die bedeutsamste und wichtigste deutsche Künstlerin seit, sagen wir, Hildegard von Bingen. Ist sie aber nicht, wie wir uns hoffentlich alle einig sind.

Uneinigkeit herrscht hingegen in der Frage, was man denn nun bitteschön von Poetry Slam zu halten hat. Wo die einen nämlich das zeitgeistige Gegenstück zu den mittelalterlichen Sängerkriegen sehen, in denen sich die besten Minnesänger musikalisch duellierten, schütteln die anderen über so viel pseudointellektuelles Gewäsch von bedeutsam vor sich hinbrabbelnden Musterstudenten nur den Kopf.

Um der Sache mal auf den Grund zu gehen, haben wir uns Fachpersonal für den großen Schlagabtausch Pro/Contra Poetry Slam ins Boot geholt. In der linken Ecke des Rings: Alexander „Sickless“ Föll, Rapper und Labelchef bei wirscheissengold. In der rechten: Nikita Gorbunov, Slammer, Veranstalter und Musiker mit ein wenig Rap-Vergangenheit. Gekämpft wird mit Worten statt mit Fäusten, eingreifen musste das Stadtkind kein einziges Mal, verletzt wurde niemand. Versprochen.

In eurer Eigendefinition: Was ist Poetry Slam?

Nikita: Poetry Slam ist ein literarisches Abendunterhaltungsformat an der Schnittstelle von Bühne und Literatur. Und es ist die bestbesuchte Kleinkunstsparte im deutschsprachigen Raum. Außerdem ist Poetry Slam die einzige bürgerliche Bühnenkunst, die weitgehend ohne öffentliche Förderung produziert wird.

Alexander: Beim Poetry Slam treffen die Dichter und Denker der Neuzeit aufeinander und versuchen, in Form von Acapella-Vorträgen die Gunst des Publikums zu gewinnen. Dabei ist im Prinzip alles erlaubt, was die empathischen Herzen höherschlagen lässt: Identitätskrisen, studentische Zukunftsängste, First-World-Problems, die Flüchtlingskrise oder irgendetwas mit Katzen und Großeltern.

Warst du schon mal bei einem Poetry Slam, Alexander?

Alexander: Ich war tatsächlich mal vor vielen Jahren mit Freunden bei einem Slam in der Rosenau. Das fand ich allerdings ziemlich befremdlich. Es wurde im Kollektiv gekichert, als das Wort „ficken“ gefallen ist, und geschluchzt, als über zerbrochene Abi-Freundschaften referiert wurde. Uff.

Nikita: Und ich war tatsächlich vor vielen Jahren regelmäßig zum Hip-Hop-Mittwoch im Jugendhaus Mitte. Da trafen sich Graffiti-Writer, Breaker, Rapper, DJs. Das war eine wahnsinnig schöne, analoge, produktive Atmosphäre. Leider kann ich davon auch nicht auf den Rap von heute schließen.

Was gefällt dir so gut am Poetry Slam, Nikita?

Nikita: Poetry Slam Shows werden vom Publikum kuratiert. Einerseits ist Poetry Slam damit eine völlige Wundertüte, andererseits bleibt es so immer sehr zugänglich.

Und gibt es auch etwas, das dich so richtig stört?

Nikita: Klar! Poetry Slam ist fei wirklich vom Publikum kuratiert! Das heißt, es ist ganz oft ziemlich flach, meistens harmlos und bisweilen im schlechten Sinne kartoffelig. Das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Das befördert natürlich haufenweise Konsens-Kunst. Das ist manchmal bedrückend zeitgemäß.

Was missfällt dir so sehr daran, Alexander?

Alexander: Für mich klingt ein Großteil der Poetry Slams bedeutungsschwanger und schmierig. Ich fühle mich dabei immer an die Debating Clubs in der Schulzeit erinnert, bei denen ausschließlich die aalglattesten Mitschüler mitmachen durften. Man nehme ein willkürliches Thema und versuche dann, seinen Standpunkt so gekünstelt und eloquent wie möglich zu vertreten. Die Persiflage von Rap-Kollege Maeckes bei Jan Böhmermann zum Thema Poetry Slam war meiner Meinung nach unfassbar on point.

Und gibt es vielleicht auch etwas, das dir daran gefällt?

Alexander: Ich liebe die deutsche Sprache und alles, was man damit so anstellen kann. Vom Grundgedanken her kann ich Poetry Slam also gar nicht von ganzem Herzen hassen. Ich bin mir außerdem sicher, dass es da draußen wahnsinnig gute Slams gibt, an denen ich Gefallen finden würde. Ich habe allerdings gar keine Motivation, mich damit groß zu beschäftigen. Wenn ich lachen möchte, gehe ich zu Stand-Up-Comedy oder zum Kabarett. Wenn ich Bock auf Lyrik und Poesie habe, dann lese ich eben. Aber ich sehe keinen Mehrwert darin, mir einen Poetry Slam zu geben.

Nikita: Aber Stand-Up-Comedy und Kabarett rekrutiert sich doch zu einem guten Teil aus der Slam-Szene: Marc-Uwe Kling, Hazel Brugger, Tino Bomelino... alles ursprünglich Slammer!

Viele sagen, Poetry Slam ist was für Germanistik-Studenten, die zu weich für Rap sind. Nikita, was erwiderst du?

Nikita: Da sage ich: Besser Deutschlehrer sein, als gar keine Innenstadt-Miete zahlen zu können (lacht). Aber im Ernst. Das Klischee mit den GermanistInnen stimmt ja auch im Positiven: Immerhin ist Poetry Slam nicht so 'ne reine Jungs-Veranstaltung wie Rap-Battles oder Konzerte. Wir haben nicht nur 60 Prozent Frauen im Publikum, sondern auch 30 bis 40 Prozent auf der Bühne, was uns selbst heftig zu wenig ist. Da kann sich Rap eine Scheibe von abschneiden.

Alexander: Da gebe ich dir recht: Von einer derartigen Frauenquote auf der Bühne träumen wir noch. Aber 60 Prozent Mädels im Publikum? Da können die Cros, Rins, Bausas, Marterias und Caspers der Szene gut und gerne mithalten. Selbst bei Konzerten der Azzlack-Fraktion gibt es genug Girl-Power vor der Bühne.

Wie gehst du generell mit Kritik an dieser Kunstform um, Nikita?

Nikita: Ich weine leise in meine alten Reclam-Hefte aus dem Germanistikstudium und zieh mir dann inspirierende Stücke von Julia Engelmann rein: Einfach mal 'ne Grapefruit auspressen, weil „one day we'll be old“ und dann hat man sich zu sehr von Kritik an der eigenen Kunstform vom Tagepflücken abhalten lassen.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen Poetry Slam und Rap, Alexander?

Alexander: Jeder durchdachte und gehaltvolle Songtext würde ebenso als Poetry Slam funktionieren. Aber nicht jeder Poetry Slam funktioniert auf einen Beat im Rap-Kontext. Dafür gibt es beim Rap in Zusammenspiel mit Beat zu viel zu beachten was Tempo, Pausensetzung, Flow, Technik und Musikalität betrifft – ansonsten hört es sich dilettantisch an. Poetry Slam ist, zumindest was den Duktus angeht, wesentlich freier.

Salopp gefragt: Ist es in euren Augen schwer, ein guter Poetry Slammer zu sein? Was braucht es dafür?

Alexander: Jede Kunstform benötigt Übung, um perfektioniert zu werden. Allerdings ist es beim Poetry Slam ähnlich wie beim Rap: Es bedarf an Bühnenerfahrung, Wortgewandtheit und Chuzpe, um Leute wirklich zu fesseln. Mich persönlich erfreut es auch immer, wenn ich eine komplexe Reimtechnik höre. Beim sechsmillionsten Reim von „Herz“ auf „Schmerz“ schalte ich komplett ab. Da hat Hip-Hop aber auch die entsprechende Pionierarbeit geleistet.

Nikita: Ein guter Poetry Slammer kann ein Publikum in sehr kurzer Zeit davon überzeugen, dass sie ihn vor allen anderen gewinnen sehen wollen. Wenn man sich häufiger auf den Wettbewerb einlässt, wird Poetry Slam selbst zum künstlerischen Prozess, der deine literarische oder performative Idee für ein möglichst großes Publikum nahbar oder feierbar macht. Das heißt, wenn du es oft genug machst, macht das Poetry-Slam-Format von allein einen guten Slammer aus dir. Dieses Publikum-Künstler-Feedback geht über bloße Übung deutlich hinaus.

Wie erklärst du dir die nach wie vor krasse Beliebtheit von Poetry Slam, Nikita?

Nikita: Poetry Slams zeigen oft hervorragende Qualität für immer noch viel zu günstigen Eintritt. Poetry Slam ist immer neu, aktuell und immer so, wie du als Zuschauer selbst bist.

Wie siehst du das, Alexander?

Alexander: Für die breite Masse gilt nach wie vor: Je eingängiger und belangloser, desto erfolgreicher. Siehe Kino, siehe Gala und Bunte, siehe Pop-Musik – wozu ich den Hip-Hop mittlerweile auch zweifelsfrei zähle. Letztendlich ist es wohl wie in jedem künstlerischen Teilbereich: Der Erfolg gibt einem vermeintlich Recht – aber eben keine Skills. In diesem Sinne: Menschen, Leben, Tanzen, Welt!

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