Cannstatter Wasen vs. Oktoberfest Im Dirndl auf dem Wasen – passt das?

Dirndl gehören seit einigen Jahren auch beim Cannstatter Volksfest für viele Besucherinnen dazu. Foto: AFP/Christof Stache

Viele Besucher und Besucherinnen kommen in bayrischer Tracht auf den Wasen. Wahrscheinlich seit das erste Dirndl auf dem Cannstatter Volksfest gesichtet worden war, gehen die Meinungen dazu auseinander. Auch in unserer Redaktion. Ein Pro und Contra.

Auf so viel können sich wohl die meisten Stuttgarter einigen: Das Cannstatter Volksfest hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Und am augenscheinlichsten macht sich diese Veränderung bei der Kleidung der Besucherinnen und Besucher bemerkbar. Jene, die kein Dirndl oder keine Lederhose tragen, sind mittlerweile in der Unterzahl. Dass Tracht getragen wird – und ausgerechnet bayrische Tracht – wird unter Stuttgarterinnen und Stuttgartern kontrovers diskutiert. Einige sind strikt dagegen, andere machen gerne mit.

 

Pro: Botschafter des Südens

Haben Sie sich als Kind auch gern verkleidet? Zugegeben, der Vergleich mag ein wenig hinken, doch das Spiel mit verschiedenen Rollen ist etwas zutiefst Menschliches. In jungen Jahren ist dieses Ausprobieren elementarer Bestandteil der kindlichen Entwicklung auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen. Und als Erwachsene setzen wir es fort, wenn Fasnet, Karneval oder Kostümfest eine Gelegenheit dafür bieten.

Die gar nicht so neue Lust am Verkleiden mittels Tracht zeigt sich immer häufiger auf Wasen und Wiesn. Vor allem junge Menschen ziehen in Dirndl und Lederhose fröhlich Richtung Volksfest und Bierzelt. Aber was ist so falsch daran, Fast Fashion zwei Mal im Jahr gegen den Trachtenlook einzutauschen? Sicher, auch trachtige Kleidungsstücke gibt es beim Discounter für wenig Geld. Aber selten sieht man so viel Lodenstoffe, gestickte Blusen und Samt- und Strickwesten wie im Festzelt. Hochwertige Materialien haben einen zeitlosen Reiz und sie transportieren traditionelle Handwerkstechniken in die Zukunft.

Etwas mehr Mut jenseits überkommener Rollenklischees wäre aber wünschenswert, denn wer sagt schon, dass Frauen nur in engen Miedern und mit Ausschnitt gut aussehen und Männer weiche Stoffe in kräftigen Farben nicht stehen? Gut möglich, dass die jungen Trachtenträger auf diese Weise auch noch gleich die besseren Botschafterinnen und Botschafter eines selbstbewussten Südens verkörpern, besser als jede teure Imagekampagne, die in Stuttgart oder München erdacht wird. Lesetipp: 176. Cannstatter Volksfest – Was die Schleife am Dirndl verrät

Contra: Ein Stich ins Herz des Schwaben

„Wir geh’n aufs Volksfest“ – so hat man das vor nicht allzu vielen Jahren mal voller Vorfreude als Einheimische in Stuttgart und Umgebung gesagt. Fahrgeschäfte und ein entspannter Bummel für Familien. Und das Festzelt für die feuchtfröhliche Betriebsfeier oder das Vorglühen mit Freunden. Aber doch nicht in Tracht. Und erst recht nicht im Dirndl, das man damals nur aus den Volksmusikshows kannte. Dieses hat den Wasen jedoch entscheidend verändert.

Was heutzutage auf dem Festplatz geschieht, lässt die eine oder den anderen verwundert die Augen reiben: Rausgeputzt in den Temperaturen nicht angepasster Kleidung tingeln Jugendliche von weit her auf den Wasen zum Biertrinken. Zugreisende können sich dem Anblick und der alkoholgeschwängerten Luft nicht entziehen. Volksfestzeit ist besonders für Menschen aus der Region Stresszeit. Viele wollen selbst nicht mehr auf den überfüllten Wasen.

Was besonders schräg anmutet: warum Dirndl in der Schwabenmetropole, warum keine einheimische Tracht? Denn was vielen Einheimischen wehtut – auch jenen, die dem Volksfest aus oben genannten Gründen den Rücken gekehrt haben –, ist das Image, welches die Dirndl-Träger nach außen vermitteln: das einer kleineren Kopie der „Wiesn“. Autsch. Auswärtige und Zugezogene verwenden den falschen Artikel, der Wasen wird zu „die Wasn“. Die wenigsten wissen, dass das Cannstatter Volksfest eine ebenso lange Tradition wie „die Wiesn“ hat. Schuld daran hat nur das Dirndl.

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