Pro und Kontra zu Erziehungsratgebern Unterstützung für Eltern oder übergriffige Einmischung?

Konfliktreich: Wenn die Kinder in der Pubertät sind, greifen Eltern gerne mal zum Ratgeber. Foto: dpa/Silvia Marks

Der Markt der Ratgeber für Eltern ist riesig. Ob als Buch oder im Netz. Vom Säugling bis zum jungen Erwachsenen, von der einfachen Babypflege bis zur schwierigen Erziehungsfrage: Für alles gibt es heute Anleitungen. Aber ist das überhaupt hilfreich? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.

Ein Kind ist ein großes Glück und eine ebensolche Herausforderung. Als Eltern kommt man nicht auf die Welt, in diese Rolle muss man sich erst hineinfinden. Das ist bei aller Freude auch durch Unsicherheiten und Ängste bestimmt. Hier können Ratgeber eine Hilfe sein. Aber nicht alle sehen das so. Unsere Autoren haben dazu eine ganz unterschiedliche Haltung.

 

Pro: Ratgeber bieten nicht nur Tipps, die guten Ratgeber haben auf Eltern auch eine beruhigende Wirkung.

Am Anfang eine Triggerwarnung: Lesen Sie als Eltern nie Ratgeber des Typs „Diese zehn tödlichen Gefahren lauern zu Hause auf Babys“. Nie! Es würde Ihnen nicht guttun. Panik ist das Allerletzte, was man als Eltern braucht. Die Unsicherheit ist heute auch so schon groß genug. Anheizer, die vorgeben, den Leuten ihre Ängste nehmen zu wollen, sind da nur Gift.

Ob junge oder auch nicht mehr ganz so junge Eltern: In unserer hochmobilen Gesellschaft haben viele, die ein Kind bekommen, nicht mehr ihre Familie, die erfahrene Mutter oder Oma in der Nähe, die ihnen sagen könnten, was in bestimmten Situation zu tun ist. Man ist auf sich gestellt mit dem Säugling im Dauerschreimodus, mit dem Kleinkind, das schlecht schläft, nachts das Bett voll spuckt, mit dem Knirps, der trotzt, und mit dem „Pubertier“, unter dem man leidet, weil es einem die kalte Schulter zeigt. Die Hausforderungen werden nicht weniger, sie ändern mit den Jahren nur das Gesicht.

Da ist man manchmal froh, wenn man einen Ratgeber hat. Nehmen wir den bekanntesten, den vor wenigen Jahren verstorbenen Schweizer Kinderarzt Remo Largo („Babyjahre“, „Kinderjahre“, „Jugendjahre“). Der Bestsellerautor versteht sich gar nicht so sehr als Lieferant sofort wirksamer Verhaltenstipps. Largo erklärt lieber mit Evolutionsbiologie und medizinischer Forschung, was gerade ablaufen könnte bei den Kindern, die einen beunruhigen. Und dass das vermutlich ziemlich normal ist. Er tut das bodenständig, mit Sinn für die Vielfalt kindlicher Individualität und mit viel Herz. Zuletzt geht es immer um Liebe, Zuwendung, Geborgenheit.

Auch das hilft leider nur bedingt in einem familiären Ausnahmezustand. Aber es entlastet. Denn: Nobody is perfect. Nicht das Kind und auch nicht die Eltern.

Mathias Bury (63), Reporter im Familien-Team, hat zwei schulpflichtige Töchter. Sein unerreichtes Ideal: Gelassenheit

Kontra: Erziehungsratgeber sind überflüssig.

Zunächst einmal, ich bin mir der Ironie durchaus bewusst: Ich lehne es ab, bei der Erziehung meines Kindes Ratgeber jeglicher Art hinzuziehen – mit diesen Zeilen reproduziere ich jedoch genau das, wovon die Menschheit bereits genug hat: Noch ein Text von jemanden, der meint, einem sagen zu müssen, wie man das Kind zu erziehen hat. Darum dürfen Sie sich die weitere Lektüre dieses Artikels gerne sparen. Denen, die am Ball bleiben, kann ich auch nur mitgeben, wie ich selbst mich entschieden habe, mein Kind zu erziehen: Frei von dem gut gemeinten Ratschlag fremder Menschen.

Ich glaube, dass der Wunsch, sich in die Erziehungsarbeit von Eltern einzumischen, etwas unangenehm Egoistisches hat. Die Bindung zu dem eigenen Kind ist persönlich, sie ist intim und unschuldig. Wenn Verfasser von Erziehungsratgebern oder Eltern-Influencer mir nun in ihrem Werk raten, dass ich das Kind mal schreien lassen soll oder bloß nicht zu viel schreien lassen soll, dass ich als Vater mehr Zeit mit ihm verbringen soll, dass aber niemand die Mutter ersetzen kann, dass ich den Fernseher nicht einschalten darf, dem Kind gleichzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien beibringen soll, dann fühlt sich das an wie ein Übergriff.

Elternsein ist ein tägliches Minenfeld. Ich kann viel falsch machen und meinem Kind ungewollt Erfahrungen mitgeben, die es für sein Leben negativ beeinflusst. Daher verstehe ich den Wunsch vieler Eltern, sich zu informieren, um Sicherheit zu gewinnen. Diese Unsicherheit ist aber auch der große Reiz bei der Erziehungsarbeit. Man muss sich jeden Tag neu auf das Kind einstellen. Und wenn man genau genug hinschaut und aufmerksam ist, dann erkennt man vielleicht, dass das Kind der einzig wichtige Ratgeber ist.

Erdem Gökalp (34) ist Ba-Wü-Reporter, Vater einer Tochter und entscheidet jeden Tag neu, was das Beste fürs Kind ist.

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