Probleme bei VW Reizklima in Wolfsburg
VW-Konzernchef Herbert Diess ist nach technischen Problemen beim neuen Golf unter Druck geraten. Die Kritik der Arbeitnehmervertreter wird immer schärfer.
VW-Konzernchef Herbert Diess ist nach technischen Problemen beim neuen Golf unter Druck geraten. Die Kritik der Arbeitnehmervertreter wird immer schärfer.
Stuttgart - Es war ein Bild der Harmonie. Kurz nach seinem Antritt als Markenchef von VW radelte Herbert Diess gemeinsam mit dem Betriebsratschef Bernd Osterloh im Sommer 2015 durch das Wolfsburger Riesenwerk. Hinterher erzählte der als Sanierer eingestellte frühere BMW-Manager, ihn habe nicht nur die Größe des Stammwerks beeindruckt, sondern auch die Motivation und das Engagement der Belegschaft. Betriebsratschef Bernd Osterloh lobte nach der gemeinsamen Radtour den neuen Markenchef von VW: „Es spricht für Herrn Dr. Diess, dass er sich die Zeit nimmt, um direkt vor Ort mit den Kolleginnen und Kollegen zu sprechen“.
Die Harmonie hielt jedoch nicht lange. Als Diess ans Eingemachte ging und ein „Effizienzprogramm“ anschob, mit dem die Kosten der Kernmarke des Konzerns gesenkt werden sollten, schoss der mächtige Betriebsratschef quer und wollte – wie schon in der Vergangenheit immer wieder – die Besitzstände der Werktätigen verteidigen. Nur mit viel Überredungskunst konnte der damalige Konzernchef (und frühere Porsche-Chef) Matthias Müller eine Eskalation des Konflikts verhindern. Wer Osterloh später auf sein Verhältnis zu Diess ansprach, konnte jedoch unschwer erkennen, dass die beiden gewiss nicht mehr beste Freunde werden.
Seit zwei Jahren ist Diess sowohl Konzernchef als auch weiterhin Chef der wichtigsten Marke VW. Vor allem Probleme beim Produktionsanlauf der achten Generation des VW Golf haben nun dazu geführt, dass Diess wieder zur Zielscheibe der Arbeitnehmerkritik geworden ist. Im März zeigte sich Betriebsratschef Osterloh in einer Hauszeitung für VW-Mitarbeiter mit Blick auf den Golf „entsetzt, wie nachlässig und schwach der Vorstand weit vor dem Anlauf das ganze Projekt aufgestellt hat. Wer so mit dem Golf spielt, spielt auch mit den Arbeitsplätzen der Beschäftigten“, kritisierte der Betriebsratschef.
Der neue Golf feierte im vorigen Herbst Weltpremiere. Mit den Gewinnen aus dem Verkauf des wichtigsten VW-Modells sollen die hohen Investitionen für den Ausbau der Elektromobilität finanziert werden. Bereits im vorigen Jahr gab es Berichte über eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit bestimmter Elektronik- und Softwarekomponenten beim neuen Golf. „Hier wollten überehrgeizige Vorstände zu schnell zu viel Technik in ein Fahrzeug stopfen und sind damit gescheitert“, bemängelte der Betriebsratschef. Die Probleme hätten dazu geführt, dass im vergangenen Jahr nur knapp 8400 Exemplare des neuen Golf in Wolfsburg produziert werden konnten – geplant seien mehr als 100 000 gewesen. Auch die Händler beschwerten sich über zu viele technische Mängel. Mitte Mai mussten vorübergehend sogar die Auslieferungen des Golf gestoppt werden, weil es bei einer ganzen Reihe von Wagen Probleme mit dem elektronischen Notrufassistenten eCall gab. Am Donnerstag berichtete das Unternehmen nun, dass das Problem gelöst sei und der Lieferstopp aufgehoben werden könne. Rund 15 000 bereits verkaufte Autos in Deutschland müssen indes erst einmal in die Werkstatt, um ein Software-Update zu erhalten.
Auch bei einem weiteren wichtigen Projekt, dem Elektroauto ID 3, gibt es Probleme mit der Software. Der Stromer in der Golf-Klasse soll das erste Modell einer ganzen neuen Familie von Elektroautos werden. Dafür wird eine neuartige Software-Architektur entwickelt, was offenbar viel komplizierter ist als erwartet. Dennoch versichert das Unternehmen, dass der Wagen im Sommer auf den Markt kommen soll. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler rechnet jedoch mit Verzögerungen gegenüber der ursprünglichen Planung und damit auch Absatzeinbußen. „VW braucht dieses Auto sehr dringend“, sagt der Autoexperte Stefan Bratzel vom Forschungsinstitut CAM in Bergisch Gladbach mit Blick auf den gerade erst erhöhten staatlichen Umweltbonus. Diess habe Dampf gemacht bei dem forcierten Ausbau der Elektromobilität. „Sein Schicksal hängt davon ab, dass dies jetzt auch funktioniert“, meint Bratzel.
Als wären die technischen Probleme noch nicht genug, wurde in einer Werbekampagne für den Golf ein Videoclip auf Instagram veröffentlicht, der Rassismusvorwürfe auslöste. In dem Clip wird ein schwarzer Mann von einer riesigen weißen Hand durch die Gegend geschubst und schließlich in einen Hauseingang geschnippt. Betriebsratschef Osterloh zeigte sich empört. „Ich schäme mich für diesen Spot. Da spreche ich sicherlich für die ganze Belegschaft,“ sagte Osterloh.
Wie in Unternehmenskreisen zu hören ist, hat sich die Stimmung in der Belegschaft in den vergangenen Monaten verschlechtert. Zur letzten Aufsichtsratssitzung kritisierten die einflussreichen obersten Vertrauensleute der IG Metall bei VW in einem offenen Brief an Vorstand und Aufsichtsrat „eine ganze Kette von Managementfehlern, die uns viel Geld kosten, unsere Imagewerte weiter nach unten ziehen und die bei den Beschäftigten den Eindruck hinterlassen, dass dem aktuellen Vorstand von Volkswagen die Dinge zunehmen entgleiten“. Die Vertrauensleute forderten eine Stellungnahme des Vorstands, die sie, wie zu hören ist, bis heute jedoch nicht erhalten haben.
Wie aufgeheizt das Klima mittlerweile ist, zeigt sich daran, dass wilde Gerüchte umlaufen, die bisweilen für bare Münze genommen werden. So erwartete „Bild“ bei der jüngsten Aufsichtsratssitzung einen Showdown in Wolfsburg: „Putschversuch gegen VW-Chef Diess. Mächtiger Betriebsrat will Autoboss loswerden“, schrieb das Boulevardblatt und behauptete Informationen erhalten zu haben, wonach sich Osterloh und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, der im Aufsichtsrat sitzt, darüber geeinigt hätten, dass Diess weg müsse. Das Dementi kam postwendend und knallhart. „Das entbehrt jeder Grundlage. Diese Meldung ist Quatsch“, hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme der beiden.
Sehr schweigsam verhält sich das Unternehmen dagegen zu einer Meldung des Magazins „Auto, Motor und Sport“, wonach Diess einen Teil seiner Aufgaben abgeben und den Porsche-Chef Oliver Blume zum VW-Markenchef machen will. „Das kommentieren wir nicht“, heißt es. Der VW-Chef hat sich erst vor wenigen Tagen mit Blume und dem neuen Audi-Chef Markus Duesmann im Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach getroffen und einige Runden mit mehreren Sportwagen auf der Teststrecke gedreht. „Sehr überzeugend, sehr Porsche, und viele mögliche Synergien mit Audi!“, fasste der Konzernchef seine Eindrücke im sozialen Netzwerk Linked-In zusammen. Es habe Spaß gemacht mit den „super Teststrecken und Vorbereitungsteams in Weissach!“ Ein Wechsel von Blume nach Wolfsburg sei bei der Stippvisite von Diess in Weissach kein Thema gewesen, ist in Unternehmenskreisen zu hören.
Für Blume wäre die Position des VW-Markenchefs kein wirklicher Aufstieg. Porsche ist die renditestärkste Tochter des Konzerns. Er hat es auch nicht nötig, sich um einen weiteren Karrierebaustein in Wolfsburg zu bemühen. Schon jetzt gilt der 52-Jährige als Vertreter einer neuen, modernen Automanagergeneration und als jemand, der in Wolfsburg alle Möglichkeiten hat. Der gebürtige Braunschweiger kam nach Stationen bei Audi, Seat und bei VW 2013 als Produktionsvorstand zu Porsche und erwarb sich Meriten, weil die starke Expansion von Produktion und Absatz reibungslos klappte.
Dazu zählte auch die Einführung des kompakten Geländewagens Macan, für den das Leipziger Werk stark erweitert wurde. Als 2015 der VW-Abgasskandal aufgedeckt wurde und Matthias Müller nach dem abrupten Abgang von Martin Winterkorn Konzernchef wurde, stieg Blume zum Porsche-Chef auf. Der ehemalige Fußballer und Langstreckenläufer sieht sich als Mannschaftsspieler, gilt als bodenständig, bevorzugt eher die leisen Töne und muss nicht hervorkehren, dass er der Chef ist. Damit gewann er auch Sympathie bei den Betriebsräten – nicht nur in Stuttgart.
Auch wenn es nach den Arbeitnehmervertretern im VW-Aufsichtsrat geht, hat er gute Chancen, der nächste Konzernchef zu werden – allerdings erst, nachdem er sein Meisterstück als Porsche-Chef abgeliefert und bewiesen hat, dass der Sportwagenbauer auch mit Elektroautos erfolgreich sein kann.