Stuttgart - Hohn und Spott ließen nicht lange auf sich warten. „Früher hieß es, ‚Wir können alles außer Hochdeutsch’“, lästerte der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke via Twitter. Heute müsse der neue Wahlspruch der Landesregierung „Wir können alles außer Schule und Impfen“ lauten.
„Jetzt wird klar, warum Eisenmann die Schulöffnung um jeden Preis durchdrücken wollte“, stichelte der ehemalige Kultusminister und SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch. Regelrecht entnervt zeigten sich viele Lehrer und Eltern. „Wer konnte auch ahnen, dass es da zu viele Anmeldeversuche zu einer bestimmten Zeit geben würde“, ätzte ein Vater. Der erste Tag des digitalen Fernunterrichts ging in Baden-Württemberg vielerorts gründlich daneben.
Laut Kultusministerium waren 200 Schulen betroffen
Betroffen war dabei vor allem, aber nicht nur die Lernplattform Moodle. Das Tool wird mittlerweile von etwa der Hälfte der 4500 Schulen im Land genutzt und hat 600 000 User. Doch angesichts des morgendlichen Andrangs reichten die Serverkapazitäten nicht aus, die Lernplattform war teils gar nicht oder nur schwer zu erreichen, es war oft nicht möglich, Dokumente zu laden, und auch die Verständigung funktionierte nicht. Auch bei dem Videokonferenztool Big Blue Button klagten Eltern im Internet über Probleme.
Von den Überlastungsproblemen bei Moodle seien nach Angaben des Landeshochschulnetzes BelWü als Betreiber etwa 200 Schulen betroffen gewesen, teilte das Kultusministerium mit. In weiten Teilen des Landes habe die Plattform störungsfrei funktioniert.
Dabei war man vorgewarnt
Dabei war man vorgewarnt. Vor einer Woche war es in Rheinland-Pfalz, wo die Ferien schon am 4. Januar endeten, zu ähnlichen Problemen gekommen. Dort waren nicht nur fehlende Kapazitäten für die Schwierigkeiten verantwortlich, offenbar legten zusätzlich Hackerangriffe die Plattform lahm. Im Südwesten war das nicht der Fall, allerdings wurde bei einem Server ein so genannter DDoS-Angriff registriert, bei dem durch eine extrem große Anzahl von Anfragen das System lahm gelegt wird.
„Das Kultusministerium hat seine Hausaufgaben nicht gemacht“, kritisiert Matthias Schneider, der Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft für Erziehung und Bildung. Es sei schließlich absehbar gewesen, dass deutlich mehr Schulen und Nutzer online gehen als beim ersten Lockdown im vorigen Frühjahr. Der Onlineunterricht werde noch das ganze Schuljahr lang nötig sein. „Die Schulen brauchen eine funktionierende Infrastruktur“, sagt Ralf Scholl, der Landesvorsitzende des Philologenverbandes. Schließlich habe das Kultusministerium festgelegt, dass auch im Fernunterricht nach dem Stundenplan gelehrt werden soll. „Die Frage ist, warum man nicht im Vorfeld eine Schippe draufgelegt hat“, so Scholl.
Das Ministerium will über Nacht nachbessern
Das Kultusministerium von Susanne Eisenmann (CDU) weist das zurück. Seit März seien die Moodle-Prozesse stetig verbessert, die Speicherkapazitäten erhöht und die Leistungsfähigkeit der Mailserver verbessert worden. Das habe 2,6 Millionen Euro gekostet. In den Weihnachtsferien habe man mit Blick auf den anstehenden Fernunterricht für 250 000 Euro die Kapazitäten von Big Blue Button und die Rechenleistung der Moodle-Server ausgeweitet, die Puffer-Rechenkapazität um 50 Prozent vergrößert.
Für die aktuellen Probleme verspricht die Kultusministerin schnelle Abhilfe. Um die Server zu entlasten, seien die großen Moodle-Instanzen auf die neuen, freien Pufferkapazitäten ausgelagert worden. Das Landeshochschulnetz BelWü hätten identifiziert, welche Moodle-Instanzen konkret überlastet seien, um ihnen die freien Kapazitäten zuzuweisen und sie auf leistungsfähigere Server umzuziehen. Die Probleme sollten laut der Mitteilung des Ministeriums im Laufe des Tages behoben und die Optimierungen auch in der Nacht zum Dienstag fortgeführt werden.
Lehrerverbände fordern den Wechselunterricht
Während sich die älteren Schüler darauf einstellen müssen, noch länger zuhause lernen zu müssen, sollen die Grundschüler nach Eisenmanns Willen in der kommenden Woche wieder in die Schulen zurückkehren. Lehrerverbände sehen das kritisch. Vor dem Hintergrund der zuerst neuen, noch ansteckenderen Covid-19-Variante haben fünf Lehrerverbände im Land gemeinsam gefordert, die Klassen zu teilen und wechselweise zu unterrichten.
In den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und körperliche und motorische Entwicklung hat der Schulbetrieb schon am Montag wieder seinen Normalbetrieb aufgenommen, was bei den Lehrern ebenfalls auf Kritik stößt: Gerade bei der Arbeit mit körperlich oder geistig gehandicapten Kindern, die Hilfe bräuchten beim Essen oder auf der Toilette, sei die Einhaltung der Hygieneregeln schlicht nicht möglich.