Probleme mit Tochterfirmen EnBW findet keine Schuldigen für hohe Schäden

Die Probleme bei bmp greengas und Senec werfen einen Schatten auf die Amtszeit von Ex-EnBW-Chef Frank Mastiaux – hier rechts im Bild als Laudator bei Winfried Kretschmanns 75. Geburtstag. Foto: dpa/Marijan Murat

Hunderte von Millionen kosten die EnBW Probleme bei Senec und bmp greengas. Doch bisher sieht der Energiekonzern keine Verantwortlichen, die er dafür in Anspruch nehmen könnte.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Im Umgang mit Managern, denen sie teure Fehler vorwirft, kann die EnBW unerbittlich sein. Nachdem sie einst wegen undurchsichtiger Geschäfte mit einem russischen Lobbyisten 130 Millionen Euro abschreiben musste, verklagte sie einen Vorstand und einen Geschäftsführer auf bis zu 90 Millionen Euro. Erst nach Jahren wurde der Rechtsstreit per Vergleich beendet. Man sei verpflichtet, hieß es damals, Verantwortliche respektive deren Versicherung bei Pflichtverletzungen in Regress zu nehmen.

 

Nun hat der Energiekonzern wieder einen Schaden zu beklagen – einen ungleich größeren. Die Turbulenzen bei zwei Firmen kosten ihn schon jetzt etwa eine Dreiviertelmilliarde Euro – und am Ende womöglich noch mehr. Doch wegen der Probleme beim Biosgashändler bmp greengas und beim Solarstromspezialisten Senec gibt es bisher keine vergleichbaren Schritte. Nach Stand der Prüfung sehe man keine Pflichtverletzungen von Managern. Daher werde weder gegen Vorstände noch gegen Geschäftsführer vorgegangen. Auch für die Einbeziehung einer D&O-Versicherung (für „directors and officers“) sehe man keinen Anlass.

Schell erbt die Probleme von Mastiaux

Das Thema ist pikant, denn beide „Baustellen“ stammen aus der Zeit des früheren Vorstandsvorsitzenden Frank Mastiaux; unter dessen Führung wurden sie maßgeblich vorangetrieben. Sein Nachfolger Andreas Schell hat sie geerbt und muss nun damit fertig werden. Bei bmp greengas summiert sich die Belastung in den ersten drei Quartalen 2023 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – auf 275 Millionen Euro. Die über die Erdgas Südwest gehaltene Enkelfirma war offiziell wegen Marktverschiebungen in Folge des Ukrainekrieges in Nöte geraten. Sie konnte Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllen und musste Insolvenz anmelden.

In unternehmensnahen Kreisen wird seither gefragt, ob die Probleme nicht auch hausgemacht waren; vor allem am Risikomanagement habe es offenbar massiv gehapert. Der Konkurrent Landwärme, ähnlich groß und mit ähnlichem Geschäftsmodell, geriet jedenfalls nicht in vergleichbare Schwierigkeiten. Inzwischen wurde bei der Biogasfirma der Insolvenzplan angenommen, bei Erdgas Südwest ist die Restrukturierung abgeschlossen.

Gekämpft wird an der Front aber weiter: Mehrere Versorger und Stadtwerke verklagen beim Landgericht Karlsruhe den Insolvenzverwalter. So wollen sie erreichen, dass ihre – bisher nicht berücksichtigten – Forderungen doch noch anerkannt werden. Eines der Unternehmen klagt als Pionier für eine Klägergemeinschaft, die von einer Anwaltskanzlei zusammengetrommelt wurde. Sie hat auch der Erdgas Südwest und der EnBW „den Streit erklärt“ – und plant diese ebenfalls in Anspruch zu nehmen. Die Verfahren stehen laut einem Gerichtssprecher noch am Anfang.

Ex-Senec-Chefin für neuen Job gehandelt

Bei der Leipziger Tochterfirma Senec waren es explodierende Stromspeicher für Solaranlagen, die zu Belastungen im „mittleren dreistelligen“ Millionenbereich führten; das letzte Wort dürfte auch dies noch nicht sein. Nachdem immer mehr Kunden wegen der Drosselung ihrer Anlagen per Fernwarte meuterten, entschloss sich Senec bei zentralen Baureihen zum Austausch der Module. Die Großaktion soll im Sommer anlaufen, mit neuem Management. Die bisherige Senec-Chefin Aurelie Alemany wurde Ende Januar verabschiedet, sie wird bereits für einen neuen Job gehandelt: als Chefin des Versorgers Enercity in Hannover. Betroffen seien nur ganz wenige Geräte, hieß es stets, wie auch bei anderen Herstellern. Doch kaum einer erntete ein so starkes Negativ-Echo wie die Leipziger.

Die Prüfung eventueller Pflichtverletzungen laufe in den Gremien „parallel zur inhaltlichen Aufarbeitung“ der Vorgänge, sagt ein EnBW-Sprecher. Bei Vorstandsmitgliedern sei dies der Aufsichtsrat des Konzerns, bei Tochter- oder Enkelfirmen könnten es auch Gesellschafterversammlung oder Beirat sein. Stand jetzt gebe es, hier wie dort, keine Hinweise auf Verstöße.

Laudator bei Kretschmanns Geburtstag

Beide Probleme werfen freilich einen Schatten auf die Amtszeit von Frank Mastiaux, der Ende 2022 mit viel Lob verabschiedet worden war; später revanchierte er sich gleichsam als Laudator zu Winfried Kretschmanns 75. Geburtstag. Zuweilen wird im EnBW-Umfeld gefragt, ob sein Wirken kritisch genug hinterfragt werde. Das Land sei da womöglich etwas gehemmt, zumal die regierenden Grünen ihn einst nach Karlsruhe gelotst hatten. Auch sein enger Draht zum Aufsichtsratsvorsitzenden Lutz Feldmann wird mitunter argwöhnisch beäugt; die beiden kennen und schätzen sich aus früheren beruflichen Stationen. Halte der Chefaufseher bei der Aufarbeitung etwa eine „schützende Hand“ über den Ex-Konzernchef?

Die EnBW weist solche Vermutungen strikt zurück: „Auf die Prüfung hat das Verhältnis einzelner Akteure zueinander keinen Einfluss“, betont der Sprecher. Überhaupt würden Mandate im Konzern „grundsätzlich nach Eignung und Fähigkeiten vergeben“. Bis Ende März wird wohl klarer sein, wie stark die EnBW durch die Biogas- und Stromspeicher-Probleme belastet wird; dann soll der Konzernabschluss für 2023 vorliegen. Werden weiterhin keine Verstöße entdeckt, bleibt es bei einem Schaden ohne Schuldige.

Das Land verneint Vorgaben für Energiewende an EnBW

Vermutung
 Bei den Aktivitäten beider Firmen, die zu hohen Belastungen der EnBW geführt haben, geht es jeweils um die Energiewende: Senec soll die Nutzung der Solarenergie voranbringen, bmp greengas den Einsatz von Biogas. Wurden womöglich höhere Risiken in Kauf genommen, weil beides politisch gewollt ist?

Erklärung
 Die Ziele seien „richtig und wichtig“, sagt ein Sprecher des Stuttgarter Finanzministeriums, dessen Chef Danyal Bayaz im EnBW-Aufsichtsrat sitzt, aber es gebe „keine solche Erwartungshaltung“. Schon seit zehn Jahren sei der Energiekonzern dabei, sein Erzeugungsportfolio massiv umzubauen – vor allem aus Gründen des Klimaschutzes.

Begründung
 Mit dem Ukrainekrieg sei die Energiewende noch dringlicher geworden, so der Sprecher. Vorstände oder Geschäftsführer seien aber „dem Unternehmenswohl verpflichtet“. Sie machten sich angreifbar und im schlimmsten Fall strafbar, wenn sie Pflichten gegenüber dem Unternehmen verletzten.

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