Baden-Württemberg Immer weniger Menschen wollen Lehrer werden

Im Unterricht ist Fantasie gefragt. Das beweist die Schiller-Realschule in Böblingen mit ihren Pullovern mit mathematischen und physikalischen Phänomenen. Foto: Stefanie Schlecht

Lehrer im Land sind knapp, doch das Studium ist immer weniger gefragt – erstmals konnten im Wintersemester nicht alle Studienanfängerplätze für das Lehramt besetzt werden. An vielen Schulen wird die Lage kritisch.

Lehrer sind jetzt schon knapp, und es könnte noch schlimmer kommen. Die Bewerberzahlen für die Studienplätze sinken, besonders betroffen sind Haupt-, Real- und Gemeinschaftsschulen. 190 Plätze für die Sekundarstufe I blieben nach Angaben des Wissenschaftsministeriums schon im Wintersemester 2022/23 unbesetzt.

 

„Die Bewerbungen für das Lehramt sind in den letzten vier Jahren um 40 bis 50 Prozent zurückgegangen“, berichtet Karin Schweizer, Rektorin an der Pädagogischen Hochschule (PH) Weingarten und Vorsitzende der PH-Landesrektorenkonferenz. Das hat mit rückläufigen Abiturientenzahlen zu tun – aber nicht nur. Jörg Keßler, der Rektor der PH Ludwigsburg, spricht von einem „Alarmzeichen“.

Albrecht Wacker, der Leiter des Instituts für Erziehungswissenschaften an der PH Ludwigsburg, stellt fest: „Die Attraktivität des Arbeitsplatzes Schule ist gesunken.“ Homeoffice sei inzwischen in vielen Branchen möglich, „der Arbeitsmarkt bietet so viele Alternativen wie nie“. Weniger Abiturienten entscheiden sich laut Wacker für das Lehramt, weil die Sicherheit des Beamtenjobs angesichts des allgemeinen Fachkräftemangels nicht mehr groß ins Gewicht falle. Dazu kommt, dass Lehrer als ein „Beruf ohne Karriere“ gilt.

Kurzfristig helfen nur Seiteneinsteiger gegen den Lehrermangel. Aber: „Die Diskussion um den Seiteneinstieg kratzt am Bild des Lehrerberufs“, befürchtet Keßler. Sie vermittle den Eindruck, Lehrer könne jeder.

Arbeitsplatz Schule verliert an Attraktivität

Runder Tisch zur Imagepflege

Er fordert einen Runden Tisch aus Hochschulen und Politik. Langfristig helfe nur, die Attraktivität und das Image des Berufs zu steigern. Er will auch darüber sprechen, wie die Schularten die Lehrämter bestimmen. Das selektive Schulsystem ist für ihn mit ein Grund für das schlechte Image des Lehramts für die Sekundarstufe I.

Ist das gegliederte Schulsystem schuld an den Problemen?

Auch Karin Schweizer sieht besondere „Probleme und Herausforderungen“. Sie sagte: „Das Arbeiten an Gemeinschaftsschulen oder in sozial schwachen Gegenden ist durch die Gliederung des Schulsystems sehr anspruchsvoll und aufreibend.“ Die vermeintlich „einfacheren“ Schüler streben nach Ansicht der Experten auf die Gymnasien.

Bernd Reinhoffer, Prorektor für Lehre in Weingarten, sieht einige probate Mittel, um den Beruf attraktiver zu machen. Er nennt mehr Teamteaching, multiprofessionelle Teams, mehr pädagogische Fachkräfte in der Klasse. Ganz wichtig ist ihm: „Wir bräuchten mehr Studierende mit Migrationshintergrund.“ Wenn das Interesse geweckt ist, seien auch deutlich mehr Studienplätze notwendig. Das sieht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) so.

Ministerium prüft „innovative Modelle“

Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) will die Werbekampagne #lieberlehramt in diesem und dem kommenden Jahr intensivieren. „Wir sprechen gezielt junge Menschen an und möchten sie dafür gewinnen, ein Lehramtsstudium zu beginnen.“ Außerdem prüfe man neue Modelle, wie die Attraktivität der Lehramtsstudiengänge gesteigert werden könnte. Olschowski betont: „Die Landesregierung ist offen für eine breite Bildungsdebatte.“

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