Professorin für Stadtplanung über Stadtentwicklung in Stuttgart „Wohnwünsche verändern sich laufend“

Die Architektin und Stadtplanerin Christina Simon-Philipp zeigt, wie Wohnquartiere modernisiert werden können. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Was macht eine Stadt lebenswert? Und wie sehen sie Facetten des Wohnens aus? Architektin und Stadtplanerin Christina Simon-Philipp macht Vorschläge, wie sich Einfamilienhausquartiere den veränderten Wohnwünschen anpassen könnten.

Stuttgart - In Stuttgart sind 35 Prozent der Gebäude Einfamilienhäuser. Das große Potenzial, das diese Quartiere an Wohnraum und Platz bieten, liegt teilweise brach. Einerseits, weil Kinder aus dem Haus sind und ältere Besitzer allein darin leben, andererseits, weil das Baurecht Veränderungen blockiert. Christina Simon-Philipp, Professorin für Städtebau und Stadtplanung an der Technischen Hochschule Stuttgart, erläutert, wie ein Wandel gelingen kann.

 

Frau Simon-Philipp, stirbt in Anbetracht der Wohnungsnot das Einfamilienhaus aus?

Ich denke, dass wir Abschied von einer Lebensweise nehmen müssen, die extrem ressourcenintensiv ist, und von Einfamilienhäusern in großen Neubaugebieten am Stadtrand. Außerdem haben sich die Wohnwünsche stark verändert und sind abhängig von unterschiedlichen Lebensphasen.

Passt das Einfamilienhaus nicht mehr zu modernen Wohnwünschen?

Einfamilienhäuser haben eine ganz bestimmte Raumprogrammierung und Eigenschaften, die sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht verändert haben. Wir müssen diese Wohnformen grundsätzlich nachhaltiger gestalten. Dazu forscht die Hochschule für Technik Stuttgart gemeinsam mit der Wüstenrot-Stiftung seit einigen Jahren, derzeit im kooperativen Lehrforschungsprojekt „Leben vor der Stadt“.

Was passiert mit dem Bestand?

Genau darauf liegt unser Fokus: Wie kann man bestehende Strukturen besser nutzen, verändern? Der Bestand an Ein- und Zweifamilienhäusern in der Region Stuttgart ist ja unglaublich groß, 76 Prozent aller Wohngebäude sind Ein- oder Zweifamilienhäuser. Mehr als ein Drittel der Wohngebäude in Stuttgart sind Einfamilienhäuser. Zumeist aber wünscht und nutzt man ein solches Haus vor allem während der Familienphase. Wenn diese abgeschlossen ist, kann es veränderte Wohnwünsche geben. Daran ist der Bestand an Einfamilienhäusern in Stuttgart nicht angepasst. Das ist das große Problem.

Was empfiehlt die Wissenschaft?

In zahlreichen Gebieten gibt es viel Potenzial, die Häuser weiterzuentwickeln. Gerade dort, wo sie auf 600 bis 1000 Quadratmeter großen Grundstücken stehen, beispielsweise in den sogenannten Kleinsiedlungen aus den 1920er und 1930er Jahren. Dort gibt es sehr gute Möglichkeiten zur baulichen Weiterentwicklung oder Nachverdichtung.

Zum Beispiel?

Gebäude können erweitert werden, im rückwärtigen Grundstücksbereich kann ein Gebäude dazu gebaut werden, man kann Dachstühle ausbauen oder aufstocken.

Diese Vorhaben scheitern meist am Bebauungsplan.

Es ist in der Tat oft so, dass das geltende Baurecht Veränderungsbedarfen nicht gerecht wird. Es gibt Kommunen, die für Bestandsgebiete neue Bebauungspläne auflegen, um sie weiterentwickeln zu können. Das wird aber bisher noch nicht sehr intensiv betrieben. Städte wie Stuttgart schaffen das allein schon personell nicht. Unsere Untersuchungen haben aber auch ergeben, dass sich die Kommunen mit den Bestandsgebieten so gut wie gar nicht auseinandersetzen oder gar eine Weiterentwicklungsstrategie im Rahmen der Stadtentwicklung verfolgen.

Gibt es dennoch ein Positivbeispiel aus der Region?

Die Gemeinde Altbach im Kreis Esslingen besteht zu einem großen Teil aus Wohngebieten mit Ein- und Zweifamilienhäusern. Für den Großteil dieser Gebiete hat die Stadt vor einigen Jahren neue Bebauungspläne aufgestellt, die mehr Entwicklung ermöglichen. Passiert ist auf den Grundstücken seither nicht viel, deshalb kann man das städtebaulich noch nicht analysieren.

Vornehmlich ältere Besitzer sind damit vermutlich überfordert.

Das ist zumeist das große Problem. Und wenn sie noch einen Umbau in Angriff nehmen wollen, scheitert es an der Kreditzusage der Bank.

Wie löst man dieses Problem?

Älteren Bewohnern ist ihr Haus oft viel zu groß geworden. Durch Befragungen haben wir erfahren, dass die Bereitschaft zum Wechselin eine andere Wohnform relativ hoch ist. Manche sagten in Interviews: Ich würde in eine kleinere Wohnung ziehen, aber ich möchte in meiner vertrauten Umgebung bleiben, in räumlicher Nähe zum jetzt bestehenden Wohnumfeld, doch da gibt es kein passendes Angebot für mich. Wir denken, da könnten die Kommunen und die Wohnungswirtschaft als Vermittler und Entwickler alternativer Wohnformen eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Nach Jahrzehnten in einem Eigenheim mit Garten ist die Angst vor einem Zwei-Zimmer-Apartment ja verständlich.

Tatsächlich haben Befragte oft geäußert, es gebe für sie keine Alternative mit den gewünschten Qualitäten. Die meisten wünschen sich einen Wohnraum mit Zugang zum Garten, eine Wohnung mit genügend Platz, so dass auch die Kinder übernachten können, wenn sie zu Besuch kommen. Ein Umzug kann auch am knapp bemessenen Kellerraum scheitern, weil ein älterer Mensch nicht seine ganzen Erinnerungen entsorgen will. Man braucht nicht die statischen Wohnformen wie Einfamilienhaus oder die abgeschlossene Zwei-Zimmer-Seniorenwohnung. Wir brauchen flexible Formen. Das könnte den Generationenwechsel in den Wohngebieten befördern.

Gibt es das schon in der Praxis?

Die Stadt Kirchheim/Teck schafft in der Kernstadt sehr interessante Angebote für alternative Wohnformen weitab vom klassischen Altersheim. Die Angebote richten sich an Ältere und Alleinlebende in zu großen Wohnhäusern. So werden die Häuser frei für junge Familien. Solche Ansätze gibt es leider noch zu selten.

Es gibt einen massiven Leerstand. Was tun?

Es gibt viele Instrumente gegen Leerstand. Zum Beispiel könnte man Leerstand steuerlich sanktionieren und Anreize schaffen, um Leerstand zu vermeiden. Diese Instrumente werden nur viel zu wenig angewendet, weil der politische Wille fehlt oder weil auf operativer Ebene die Personaldecke der Kommunen ausgedünnt ist.

Könnten Genossenschaften beim Umbau in moderne Strukturen helfen?

Wohnungsbaugenossenschaften haben ja das Ziel, ihre Mitglieder mit preisgünstigem, gutem Wohnraum auf Lebenszeit zu versorgen. Sie könnten den Wohnungswechsel unterstützen und dazu beitragen, die Einfamilienhaus-Gebiete nachhaltig weiterzuentwickeln, zum Beispiel durch alternative Wohnungsangebote im Quartier, die an die jeweilige Lebenssituation angepasst sind, frei von Spekulationen. Wenn allein der Markt regiert, versuchen Bauträger aus den Grundstücken rauszuholen, was geht. Diese massive Bebauung ist nicht akzeptabel. Aber das passiert, wenn die Kommune nicht eingreift – strategisch, planerisch, baurechtlich, zum Beispiel mit einer Erhaltungssatzung.

Wie wichtig sind die Siedlungsgärten fürs Stadtklima?

Die Grün- und Freiflächen sind enorm wichtig. Wenn verdichtet wird, müssen wir Grünflächen mitplanen, um eine entsprechende Lebensqualität zu sichern. Es kann nicht sein, dass wir verdichten, verdichten, verdichten, und am Wochenende fahren alle raus, um sich im Grünen zu erholen.

Zur Person

Vita
Christina Simon-Philipp (54) ist seit 2007 Professorin für Stadtplanung und Städtebau an der Hochschule für Technik Stuttgart. Die Architektin und Stadtplanerin aus Kassel hat von 1986 bis 1992 in Stuttgart und von 1990 bis 1991 an der ETH Zürich studiert. Von 2003 bis 2007 war sie Referentin im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, zuständig unter anderem für Grundsatzfragen der Stadterneuerung. Von 2005 bis 2010 war sie Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft und 2015 an der Gründung eines interdisziplinären Netzwerks „urbi_et“ zur Stadtentwicklung beteiligt.

Forschung
In ihrer Dissertation hat sich Christina Simon-Philipp mit Wohngebieten in den Vororten und deren Fortentwicklung befasst, zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Wohnungsbau und Stadterneuerung, energieeffiziente Stadtentwicklung sowie die Transformation urbaner Zentren. Seit 2020 und bis 2024 arbeitet sie an einem Kooperationsprojekt mit der Wüstenrot-Stiftung im Kontext der IBA 2027. Thema dort: Ein- und Zweifamilienhäuser in der Region Stuttgart und ihre Entwicklungspotenziale. czi

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