Projekt am Olgahospital Wie nimmt man Kindern die Angst vor dem Arzt?

Klopf, klopf, klopf – mit den Herztönen des kranken Plüschhunds scheint alles in Ordnung. Er musste zur Behandlung in die Teddyklinik. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Im Stuttgarter Olgahospital kümmern sich Medizinstudenten um Plüschelche mit Bauchweh und Stoffhasen mit gebrochenem Bein. Was soll das Ganze?

Ferdinand geht es nicht gut. Er hat Schmerzen, und zwar heftige. Kein Wunder: Glassplitter stecken in seinem Bein. Er liegt in der Notaufnahme des Olgahospitals, dem Kinderkrankenhaus des Klinikums Stuttgart. Besorgt misst Sonja Röder Fieber in seinem Ohr. „O je, das ist schon im roten Bereich, über 38 Grad.“

 

Die junge Frau im weißen Kittel wiegt den Kopf hin und her. Die Scherben müssen dringend raus, und die Stelle muss desinfiziert werden. „Die Wunde hat sich entzündet, deshalb hat er Fieber bekommen. Wir geben ihm jetzt eine Antibiotikaspritze“, erklärt sie einem blonden Mädchen, das beruhigend eine Hand auf Ferdinands Flanke legt.

Ferdinand ist ein braunes Pferd aus weichem Plüsch. Die Spritze, die kurz danach in seinem Po steckt, ist jedoch echt. Das blonde Mädchen wählt ein Pflaster aus: lieber das mit den Bären drauf als das mit den Alienmotiven. Sonja Röder nickt. Sie verarztet das Stoffpferd mit großem Ernst. Oberärztin steht auf dem Namensschild an ihrem weißen Kittel. Halt, noch mal hingesehen: O-bär-ärztin. Sonja Röder gehört zum Team der Teddyklinik Tübingen. Die 23-Jährige studiert im neunten Semester Medizin. Und in der Freizeit, die zwischen den Examen bleibt, untersucht sie ehrenamtlich Kuscheltiere.

Der Hintergrund ist ernst

Man kann es für einen liebenswerten Spleen halten, wenn in einer echten Klinik Stoffhunde mit Druckverbänden versorgt, Teddys geröntgt und Plüschhasen mit Vitaminspritzen gepäppelt werden. Der Hintergrund ist ernst. „Kindern soll die Angst vorm Arzt genommen werden“, sagt Sonja Röder. Und fügt hinzu: „Natürlich haben sie auch ’ne Menge Spaß dran.“

Sonja Röder ist eine erfahrene Teddydoktorin und Expertin in Sachen Stofftierkrankheiten. Sie kurierte schon einen Leoparden, der seine Flecken verlor, Kuscheltiere, die unter Long Covid litten oder Ohrenschmerzen hatten, weil die Ohren schlecht geputzt worden waren. Die Kinder denken sich die Krankheiten ihrer Lieblinge selbst aus. Ganz selten schleichen sich ernste Themen in die Behandlungen. Einmal saß ein Junge vor Sonja Röder, der wie sein Kuscheltier eine Autoimmunerkrankung hatte. Ein anderes Mal hatte das Stofftier Krebs – wie die Mutter des Kindes. „Wenn Kinder so etwas sagen, haben sie Angst oder sind neugierig“, sagt Sonja Röder. Sie versucht dann herauszufinden, auf welchem Wissensstand die Kinder sind. „Und ich lasse sie selbst überlegen, was dem Teddy ihrer Meinung nach helfen könnte.“

In der Frühe dieses Montagmorgens hat die Teddyklinik ihre Sprechstunde eröffnet – und die Spiel-Arche in der Eingangshalle des Klinikums Stuttgart sich zum Wartezimmer gewandelt. Mädchen und Jungen aus zwei Stuttgarter Kindergärten drücken ihre Lieblingskuscheltiere an sich. Vor ihnen stellen sich die Teddydocs vor. Acht Frauen und Männer in Arztkitteln, FFP2-Masken über Mund und Nase, alle Studenten der Medizin. Mitgebracht haben sie einen kindgroßen Plüschelch, Anton, den Sonja Röder nun untersucht. Mit einem Stethoskop hört sie Herz, Lunge und Bauch ab. „Jetzt bitte einmal die Zunge rausstrecken.“ Die Ursache für Antons Bauchweh ist schnell gefunden – zu viele Schokokekse am Abend. Dann sind die Kuscheltiere der Kinder an der Reihe. Mit den Plüschpatienten unterm Arm folgen die Mädchen und Jungen den angehenden Ärzten in die Notaufnahme.

Ein Krankenhaus kann ein beängstigender Ort sein

Wenn man verniedlichend vom „Olgäle“ spricht, vergisst man leicht, dass es sich um das größte Kinderkrankenhaus Deutschlands handelt. Viele junge Patienten mit sehr schweren Krankheiten werden hier behandelt. Ein Krankenhaus kann ein beängstigender Ort sein. Erst recht, wenn man erst vier Jahre alt ist. Die langen Flure, fremde Menschen in steriler Krankenhauskluft, der stechende Geruch von Desinfektions- und Putzmitteln. Selbst bei vielen Erwachsenen werden Urängste wach, wenn sie in eine Klinik müssen. Plötzlich müssen sie Kontrolle abgeben, über den eigenen Körper, Essenspläne und Aufstehzeiten. Da braucht es Vertrauen, in die Einrichtung und auch in die Ärzte. Hier kommen die Teddydoktoren ins Spiel.

Die Idee stammt aus Skandinavien und hat sich von da in Europa verbreitet. Viele Unistädte haben Teddykliniken oder Teddybärenkrankenhäuser eingerichtet. Sogar Kongresse werden abgehalten. Ende Oktober kamen 150 Teddydocs aus ganz Deutschland in Göttingen zusammen, um ihre Erfahrungen auszutauschen.

In Teddykliniken schlüpfen Kinder in die Rolle der Eltern. Sie dürfen dem Stofftier die Pfote drücken, wenn es vom Arzt behandelt wird. Dadurch lernen sie den Ablauf von Untersuchungen kennen. Sonja Röder, die schon als Kind ihre Kuscheltiere verarztete, sagt: „Kinder haben Bock auf Medizin und sind total neugierig.“

Auf erfrischende Weise unbedarft

Die Teddyklinik Tübingen gibt es seit 20 Jahren. Vor Corona verwandelte sich das Tübinger Rathaus einmal im Jahr in eine Krankenstation für Kuscheltiere. Die Teddydoktoren machen außerdem Stippvisiten in Kindergärten und kurieren dort Wehwehchen. Und seit zehn Jahren kommen sie regelmäßig ins Olgahospital. Das hat auch einen Vorteil für die Studenten: Sie lernen das Klinikum – einen möglichen späteren Arbeitsort – kennen. In den vergangenen zwei Jahren musste die Teddyklinik im Olgäle allerdings wegen Corona pausieren. Erst diesen Herbst ist sie wieder gestartet.

Die meisten Kindergartenkinder an diesem Morgen betreten zum ersten Mal bewusst ein Krankenhaus. Sie wissen noch nichts von Operationen, Skalpellen, Infusionen. Stethoskope kennen sie nur vom Spielen mit ihrem Arztkoffer. Sie sind auf erfrischende Weise unbedarft. Die Teddyklinik ist eine Chance, den Klinikbetrieb gesund und gut gelaunt kennenzulernen. Nicht fiebrig oder mit einem gebrochenen Arm.

In der Notaufnahme sind die blauen Liegen mit weißem Tuch ausgelegt. Es gibt Fläschchen mit Desinfektionsmittel, in Plastik verpackte Spritzen, Scheren mit abgewinkelter Spitze zum Schneiden von Verbänden. Die Untersuchungen sollen so realistisch wie möglich ablaufen. Selbst ein echtes Röntgengerät der Kinderstation steht parat, es hat die Form einer Giraffe.

Ohne Schmerzen oder Stress

Jan Philipp Dotterweich sieht sofort, was dem Patienten vor ihm fehlt, auch ohne Röntgenbild. Das Häschen hat ein gebrochenes Bein, das unbedingt geschient werden muss. „Es heißt Hübi“, verrät der sechsjährige Junge, der Hübi begleitet. Der Junge hält einen Holzstab an das Hasenbein, während Jan Philipp Dotterweich beides mit einem Verband fixiert. Zum Schluss desinfiziert er noch Hübis Arm und gibt ihm eine Spritze gegen die Schmerzen.

Dotterweich ist schon fast ein richtiger Arzt. Der 32-Jährige absolviert gerade sein praktisches Jahr im Klinikum Stuttgart. Die Teddyklinik lernte er in einem seiner ersten Semester kennen – und profitierte davon. „Das Medizinstudium ist am Anfang sehr theoretisch“, sagt er. Praxiseinsätze mit erwachsenen Patienten oder gar Kindern gebe es kaum. Bei seiner vorhergehenden Ausbildung im Rettungsdienst wurde er dagegen schon zu Kindernotfällen gerufen. „Da bekommt man Schweißausbrüche.“

Nur wenige Teddydocs möchten einmal in der Pädiatrie arbeiten, der Kinder- und Jugendmedizin. Doch in fast allen Bereichen hat ein Arzt früher oder später ein Kind vor sich sitzen. „Die Teddyklinik ist ein geschützter Raum“, sagt Jan Philipp Dotterweich. „Es ist ein gutes Setting, ohne Schmerzen oder Stress, um Erfahrungen zu sammeln.“ Studenten lernen, einfache Fragen zu stellen, möglichst auf Fachvokabular zu verzichten und auf schüchterne wie mutige Kinder gleichermaßen einzugehen.

Wie geht es dem geröntgten Bären?

Abgesehen davon haben sie einfach einen großen Spaß an der ganzen Sache. Etwa wenn sie den Stofftieren heimlich auf den pelzigen Rücken klopfen, während die Kinder Herztöne mit dem Stethoskop abhören. Oder am Röntgengerät: Während die Kinder die Stofftiere richtig positionieren und abgelenkt sind, wird blitzschnell das vorbereitete Bild eines geröntgten Bären hervorgezogen.

Am Ende der Sprechstunde ist das Wartezimmer leer. Pferd Ferdinand hat sich von der Spritze erholt, die Wunde am Bein ist gereinigt und verbunden. „Der Verband sollte ein paar Tage dran bleiben, bevor du ihn abmachst“, schärft Sonja Röder dem blonden Mädchen ein. Dann entlässt sie ihren Patienten nach Hause.

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