Projekt Gewissenskompass So will Leutenbach für mehr Respekt sorgen

„Generation von Egoisten“: Jürgen Kiesl sorgt sich um die Jugend. Foto: StZ/Weingand

Fairplay, Achtung und Höflichkeit – das vermisst der Leutenbacher Bürgermeister bei der jungen Generation, aber auch bei Erwachsenen. Schulen, Kitas und Vereine wollen daran jetzt etwas ändern.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Leutenbach - Der Bürgermeister Jürgen Kiesl hat einen Stapel an Zeitungsausschnitten vor sich, die er in den vergangenen Monaten zusammengetragen hat. „14-jähriger Schiedsrichter angegriffen“, „Jugendliche werfen Steine auf S-Bahn“, „Randalierer urinieren auf Restaurantgäste“ – so und ähnlich lauten die Schlagzeilen aus der Region. „Das sind Entwicklungen, die mich und andere besorgen“, sagt Kiesl.

 

Früher, so glaubt er, seien Respekt und Fairplay noch verbreiteter gewesen als heute. Er fürchtet, dass Eltern derzeit eine „Generation von Egoisten“ heranziehen, stößt sich aber nicht nur am Verhalten von Jüngeren: „Auch Sportler reklamieren gestenreich jede Entscheidung eines Schiedsrichters – und die Krönung war dann wohl der amerikanische Präsident Donald Trump.“

Beleidigungen und Unhöflichkeit ansprechen

Am Verhalten eines US-Präsidenten oder von Bundesligastars wird wohl auch die Gemeinde Leutenbach nichts ändern können. Aber zumindest bei den Kindern und Jugendlichen aus dem Ort könne man den Respekt voreinander und den achtsamen Umgang miteinander verankern. Die Gemeinde hat zu diesem Zweck am Freitag den „Gewissenskompass“ vorgestellt.

Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich nicht um einen Leitfaden mit Handlungsanweisungen, sondern um ein Projekt mit vielen Facetten, an dem sich Schulen, Kindergärten und Vereine beteiligen. Wie diese das Projekt mit Leben füllen, bleibt ihnen überlassen. Die Urkunde, die die Teilnehmer in ihren Vereinsheimen und Sekretariaten aufhängen können, soll dabei nur ein sichtbares Signal sein. Lehrer, Betreuer und Trainer in Leutenbach sind zum Beispiel dazu aufgerufen, auch vermeintliche Kleinigkeiten wie Beleidigungen oder ausgebliebene Begrüßungen anzusprechen.

Respekt und Fairplay im Sportunterricht und im Rollenspiel

Nicht zuletzt gibt es auch die Projekte an Kindergärten und Schulen, die das Bewusstsein für das Miteinander stärken sollen. So können sich Leutenbacher Schüler zu „Pausenengeln“ beziehungsweise Streitschlichtern ausbilden lassen. „In den Klassenlehrerstunden machen wir zum Beispiel Spiele zum Teambuilding, mit Rätseln, die sich nur gemeinsam lösen lassen“, erklärt Sarah Thiesen, die Leiterin der Gemeinschaftsschule Leutenbach. Ihr Kollege Heinz Wolfmaier, der die Grundschule in Weiler zum Stein leitet, betont, dass die Frage nach respektvollem Miteinander im Prinzip jeder Schulstunde zugrunde liege: „Jede Sportstunde ist zum Beispiel eine Sozialstunde. Das fängt schon damit an, gerechte Mannschaften zu bilden.

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Und auch die Kleinsten bleiben nicht außen vor: „Die Kindergartenkinder beschäftigen sich zum Beispiel mit Geschichten und Rollenspielen mit diesem Thema – dann können die Kinder am eigenen Leib erfahren, wie es ist, auf der einen oder der anderen Seite zu stehen“, sagt Jana Geiger-Ott, die im Rathaus für Jugend-, Familien- und Kulturangelegenheiten zuständig ist.

Erwachsene müssen als Vorbilder vorangehen

Zwei der Leutenbacher Kitas beteiligen sich zudem an einem Gewaltpräventionsprogramm, auch auf speziellen Elternabenden wird gewaltfreie Kommunikation thematisiert. Das Interesse sei groß, sagt Geiger-Ott: An den Abenden sei jeder verfügbare Platz belegt gewesen.

Wichtig ist dem Nellmersbacher Rektor Oliver Kurr bei alldem auch: „Wir als Lehrer und Rektoren müssen dabei mit gutem Beispiel vorangehen – ansonsten können wir all das von den Kindern auch nicht erwarten.“ Er sei stolz darauf, dass er immer aus weiterführenden Schulen höre, Nellmersbacher Schüler seien „immer so höflich“.

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Dass es auch in Leutenbach noch einige Bretter zu bohren gibt, zeigt sich direkt nach der Vorstellung des Gewissenskompasses, nur wenige Meter vom Rathaus entfernt. Etliche Schüler strömen durch die Gegend, es ist Mittagspause. Eine Gruppe Teenager redet gerade über einen ihrer Mitschüler: „Der sieht heute mal wieder aus wie ein Penner“, meint einer. Die anderen lachen. Nun ja – Rom wurde bekanntermaßen auch nicht an einem Tag erbaut.

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